25.10.1947

Lateinische Liebe

Die neueste Erfindung auf dem Gebiet der politischen Abkürzungen ist "Francit". Damit soll eine französischitalienische Zollunionsabsicht der Marshall-Welt kundgetan werden. Vater des noch ungeborenen Kindes ist der 75jährige Graf Sforza. Im Palazzo Chigi in Rom flüstert man jedoch, der Außenminister müsse sich mit dem Ex-Finanzminister der zweiten Nachkriegsregierung Campilli in die Vaterschaft teilen.
Am Quai d'Orsay betonte man allerdings zunächst nur den Glauben, die Vorbereitung einer gesamteuropäischen (mit einem Auge auf Moskau sagte man vorsichtshalber nicht westeuropäischen) Zollunion durch regionale Vereinbarungen stelle nicht nur eine Theorie dar.
Man zählte noch schnell die möglichen Vorteile einer solchen wirtschaftlichen Arbeitsteilung unter den lateinischen Schwestern auf. Die Franzosen könnten Düngemittel, Schrott, Eisenerze und Textilien liefern, die Italiener Reis, Gemüse, Früchte, Hanf, Wollstoffe und Spezialmaschinen. Aber in Rom sucht man vor allem Getreide, Kohle, Baumwolle und Erdöl. Die lateinische Schwester kann das nicht liefern. Aber Graf Sforza hat sich von "Francit" mehr erhofft als nur eine Austausch-AG. von Lebensmitteln und Rohstoffen. Er glaubt vor allem, bei internationalen Wirtschaftsverhandlungen, ähnlich wie die Benelux, eine verdoppelte Basis schaffen zu können.
Die Pariser Presse brachte die Absichten der "Francit" zunächst groß heraus, um sie dann plötzlich totzuschweigen. Es wurde auch gemunkelt, der ganze Plan sei nur ein Versuchsballon interessierter Bank- und Industriegruppen.
Auch der sozialistisch-kommunistische Stadtrat von Bayonne hat eine kleine Wirtschaftsliebe zu einer lateinischen Schwester. Er fordert die Öffnung der französisch spanischen Grenze für einen ungehinderten Warenverkehr. Die Stadtväter stellen fest, Frankreich könne die spanischen Rohstoffe (Erze, Quecksilber, Schwefelasche und Pottasche und landwirtschaftliche Produkte) gut gebrauchen. Frankreich könne dann seinerseits wieder Fertigwaren, Weine und Luxusartikel absetzen.
Sie kritisieren den verdrehten Zustand, daß die Spanier jetzt das früher von Französisch-Nordafrika gelieferte Phosphat in Aegypten kaufen, während die französischen Industriellen für teures Geld den spanischen Schwefelkies aus England beziehen. Sie bemerken verknurrt, Frankreich müsse nach dem Ausscheiden des deutschen Einflusses aus Spaniens Industrie zusehen, wie Amerikaner und Engländer dort ihr Geld anlegen.
In der französischen Presse wird darauf hingewiesen, die andern Nationen seien dem Beispiel der Handelssperre gegen Franco-Spanien, nicht gefolgt. Vor dem Krieg seien immerhin jährlich rund 10 Millionen Dollar gegenseitig umgesetzt worden. "Wenn zwei sich streiten, lacht der Dritte", erklärte die französische Zeitschrift "La Vie Economique". Natürliche Interessen seien wichtiger als politische Gefühle. Die französischen Automobilfabrikanten würden auf den spanischen Straßen lieber Peugeots und Renaulds fahren sehen als Wagen aus den USA.
Der Bayonner Stadtrat hat offene Augen. Wirtschaftliche Sanktionen unter Westeuropäern bezeichnet er im Zeitalter des Marshall-Plans als leicht verstaubt. Maurice Thorez, Frankreichs Kommunistenführer, möchte allerdings an den Pyrenäen Grenzwache halten. Die Bayonner Linke denkt anders. Es ist schwer für die französischen Wirtschaftler, francophil und doch nicht Francophil zu sein.

DER SPIEGEL 43/1947
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