25.10.1947

Besuch in der Hochzeitsnacht

Das Berliner Filmpublikum war neugierig auf den Film "Die Frau von der man spricht", weil Katharine Hepburn darin spielt. Es hatte von ihr gehört und gelesen, sie sei eine typische Intellektuelle, eine "high-brow"-Schauspielerin, furchtbar gebildet, und spreche sieben Sprachen.
Sie ist eine Intellektuelle als Tess, als "Frau von der man spricht", eine Frau mitten im dichtesten Getriebe des Journalismus. Komplikationen ergeben sich aus der Liebe zwischen dieser prominenten Dame und einem handfesten Burschen von Sportredakteur (Spencer Tracy).
Sie auf dem Sportplatz, das geht noch. Er in ihrem Kreis von Berühmtheiten, ratlos, kein Wort verstehend, das ist unmöglich. Wenn er auf ein Frauenmeeting geht, kreischt das Publikum vor Vergnügen über den Unfug, den er in seiner Ungewandtheit anrichtet.
In der Hochzeitsnacht ist das Schlafzimmer voll von prominenten Leuten, die die berühmte Journalistin brauchen. Tess adoptiert aus mondänen Rücksichten ein Kind, anstatt sich der Unbequemlichkeit auszusetzen, selber ein Kind zu kriegen. Der Mann geht davon.
Tess geht hinterher und in sich und versucht, ihrem Mann ein Frühstück zu bereiten. Unter dem stürmischen Jubel des Publikums schlagen alle Tücken einer mit jedem technischen Raffinement ausgestatteten Küche über der Intellektuellen zusammen. Sie will den Beruf ihrem Manne überlassen und nur noch "seine" Frau sein.
Das ist ein etwas gewaltsamer Schluß. Aber es ist ein Film mit reizenden Einfällen. Der Regisseur George Stevens versteht sich darauf, die Figuren durch filmische Mittel zu charakterisieren, Katharine Hepburn fand man nicht eigentlich hübsch. Etwas staaksch, aber sehr weiblich. Und mit viel Humor. Sie hat niemand enttäuscht.
Im Getriebe des Journalismus
Spencer Tracy und Katharine Hepburn

DER SPIEGEL 43/1947
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DER SPIEGEL 43/1947
Titelbild
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