25.10.1947

EINE „SPIEGEL“-SEITE FÜR VICTOR GOLLANCZ

Wenn ich für christliche Liebe gegenüber dem deutschen Volk eingetreten bin und auch gegenüber meinem eigenen Volk, dann habe ich es nicht getan, wie einige törichte Engländer oder Deutsche geglaubt haben, weil ich kein Gefühl für das hätte, was geschehen ist, weil ich die Bedeutung von Auschwitz oder Belsen nicht erkannt hätte oder weil ich nichts davon wüßte. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe selbst Beweismaterial in der Hand gehabt, und ich muß sagen, daß ich die Bedeutung durchaus nicht unterschätze, im Gegenteil.
Diese Greuel waren, aber nur möglich durch die grundfalsche Auffassung einer Gruppe von Menschen, die nicht mehr den Menschen, sondern nur noch die Materie in ihm sah. Man muß dagegen ankämpfen, nicht in einer lehrhaften dogmatischen Weise, sondern man muß durch Beispiele zeigen, daß der andere Weg falsch war. Wie sehr sich der Mensch bessert, hängt von dem Maße ab, in dem ihm Verständnis und guter Wille gezeigt wird. Ich selbst bin Vater von fünf Töchtern im Alter von 17 bis 25 Jahren und bin in der Erziehung von Menschen nicht ganz unerfahren. Wenn man in einem Moment des Aergers einem Kind gegenüber unfreundlich ist, so wird es störrisch und hartnäckig. Kommt man ihm aber mit Verständnis, Liebe und Güte entgegen, dann löst sich sofort die Schranke, und man hat wieder ein gutes Verhältnis hergestellt. Wir sollten und müssen wünschen, immer das Gute zu tun und nur das Gute anzunehmen.
Ich habe die Beispiele von Auschwitz und Buchenwald nur als Illustration benutzt und möchte es ganz klar aussprechen, daß ich nicht der Ansicht bin, daß das gesamte deutsche Volk schuldig sei. Ich halte nichts von der Kollektivschuld. Ich halte diesen Begriff für unchristlich und nicht liberal und im Grunde für eine Naziphrase.
Ich möchte ein Beispiel geben: Wenn hundert Menschen an einem besonderen Verbrechen teilgenommen haben, z. B. einen Mord begingen, dann ist es noch immer falsch zu sagen, daß alle diese Menschen den Mord ausgeführt hätten. Wenn 99 am Morde teilgenommen haben und einer ist unschuldig, dann kann man immer noch nicht sagen, die Gemeinschaft sei schuldig. Wenn man von Gemeinschaftsschuld spricht, ist es, als ob man behaupten wolle, daß jedes Kind schuldig sei, das 1933 geboren wurde. Es ist genau so unsinnig, als wenn man behaupten würde, jedes neugeborene Judenkind sei am Tode Christi schuldig. Ich sage, daß der Begriff Gemeinschaftsschuld lächerlich ist. Ich möchte die Konzeption der Kollektivschuld ausgelöscht wissen und dafür einen Begriff setzen, der die zukünftige Verantwortung aller Deutschen festlegt.
In Deutschland ist ein schweres Verbrechen begangen worden und nicht nur von der Regierung. Man könnte natürlich in die Geschichte zurückgehen und dabei feststellen, daß alle schuldig waren, auch die Alliierten. Aber schließlich: die überwältigende, endgültige Schuld an all diesen Verbrechen lag an der deutschen Staatsführung. Aus welchen Gründen es immer sein mag, der Deutsche muß empfinden, daß die furchtbare Bedrohung der Kultur von Deutschland ausgegangen ist, und es sollte Sache eines jeden Deutschen sein, sich zu bemühen und zu leben, um dieses große Unglück wieder gutzumachen. Ich möchte das Wort Vergebung nicht gebrauchen, da ich der Meinung bin, daß nur Gott vergeben kann. Aber nach meiner Auffassung ist es absolut lebensnotwendig, daß auch die Engländer und die Juden den Deutschen vergeben sollten; und es scheint mir auch lebensnotwendig, daß jetzt die Deutschen den Engländern vergeben, was diese im Augenblick tun. Sie sollten die Schwierigkeiten verstehen, sie sollten Gutes wünschen, auch wenn die Engländer Handlungen durchführen, die sie mit Recht mißbilligen. Sie sollten versuchen, sich in die Lage der Engländer hinein zu versetzen. Man kann das. Ich habe mich sogar in die Lage eines SS-Mannes hineinzuversetzen versucht, der im Kz. Juden mißhandelt.
Daß ich es ganz klar sage: Viele Deutsche sind nicht geneigt, sich in die Stelle eines Engländers hineinzudenken. Ich habe viele Briefe aus Deutschland bekommen. Man hat mich darin gefragt, ob es demokratisch sei, daß man die Deutschen von 700 Kalorien leben läßt. Möge Gott verhüten, daß ich ihnen nun als Antwort sage: "Habt ihr vergessen, was ihr getan habt?! Habt ihr vergessen, wie es in Belsen und Auschwitz ausgesehen hat?" Aber so wie ich darauf ausgehe, daß in den Engländern das Gefühl, den Deutschen Gutes zu wünschen, wachsen soll, so möchte ich davon ausgehen, daß in den Deutschen das gleiche Gefühl wächst, nämlich den Engländern Gutes zu wünschen.
Nach meiner Ansicht haben sich die Alliierten nach Kriegsende in Deutschland so benommen, wie man es eben von durchschnittlichen Menschen erwarten muß. Sie haben sich nicht als Heilige, aber auch nicht als Verbrecher gezeigt. Der Krieg war gerade zu Ende gegangen und schreckliche Dinge ereigneten sieh noch, z. B. die Austreibung der Deutschen aus Polen, die ich besonders bedauert habe. Wenn man die Politik von Potsdam betrachtet, dann ist eigentlich nicht mehr geschehen, als man eben von durchschnittlichen Menschen zu erwarten hatte.
Nun die Ernährungslage. Gerade in dieser Hinsicht bin ich immer wieder für Deutschland eingetreten. Aber die Alliierten haben weder die Deutschen verhungern lassen, noch haben sie Maßnahmen getroffen, sie genügend zu versorgen. Ich bedauere diese Tatsachen natürlich sehr, denn aus der Durchschnittlichkeit kann keine andere Welt geschaffen werden. Wir haben eben als Nation in dieser durchschnittlichen Haltung gehandelt. Möge Gott verhüten, daß ich mir die höhnische Haltung zu eigen mache und den Deutschen vorhalte: "Was hätte Hitler getan, wenn er den Krieg gewonnen hätte. Dann hätte er wahrscheinlich noch schlechter gehandelt." Das ist eine Haltung, die ich ablehne.
Nur durch gemeinschaftliches Wollen kann es zu einer Versöhnung kommen. Man darf es nicht zulassen, daß sich eine neue Feindschaft in Deutschland entwickelt, daß ein neues Rachegelüst entsteht. Nehmen wir den Fall der Ostgrenze. Ich betrachte sie als ein großes Unrecht, ich habe das immer wieder gesagt, und ich scheue mich nicht, es erneut in aller Oeffentlichkeit auszusprechen. Es ist aber falsch. Die Deutschen erweisen ihrer Sache den schlechtesten Dienst, wenn sie sich dadurch hinreißen lassen, Gefühlen nachzugeben, die an der Lage doch nichts mehr ändern. Die Ostgebiete sind verloren, das muß als Tatsache hingenommen werden. Ich werde diese Loslösung der Ostgebiete bis an mein Lebensende sehr bedauern. In derselben Weise aber, wie ich die Rachegefühle eines Juden, der durch die Nazis gelitten hat, für unrecht und boshaft halte, halte ich es für boshaft, wenn die Deutschen nicht über den Verlust der Ostgebiete hinwegkommen. Das Gefühl der Rache muß endgültig ausgeschlossen bleiben.
Noch einen weiteren Punkt möchte ich erwähnen. Ich habe in Deutschland eine besonders starke Neigung zur Verallgemeinerung bemerkt. Man sagt auch hier in England: "Die Deutschen tun dies, die Deutschen tun das. Die Deutschen schicken die Leute in die Konzentratienslager." Und meine Antwort war die: "Was tun die Deutschen in den Konzentrationslagern? Schicken sie sich selbst hinein?" Genau so ist es mit den Juden. Die einen sagen, der Jude sei Kapitalist oder Kommunist. Es ist dies eine erschreckend unklare Massenbezeichnung. Es gibt nur bestimmte Wesen: Individuen, Deutsche. Engländer, Russen usw. Wenn Deutsche zu mir kamen und sagten: "Die Engländer tun dies", dann antwortete ich: "Meinen Sie mich oder Lord Vansittard?" Besonders aber habe ich diese Meinung den Russen gegenüber bemerkt. Lassen Sie diesen Verallgemeinerungen keinen Platz.
Ich verabscheue den Kreml beinahe so sehr wie Hitler; nicht ganz so, aber beinahe. Wenn ich nun sage, daß es für die Deutschen keine Kollektivschuld gibt, so dürfen sie nicht zulassen, daß man für das, was die russische Staatsführung tut, alle Russen verantwortlich macht. Die Russen sind gerade solche Menschen wie die Deutschen und ich und wir alle. Sie arbeiten genau so wie die Deutschen und wie ich, und sie schreiben Gedichte, wenn Stalin es ihnen erlaubt. Aus dieser unklaren, allgemeinen Feindseligkeit gegen eine gesamte Gruppe von Menschen entstehen die Kriege. Ich bin selbst ganz offen gegen die Staatsführung in Rußland eingestellt, aber ich stehe unbedingt auf seiten des russischen Volkes.
Ich - und hier spreche ich für viele Engländer - achte die Deutschen. Ich wünsche ihnen das allerbeste, und ich hoffe, daß die Deutschen genau so die Engländer achten und ihnen das Beste wünschen werden.
Geboren 1893 in London als Sohn eines aus Polen stammenden Rabbiners. Theologie-Studium. Dann Schriftsteller, und Verleger. Nach 1945 wiederholt in Deutschland. Gründete Hilfsaktion "Rettet Europa jetzt". Fürsprecher für die notleidende deutsche Bevölkerung, vor allem in seiner Schrift "In Darkest Germany".
Von Victor Gollancz

DER SPIEGEL 43/1947
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