25.10.1947

Rohr zur Ruhr

Die Autobahn hätte beinah einen kleinen Bruder bekommen. Der Krieg hat ihn daran gehindert, geboren zu werden. Name und Art stehen aber trotzdem schon fest. Es ist der Lastrohrkanal. Seine Idee lebt. Dr.-Ing. Eberhard Westphal, der Vater, will sie nicht sterben lassen.
Die Demontagen und Entflechtung erwartenden Reichswerke für Erzbergbau und Eisenhütten in Watenstedt-Salzgitter haben eine eigne Schiffahrts-Abteilung. Die Kohle für die - immer noch stillliegenden - Hochöfen mußte auf dem billigen Wasserweg herbeigeschafft werden. Dr. Westphal, Leiter der Abteilung, erfand ein Mittel, den Transport preiswert zu gestalten: Er konstruierte das Lastrohr, fügte je acht mal drei davon zusammen, und das "Westphal-Floß" war fertig.
Das erste Floß wurde 1943 auf der Werft Strassburg-Neudorf gebaut. Kriegswichtig und geheim. Heute pendelt es wacker auf dem Mittellandkanal hin und her. Es hat sich bewährt.
Das einzelne Lastrohr ist ein Kreiszylindermantel, aus dem etwa ein Viertel des Umfangs über die ganze Länge als Ladeluke herausgeschnitten ist. Fünf Schotte bilden vier wasserdichte Räume. Das Lastrohr ist drei Meter breit und 24 Meter lang.
Es wird von einem Spezialkran aus dem Wasser gehoben und durch einfaches Kippen entleert. Acht mal drei Lastrohre werden von einem Vor- und einem Hinterschiff gezogen und geschoben. Der Bug hat die größere Maschinenkraft. Hier kommandiert der Floßkapitän.
Bug und Heck haben je drei Mann Besatzung. Ein Kahnschleppzug - gleicher Tragfähigkeit benötigt mindestens 16 Leute. Neben der Möglichkeit, auf kürzeste Entfernung zu stoppen, besitzt das Floß im Gegensatz zum Schleppzug die Fähigkeit zum Rückwärtsfahren. Das komplizierte Wenden der Schleppzüge wird einfach durch Auswechseln von Bug und Heck ersetzt. Teilt man das Westphal-Floß in der Mitte, so kann jede Hälfte für sich manövrieren. Wie ein entzweigeschnittener Regenwurm.
Bis hierhin sind die Ideen Eberhard Westphals Tatsachen geworden. Geheiligt durch DRP 741 525 gingen sie den Weg aller deutschen Patente nach Washington. Zukunftsmusik sind einstweilen die Folgerungen geblieben, die der Erfinder aus dem Floß zieht. Visionär, sieht er alle großen Industriewerke durch Zwillings -Lastrohrkanäle mit gegenläufigem Verkehr untereinander verbunden. Er denkt vor allem an das Ruhrgebiet.
"Billiger Verkehr, billige Ware", sagt Eberhard Westphal. Die Begriffe Kohle- und Erzfracht, die heute gang und gäbe sind, werden sich bei Durchführung seiner Ideen wegen der Geringfügigkeit der Frachtsätze verlieren; betont er.
Wurm auf dem Mittellandkanal
Dr. Westphals Traum lebt

DER SPIEGEL 43/1947
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