08.11.1947

Der spätere deutsche Gruß

Aufmerksam sah sich Helmut Müller um, als er im Sommer 1946 das erstemal an einer Vorstandssitzung der Deutschen Konservativen Partei in Hamburg teilnahm. An den Wänden des Sitzungssaales hingen Offiziersbilder, und Helmut Müller erkannte darauf manchen der Herren in Zivil, die straff und mit erzener Stimme um ihn herum saßen.
Helmut Müller hatte den Herren von der DKP empfohlen, sich ein wenig um die weltanschauliche Festigung des von ihm geleiteten Sportvereins zu kümmern. Die Männer um den kränkelnden Vorsitzenden Dr. Ziegeler bewahrten zwar zunächst Reserve, aber schließlich, im August, sagte sich der DKP-Jugendleiter und ehemalige Oberleutnant Günter Gaab zu einem Vortrag an.
Statt seiner erschien im Jugendheim Hamburg-Berne Herbert Wedel, ein ehemaliger Unteroffizier, 27 Jahre alt, einarmig - eine grimmig-martialische Erscheinung. Die Frauen unter den versammelten Sportbegeisterten summten BDM-Lieder, die Männer erzählten Fronterlebnisse, heftig wurde gegen die Marxisten vom Leder gezogen.
Da wurde dem Unteroffizier bald warm. In der DKP-Jugendgruppe um Gunter Gaab seien zumeist aktive Offiziere, erzählte er, und wenn es wieder losgehe, sei Rußland der erste Gegner. England und Amerika kämen später dran. Der ältere DKP-Vorstand habe in dieser Hinsicht etwas verkalkte Ansichten, aber man brauche diese Leute, sie müßten ja schließlich die Wehrmacht ausrüsten.
Bedenken der Sportler, die Konservativen könnten mit dem inneren Feind zu milde umgehen, konnte Wedel zerstreuen. Juden und sozialistische Funktionäre würden nach der Machtergreifung ohne Verfahren liquidiert, geringere Staatsfeinde in Konzentrationslager gesperrt. Der Nürnberger Prozeß sei eine Schweinerei und Adolf Hitler für jeden anständigen Deutschen unantastbar. Ueber den späteren Deutschen Gruß werde man sich schon einigen.
Man plauderte noch dies und das: der und der DKP-Kandidat denke genau wie Gaab und Wedel, Ziegeler allerdings gebe den antifaschistischen Kräften zu sehr nach. Dann schied Wedel von den neuen Freunden.
Kurz vor der Oktober-Wahl strich die Militärregierung 18 von den 53 DKP-Kandidaten. Und dann saß Wedel eines abends in einer SPD-Versammlung und wurde bleich: das Podium bestieg Helmut Müller, SPD-Jugendsekretär von Hamburg-Berne. Die angeblichen Sportler waren junge Sozialisten gewesen, und im Hintergrund standen zwei Hamburger Journalisten, die bei Untersuchungen eines privaten "Antifaschistischen Aktionsausschusses" über Untergrundtätigkeit ehemaliger Offiziere auf Gaab und seine Leute aufmerksam geworden waren und Näheres wissen wollten.
Mit der Parole "Frische Luft in die Partei" machte sich Gaab daran, den alten Vorstand zu entfernen, ehe diesem die Gesprächigkeit seines Kumpanen Wedel bekannt wurde. Er bekam Einfluß auf den "Konservativen Boten", das Mitteilungsblatt der DKP und seinen Redakteur, Fräulein Cordes, in der DKP-Jugend "der hübsche Schlachtkreuzer" genannt. In das Haus von Fräulein Cordes wurde das Parteibüro verlegt. Sie selbst allerdings wurde inzwischen von der Militärregierung aus der Redaktion entfernt, und der "Konservative Bote" erschien nach einem Verbot mit gemäßigter Tendenz und als reines Partei-Mitteilungsblatt wieder.
Günter Gaab kostete die offene, bald radikale Opposition gegen Ziegeler seine Stellung: wegen "parteischädigenden Verhaltens" wurde er als Geschäftsführer abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen. Aber er läßt nicht locker. Einen Versuch, die DKP-Jugend von der Partei zu spalten und eine neue Partei zu gründen, machten die jungen Konservativen zwar nicht mit, aber sie wünschen einen verjüngten Vorstand. Und in dem könnte Gaab wieder eine Rolle spielen.
Der Unteroffizier Wedel ist inzwischen Hellweges Deutscher Partei beigetreten. Gaab, der Ausgestoßene, geht mit einer wachsenden Anhängerschaft legaler Parteigenossen in die Winterschlacht, und man munkelt von Rücktrittsabsichten, ja sogar einem Parteiaustritt Dr. Ziegelers. Eingeweihte halten es allerdings für möglich, daß die Partei den Winter gar nicht übersteht. 2 500 Stimmen hatte sie in Hamburg, dem einzigen Wahlkreis, wo sie bisher lizenziert ist, bei den Herbstwahlen bekommen.
Konservative Botin Junge Leute schmeicheln Frl. Cordes

DER SPIEGEL 45/1947
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