25.10.1947

Offene Ketzerei

Ein Buch hat in der anglikanischen Kirche Aufruhr entfacht. Sein Titel: "The Rise of Christianity" (Erhebung der Christenheit). Der Verfasser: der 73jährige Bischof von Birmingham, Dr. Ernest William Barnes.*)
Die englische Oeffentlichkeit nimmt an dem Aufruhr regen Anteil. Spaltenlang wissen die Zeitungen darüber zu berichten, zum Teil sogar auf der Titelseite.
"Offene Ketzerei", sagte Dr. Geoffrey Fisher, Erzbischof von Canterbury und Haupt der anglikanischen Kirche, über das Buch. Und berief die Synode von London ein. 26 Bischöfe und zahlreiche Geistliche strömten aus ganz England in das Church-Haus von Westminster.
Dr. Barnes mußte seine Verteidigungsrede improvisieren. Erst bei der Ankunft am Vorabend der Synode hatte er erfahren, daß sein Buch der Grund für deren Einberufung sei. Nicht ein einziges Exemplar des erst im März erschienenen Werkes konnte er in London auftreiben. Die ganze Auflage war bereits vergriffen.
Der Anlaß zu dem umstrittenen Buch, war die Sorge des Verfassers um die zunehmende Entfernung der Jugend von den Lehren der Kirche. Besonders die naturwissenschaftlich vorgebildeten Christen lehnen nach seiner Meinung den Wunderglauben des neuen Testaments ab. Wenn nicht die Kirche einen Mittelweg zwischen Aufklärung und Buchstabenlehre fände, dann würden eines Tages all diese Menschen für den Glauben verloren sein, gab Dr. Barnes zu bedenken.
Der Bischof erklärte, er habe in seinem Buch nur die Wunder des Neuen Testaments analysieren wollen. Er griff drei Punkte heraus: Die unbefleckte Empfängnis, Christi Auferstehung und die christliche Taufe.
Wenn die Biologie erweisen kann, daß im menschlichen Leben eine jungfräuliche Empfängnis möglich ist, wären die Zweifler beruhigt, meint Barnes. Jene aber für die Religion unbedingt mit Wundern verbunden sei, würden beunruhigt sein. Wie es sich auch auf der Synode zeige. Das gleiche gelte für die Auferstehung Christi.
Die Taufe mit ihrer Tilgung der Erbsünde sei nachweislich im frühen Christentum nicht üblich gewesen. Wenn man heute eine Statistik der Lebensführung getaufter und ungetaufter Menschen vergleichen würde, so wäre das Ergebnis sehr fragwürdig. Damit sei die tatsächliche Wirkung der Taufe verstandesgemäß stark anzuzweifeln.
Der Aufruhr über das Buch rühre nicht so sehr von seiner zersetzenden Theorie her, als von der Tatsache, daß ein anglikanischer Bischof es schrieb, sagte Dr. Fisher in seiner Antwort auf die Verteidigung des Autors. "Wenn seine Meinung die meinige wäre, so würde ich mich für ein bischöfliches Amt nicht länger berufen fühlen." Im übrigen sei von einer Amtsentfernung noch nicht die Rede.
"Es ist auch nicht die Rede davon", sagte der weißhaarige Bischof von Birmingham, "das Volk steht hinter mir."
*) 1939 erregte Dr. Barnes erstmalig die kirchliche Welt Englands mit seiner Behauptung, daß die meisten religiösen Menschen Angst vor der Erkenntnis hatten. 1940 chokierte er England mit seinem Aufruf zur Milderung der Blockade gegen Deutschland: "Wenn Dein Feind hungert, speise ihn." Erst vor kurzem predigte er von der Kanzel die Legalisierung der Sterilisation bei Erbkranken.
"Das Volk steht hinter mir"
Dr. Barnes, Bischof von Birmingham

DER SPIEGEL 43/1947
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