25.10.1947

Filme mit Lorbeer

Es war Frankreich, das von der feierlich drapierten Leinwand der Filmarenen in Brüssel, Locarno, Venedig und Cannes Triumphe nach Hause brachte. Jetzt sind seine preisgekrönten Filme auf dem Wege über weniger festliche Leinwände. In Baden-Baden wurden bereits drei von ihnen gezeigt, vorerst nur für Franzosen.
"Monsieur Vincent" ist der Film, mit dem Pierre Fresnay sich in Venedig den Preis für den besten Schauspieler errang. Jean Anouilh schrieb Drehbuch und Dialoge. Maurice Cloche inszenierte. Der Film ist eine Biographie des heiligen Vinzenz von Paul, des Begründers der christlichen Caritas im 17. Jahrhundert.
Fresnay spielt Monsieur Vincent als den, der er war: als einen einfachen, bescheidenen kleinen Monsieur. Aus seinem alltäglichen Gesicht leuchten von innen her die Verklärung, die Glaubenskraft und die Gottesfurcht.
Auch "Quai des Orfèvres" wurde in Venedig mit einem 1. Preis ausgezeichnet. Am Quai des Orfèvres zu Paris hat das Polizeipräsidium seinen Sitz, es ist also ein Kriminalfilm, aber er unterscheidet sich von der Dutzendware dieser Gattung wie ein literarisches Kunstwerk von einem Schmöker.
Präzise und zäh findet sich ein Inspektor am Ariadnefaden der Logik durch ein Labyrinth der Verdächtigungen. Ein Manager, ein lasterhafter Greis, wurde ermordet. Eine Variétésängerin hatte ein Rendezvous min ihm, sie schlug ihn nieder, mit einer Sektflasche, als er zudringlich wurde, aber sie ist nicht die Mörderin. Ihr Mann stieß Drohungen gegen den Greis aus und war am Tatort, und dort war auch ihre Freundin, die sanfte Photographin Dora. Aber auch sie sind nicht die Mörder. Inspektor Antoine klärt alles auf.
Der Film ist reich an neuartigen Regieeinfällen. Einer von ihnen: ein minutenlanger, akustisch ununterbrochener Eifersuchtsdialog zeigt die Gesprächspartner in rasch wechselnder Einstellung, in verschiedenem Anzug, zu verschiedenen Tageszeiten, in stets anderer Umgebung.
Suzy Delair spielt mit Charme, gutsitzender Stimme und einem Stich ins Ordinäre die Sängerin, Simone Renant, still und blond, die Freundin Dora. Der große Louis Jouvet, zum erstenmal in einer detektivischen Rolle, spielt den Inspektor. Er gibt ihm die Züge eines kauzigen Sonderlings mit gutgetarnter Berufsschläue. Von Unscheinbarem, leicht komischem Aeußeren, mit saloppen Manieren und zwanglosem Umgangston beherrscht er die Handlung.
Kaum 3 Wochen nach der Preiskrönung in Cannes lief in Baden-Baden "Antoine et Antoinette". Ein Film, in dem viel vom Herzschlag der großen Stadt Paris eingefangen ist.
Antoine und Antoinette (Roger Pigaut und Claire Maffei) wohnen in einer winzigen Mansarde, die wie ein Vogelkäfig über den Dächern wie mitten in der Sonne hängt. Er arbeitet in einer Druckerei, sie am Photomaten eines Einheitspreisgeschäfts. Sie lieben sich, sie sind glücklich, sie sind arm, und wenn Antoinette ihre paar Wünsche mit dem Lippenstift auf den Wandspiegel schreibt, ist das eine sehr rührende Szene. Am Ende gewinnen Antoine und Antoinette in der Lotterie das große Los.
Der Regisseur Jacques Becker hat das alles ganz einfach ohne Phrasen, sehr zart dargestellt. Es ist ein Film, der Heimweh nach Paris machen kann, ein echter Ausschnitt aus dieser zärtlichsten aller Städte.
Sie lieben sich, sie sind glücklich
Antoine und Antoinette (R. Pigaut, C. Maffei)
Unschuld, leicht ordinär (Suzy Delair) - Unschuld, sanft und blond (Simone Renant)

DER SPIEGEL 43/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Filme mit Lorbeer

  • Filmstarts: Kinder mit Kanonen
  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"