25.10.1947

Stern-Schnüffler

Paris ist zwei Jahre nach dem Krieg wieder wie einst die "Ville Lumière", die Stadt des Lichts, geworden. Die Metropole an der Seine ist wie ehedem ein Magnet für die Touristen aus aller Herren Länder. Sie kommen nicht mehr in unübersehbaren Scharen. Aber es sind noch genug, um die neugierigen Pariser zur Kritik an den Eigenarten und Gebräuchen der Gäste zu reizen.
Die Pariser Zeitung "L'Ordre" hat eine Analyse der Touristen veröffentlicht. Sie typisiert die ausländischen Besucher.
Der Nordamerikaner: Ihn interessieren nur der Eiffelturm und der Arc de Triomphe. Sie sind das einzige, was ihm im Vergleich mit den Größenverhältnissen von drüben imponiert. Er findet sie "kolossal". Er stellt komische Fragen: "Wieviel, Steine wurden gebraucht, um die große Oper zu bauen?" Er zieht die Schönheiten in den Music Halls den Schönheiten im Louvre-Museum vor. Trotzdem will er alles sehen. Und schnell. Er vergißt leicht, ein Trinkgeld zu geben. Aber er kauft viel und wahllos in Antiquitätengeschäften und ist so schnell begeistert wie ein Kind.
Der Aegypter: Großzügig. Der kultivierteste aller Touristen. Man trifft ihn überall. Er besucht mit gleicher Begeisterung Museen, Kinos, Theater, Denkmäler, das Quartier Latin, die berühmten Markthallen, die Apachen-Bälle in der Rue de Lappe, die vornehmen Tanzlokale auf den Champs Elysées, die berühmten Friedhöfe und die ebenso berühmten Nachtklubs. Seine Widerstandskraft gegen Ermüdung ist beträchtlich.
Der Engländer: Er kommt nur noch geschäftlich. Er ist so unauffällig, daß man ihn kaum bemerkt. Er ist immer bereit, das Pariser Leben zu photographieren. Oft bleibt er minutenlang stehen, um den Sonnenuntergang über der Seine zu beobachten. Unglücklicherweise haben ihn die kürzlich in London verkündeten Finanzmaßnahmen zum armen Mann gemacht. Der Bedauernswerte muß in Dritter-Klasse -Hotels absteigen.
Der Südamerikaner: Wie sein nördlicher Nachbar ist er voller Geräusche, guter Laune und Devisen. Die Südamerikanerin ist schön, elegant und entwickelt Geschmack vor historischen Denkmälern. Sie ist Stammgast bei den großen Couturiers der Rue de la Paix oder in dem mit Geschäften überladenen Faubourg Saint Honoré. Ihr Gatte liebt alles. Er kauft en masse ein und zahlt mit königlicher Geste. Er bewohnt eine ganze Zimmerflucht in einem auserlesenen Hotel. Seine Ueberheblichkeit kontrastiert ein wenig mit der diskreten Eleganz seiner Frau.
Der Skandinavier: Er fühlt sich wie zu Hauses Unter den Ausländern ist er der einzige, der ein korrektes Französisch spricht. Er liebt das Theater und bevorzugt entweder die Klassiker im Richelieu oder die Avantguardisten Sartre, Anouilh und Cocteau. Man sieht ihn im Louvre ebenso wie im Invalidendom oder auf dem Friedhof Père Lachaise. Er ist ein besonderer Freund des Champagners. Dennoch ist seine korrekte Haltung beispielhaft. Als Mann von Disziplin beugt er sich respektvoll vor den Sternen seines Baedekers.

DER SPIEGEL 43/1947
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