25.10.1947

Ohne Schleier

Die kleine dunkelhaarige Frau, die heute im Presseamt in Belgrad am Schreibtisch sitzt, hat noch vor vier Jahren das Gewehr über der Schulter getragen und an den Kämpfen in den Wäldern des Balkans teilgenommen.
Sie trägt keine ihrer Tapferkeitsmedaillen. Aber an ihrem Handgelenk glitzert eine amerikanische Armbanduhr. Früher gehörte sie einem amerikanischen Flieger, dem sie bei der Rettung behilflich war, als er in den Bergen hinter den deutschen Linien aus einem Bombenflugzeug abgesprungen war.
Sie läßt durchblicken, daß die Idee der sozialpolitischen Revolution sie ganz und gar gefangen hält. Trotz der streng religiösen Familienüberlieferung erklärte sie ihren moslemitischen Eltern eines Tages, sie werde nie im Leben einen schwarzen Schleier tragen.
Kurz vor dem Krieg kam sie zum Studium nach Belgrad. Sie schloß sich sofort den radikalen Studenten an und demonstrierte für die Gewerkschaften und für Frauenrechte.
Sie verheiratete sich mit einem jungen Mohammedaner, der gerade so dachte wie sie. 1942 zogen beide in die Wälder, um an den Kämpfen gegen die Achsenmächte teilzunehmen. Während des Krieges bekamen sie einander nur selten zu Gesicht, da sie nach altem Partisanenbrauch verschiedenen Kommandos zugeteilt wurden. Heute arbeitet "er" im jugoslawischen Außenministerium.
1943 mußte Munira fliehen. Die Deutschen vertrieben ihre Brigade von 300 Mann, von denen zehn Prozent dem weiblichen Geschlecht angehörten, aus der Herzegowina. Danach war Munira nur noch Haut und Knochen; von ihren 100 Pfund hatte sie 30 verloren.
Durch diese Erlebnisse war sie für den Kampfeinsatz untauglich geworden. Ihr Temperament ließ sie indessen nicht ruhen. Sie wurde Werbeoffizier in den moslemitischen Dörfern Bosniens. Sie führte Tito eine ganze Division zu.
Im folgenden Jahr traf Munira den amerikanischen Flieger. Er nannte sich Peterson. Sein Begleiter war ein Engländer namens McDonald. Die Flieger blieben einen Monat bei den jugoslawischen Partisanen. Frau Karahasanowitsch, die nur selten lächelt und, wenn sie von Tito spricht, geradezu mit religiösem Ernst redet, wurde vergnügt und heiter, als sie von "Mac" und "Pet" erzählte.
1946 war Munira in London. Sie erkundigte sich nach ihrem Freund Mac. Sie fragte überall, wo sie einen Engländer namens McDonald finden könne, der im Kriege Flieger war. "Aber alle, die ich fragte," so erzählt sie, "lächelten nur und meinten: 'Du lieber Himmel, McDonalds gibt es Tausende und aber Tausende.'"

DER SPIEGEL 43/1947
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