25.10.1947

Der schwerste Kampf

Ich danke Ihnen!" Deutschlands Ex-Halbschwergewichts - Meister Heinz Seidler macht einen artigen. Diener. Als er sich umdreht, zieht zum ersten Male an diesem Tag ein Lächeln über, sein glattrasiertes Boxergesicht. Er hat den aufregendsten Kampf seiner Laufbahn endlich siegreich bestanden: seine Entnazifizierung.
Mit einer guten Stunde Verspätung hatte die Verhandlung im Physiksaal einer Knabenoberschule in Berlin-Wilmersdorf begonnen. Seidler zerknautschte nervös seine Unterlagen zwischen den Ko-Fäusten. Dann saß der 29jährige breit und massig vor den Richtern. Zuerst mußte er seine braune Vergangenheit beichten.
1937 ist er in die SS-Sportgemeinschaft eingetreten - weil sich ihm dort bessere Möglichkeiten zur Ausübung seines Sports boten. Wenig später geht er in die Partei - um seinem Vater, einem alten SPD -Funktionär, weitere Verfolgungen zu ersparen. Im Krieg schließlich wird er Sportlehrer bei der Waffen-SS - um der Einberufung zur Wehrmacht zu entgehen. Die Beförderung zum Unterscharführer verdankt er "sportlichen Erfolgen". "Ich habe nie eine Ahnung von Politik gehabt", beteuert er immer wieder. Und wie ein Gewehr funktioniert, weiß er heute noch nicht. Das Gewehr glaubt ihm die Kommission gern, aber nicht die politische Ahnungslosigkeit. Der Boxer legt die niedrige Stirn unter den ölig-schwarzen Haaren in Falten und blickt düster.
Dann beginnt die Zeugenparade. Ein Trainingspartner zählt die Ausdrücke auf, mit denen Seidler die Nazis belegt habe. Das Publikum prustet, die Kommissionsmitglieder blicken auf ihre Kollegin und winken ab. Als ein altes Männlein vom Tierschutzverein erscheint - er habe immer den Hund vom Heinz gepflegt, und er, Heinz, sei immer so gut zu dem armen Tier gewesen - finden auch sie Grund zur Heiterkeit.
Pressephotograph Baron v.d. Nolden erregt das Mißtrauen der Kommission. Wenn er, wie er behauptet, den Appellanten seit 1942 beruflich kenne, sei er also bereits mit 17 Jahren Pressephotograph gewesen. Der jugendliche Baron ist dicht zu erschüttern. Er bleibt bei seiner Aussage und auch bei seinem frühzeitigen Berufsbeginn.
Dann aber beginnt Seidler Pluspunkte zu sammeln. Sportarzt Dr. Müller-Eisert bestätigt eine Selbstverstümmelung: Der Boxer hat sich eine Fußwunde beigebracht und Säure hineingeträufelt um nicht Soldat werden zu müssen. Im Kriege hat er eine Polin geheiratet (von der er inzwischen wieder geschieden ist) und sie dem SS-Rasseamt gegenüber als Volksdeutsche ausgegeben. Und schließlich hat er von 1943 bis zum Kriegsende einen Juden bei sich in der Wohnung versteckt. Das ist der Ko-Schlag für die Kommission. Der schwerste Beidhandschläger des deutschen Boxsports ist entlastet. Unten rennt seine kleine schwarze Frau mit grasgrünen Schuhen quer über den Schulhof und fällt ihm um den Hals. Vier Stunden hat sie im selbstgesteuerten Adler-Sportwagen die längstieligen Glückwunsch-Blumen gehütet.
Gift gegen den Krieg
Entnazifizierungskuß für Heinz Seidler

DER SPIEGEL 43/1947
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