08.11.1947

Vorletzte Chance

Das Vorgefecht für London wurde in Berlin geliefert. Anfang der Woche tat der amerikanisch lizenzierte "Abend" einen Griff in die Vergangenheit und veröffentlichte Fotos, die Marschall Stalin und den früheren, in Nürnberg gehenkten Reichsaußenminister von Ribbentrop zur Zeit des Abschlusses des deutsch-russischen Freundschaftsvertrages 1939 zeigten.
Am Mittwoch darauf ließ die russisch lizenzierte "Berlin am Mittag" auf ihrer ersten Seite den ehemaligen englischen Ministerpräsidenten Neville Chamberlain zusammen mit Naziführern während der Münchener Konferenz 1938 im Bilde auferstehen. Darunter stand zu lesen: "Münchener Bilderbogen - Aus der Zeit des großen Liebeswerbens um die faschistischen Aggressoren."
An dem gleichen Mittwoch startete Robert D. Murphy in Berlin zum Flug nach London. Der diplomatische Berater des amerikanischen Militärgouverneurs ist erst vor gut einer Woche mit Clay aus Washington zurückgekehrt. Damals hatte der General die Reporter mit der Ankündigung seines bevorstehenden Rücktritts im nächsten Jahr überrascht.
Wie inzwischen der diplomatische Korrespondent von "Newsweek", Edward Weintal, erfahren haben will, hat sich Clay nur auf drängendes Zureden seines alten Freundes William H. Draper, Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, dazu verstanden, auf ein sofortiges Ausscheiden zu verzichten. Das Einverständnis des Außenministeriums, die Uebertragung der Geschäfte in der US-Zone an eine zivile Verwaltung einstweilen zu verschieben, soll weiterhin Clay zum Nachgeben veranlaßt haben.
Fast gleichzeitig mit der einstweiligen Rückkehr des amerikanischen Generals nach Berlin schied Sir Sholto Douglas endgültig aus Deutschland. Am 1. November übernahm Sir Brian Robertson vollends die Geschäfte des Militärgouverneurs.
Während in der Bizone die Besetzung der Militärregierungen vorläufig geklärt wurde, trat in London zum zweitenmal innerhalb eines Jahres die Vorkonferenz der Außenministerstellvertreter zusammen. Schauplatz ist wieder der runde Tisch im Lancasterhouse. Bei der Eröffnung fehlte Englands ständiger Vertreter und Unterhändler Sir William Strang. Er muß erst in Washington die Verhandlungen über die zukünftige Verteilung der Besatzungskosten abschließen.
Sechs Wochen, vom 14. Januar bis zum 25. Februar, hatte die erste Londoner Außenministerstellvertreter-Konferenz gedauert. Ihre Ergebnisse waren mager. Zwar hatten zum Schluß die vier Sonderbeauftragten einen Bericht an den Rat der Außenminister unterzeichnet. Aber darin machten die vier Delegationen im wesentlichen getrennte Vorschläge und überließen es der damals bevorstehenden Außenministerkonferenz, eine einigende Formel zu finden. Sie wurde in den 45 Tagen der Moskauer Besprechungen nicht gefunden.
Londoner Korrespondenten sehen nur noch die eine Möglichkeit, daß durch überraschende neue Entwicklungen die Vertreter der vier Großmächte wieder auf die Linie der Potsdamer Beschlüsse zurückfinden könnten. Unter diese denkbaren Ueberraschungen rechnen sie nicht den vielfach prophezeiten sowjetischen Vorschlag, alle Besatzungstruppen aus Deutschland zurückzuziehen. Ueberdies könnte all das erst zur Sprache kommen, wenn sich, ebenfalls noch im November, die Großen Vier selbst wieder zusammensetzen. Ihren Stellvertretern bleibt nur die Vorbereitung.
Noch ist es eben nicht um die Warte des französischen Außenministers Bidault zu gebrauchen, die "Konferenz der letzten Chance". Es ist erst die vorletzte.

DER SPIEGEL 45/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"