25.10.1947

Messer, Blut, Liebe

Selbst Heinz Hilpert, der neugebackene Frankfurter Intendant, mußte sich mit einem Balkonplatz begnügen.
Wer das Glück hatte, zur deutschen Erstaufführung der "Bluthochzeit" von Garcia Lorca in den Württembergischen Staatstheatern in Stuttgart noch eine Karte zu bekommen, befand sich in bester Gesellschaft.
Federico Garcia Lorca war Spanier. Der 37jährige Bauernsohn wurde 1936, drei Jahre nach der Madrider Uraufführung seiner "Bluthochzeit", von Falangisten ermordet. Seine Bücher verbrannten auf dem Scheiterhaufen.
Garcias Stück spielt unter spanischen Bauern, sein Thema ist die Blutrache. Vater und Bruder eines Bräutigams sind von der Sippe des Nebenbuhlers ermordet worden. Der Rivale, Leonardo, wollte selbst die Braut heiraten, war aber zu arm dazu und nahm eine andere. Aber Leonardo und die Braut des anderen lieben sich noch, und bei der Hochzeit entführt er sie. Der Bräutigam verfolgt das Paar, es kommt zum Zweikampf, beide Männer fallen, die Braut bleibt keusch und am Leben.
Diese Handlung, in der Blut, Messer und Liebe dominieren, wird überwuchert von Gesängen, von lyrischen Einlagen, von Symbolismen. Der Mond tritt auf und der Tod, als Bettlerin verkleidet.
Das Stück ist erfüllt von Erregung, Ekstase, Leidenschaft und ungestümer Gewalt. Aber es wird gehemmt durch die bilderreiche Lyrik, die dem heutigen deutschen Publikum fremd klingt.
Die "Bluthochzeit" stammt aus der Tradition des spanischen Barocktheaters, die Züge Calderons und Lope de Vegas sind unverkennbar. Die vokalreiche, üppige spanische Sprache ist schwer ins herbe Deutsch zu übersetzen. Wo die Sprache einfach und bäuerlich klingen soll, da erscheint sie den Zuhörern wunderlich, steif und geziert. Man denkt an Goethe, der von Schlegels Calderon-Uebersetzungen sagte, es seien "schön ausgestopfte Fasanen".
Hermine Körner, die sich nicht mehr gern photographieren läßt und eine doppelte Zensur über alle Pressebilder ausgeübt wissen will, führte Regie. Sie ließ das Stück breit und brokaten ausspielen und kämpfte erfolgreich gegen unechte Töne.
Hermine Körner spielte auch die Mutter, eine vom Schicksal verfolgte Märtyrerin: im ersten Bild trostlos wie ein Bild von Munch, mit toten Augen und brüchiger Stimme, von Mutterliebe und Sippenhaß getrieben.
Die Braut war Gisela Uhlen, ein wildes, dem geliebten Mann höriges Naturkind. Erich Ponto spielte den Tod unheimlich in der Maske einer Bettlerin.
Die Aufführung war packend. Das Publikum ging mit. Die Ovationen galten mehr den Schauspielern und der Regisseurin als dem Stück.
Die Braut bleibt keusch und am Leben
Gisele Uhlen und Regisseuse Hermine Körner

DER SPIEGEL 43/1947
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