25.10.1947

Tristan amüsiert sich

In Hollywood wird ein neues musikalisches Lustspiel gedreht, in New York trauern die Wagner-Verehrer, alles um Lauritz Melchior. Der voluminöse Wagner-Star der Metropolitan-Oper will sich in Kalifornien niederlassen, wo der Film ihn mehrere Monate mit Beschlag belegen wird. Den Metropolitan-Abonnenten bleibt der Trost, ihr Idol wenigstens in einem Wagner-Zyklus zu hörern und zu sehen.
Es ist 21 Jahre her, daß Lauritz Melchior, der einmal in der Königlichen Oper Kopenhagen als Bariton angefangen hat, zum ersten Male in der Metropolitan sang. In den berühmten Opernhäusern und auf den großen Musikfestspielen war das internationale Publikum enthusiasmiert von seinem Tristan und seinem Siegfried. Man hatte keine Bedenken, ihn, der im Singen von Wagnerrollen einen Rekord hält, den größten Wagnersänger der Welt zu nennen. Sechs Jahre, sang er auf Einladung von Siegfried und Cosima Wagner in Bayreuth und gehörte bis 1933 zu den Prominenten der Berliner Staatsoper.
Heute sind der dänische königliche Kammersänger und seine Frau Maria, geborene Hacker, gebürtige Münchnerin und frühere Filmschauspielerin, amerikanische Staatsbürger. Sie haben zwei Kinder und feierten vor kurzem ihre Silberhochzeit, ein sehr glückliches Ehepaar, wie man sich erzählt. Jeden Abend, wenn Melchior auf der Bühne steht, sitzt die zierliche Frau Maria in der Loge.
Lauritz Melchiors Filmrollen haben mit seinem Opernrepertoire wenig zu tun. 1944 filmte er zum ersten Male. Er hatte in einer Komödie eine Rolle, die ihm geradezu auf den fülligen Leib geschrieben war. Er spielte einen berühmten Sänger, der seine Ferien in einem Luxushotel verbringt, wegen einer sichtlich notwendigen Abmagerungskur Unterschiedliche Abenteuer zu bestehen hat und das Liebespaar des Filmes sozusagen zusammensingt.
Im Augenblick ist Melchior mitten in der Arbeit an dem musikalischen Lustspielfilm "This Time for Keeps". Er tritt wieder als Opernsänger und außerdem als verständnisvoller Vater in Erscheinung.
Melchior kann hier von seinem heiteren Temperament und seinem ausgeprägten Sinn für Humor Gebrauch machen, wozu er bei Richard Wagner keine Gelegenheit hat. "Ich habe doch wohl das Recht, mich auch etwas zu amüsieren", sagt er.
Wirklich scheint er beim Film auf seine Kosten zu kommen und auch Gefallen zu, haben an den hübschen Frauen, die seine Partnerinnen und um ein angenehmes Maß schlanker sind als die Damen von der Metropolitan. Er selbst ist allerdings ziemlich weit davon entfernt, schlank zu sein. Mit seiner riesigen Gestalt und seinen 200 Pfund Gewicht macht er, auch ohne den Mund aufzutun, einen unvergeßlichen Eindruck.
Voluminöser Lohengrin
Königlich dänischer Lauritz Melchior

DER SPIEGEL 43/1947
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