08.11.1947

Das Beispiel Rußlands

Geh nach Haus, Kind, laß das Weinen", gröhlten die Lautsprecher vor dem ausgebombten hannoverschen Opernhaus, bevor Niedersachsens kommunistischer Minister ohne Portefeuille Karl Abel die Treppe zum rot drapierten Balkon erkletterte und seinem 700köpfigen Auditorium mitteilte, der für den nächsten Tag angesagte "Kongreß für Brot, Kohle, Gerechtigkeit und Frieden" sei von der Militärregierung verboten worden.
Der Kongreß sei von der "Sozialistischen Einheitsbewegung" einberufen, und die sei in ihrer Zone nicht genehmigt, hatte die Militärregierung wissen lassen. "Schumacher!" riefen Einheitsfreunde mit sich drückenden Händen im Knopfloch.
Der aus der SPD ausgeschlossene ehemalige hessische Innenminister Hans Venedey, dessen Rede der Clou der Kundgebung werden sollte, war auch nicht gekommen. Seinen Part übernahm ein schwarzhaariger, 27jähriger junger Mann aus Hannover namens Hans Hubert. "Wir werden wachsen, schneller als bisher. Die patriotischen und nationalistischen Kräfte werden zu uns stoßen", orakelte er.
Bei einer Pressekonferenz in einem hannoverschen Hotelkeller hatte Hans Hubert sich und seine Sozialistische Einheitsbewegung vorgestellt. "Wir haben keine eigene Organisation", erläuterte er mit leiser Stimme, "und darum können wir auch keine eigene Pressekonferenz veranstalten. Die KPD hat für uns die Einladung übernommen." Er selbst ist kein Parteimitglied.
"Der Kongreß hat mit der kommunistischen Partei nichts zu tun." Die Pressevertreter tun etwas ungläubig. Sie wollen die Namen der verantwortlichen Leute wissen. Hubert nennt nur Sozialdemokraten. "Größtenteils wurden sie inzwischen ausgeschlossen." Und auf eine weitere Frage: "Ach so, Minister Abel von der KPD auch noch."
Kein Schild am Hause Klopstockstr. 3 in Hannover verkündet, daß sich dort die Redaktion der kommunistischen Wochenzeitschrift "Neuer Weg" befindet. Hier ist die Arbeitsstätte des parteilosen Hans Hubert. Er erscheint mit einem mißtrauischen, verschlossenen Herrn und einem jungen Mann, der einen Stenogrammblock parat legt.
"In den drei Jahren russischer Gefangenschaft habe ich die Richtigkeit der marxistischen Theorien erkannt", erklärt der ehemalige Obergefreite, der von der Schulbank weg Soldat geworden war. Von seiner Tätigkeit im "Nationalkomitee Freies Deutschland" möchte er lieber nichts erzählen.
In die KPD will er nicht eintreten. "Ich glaube, sie wird nie eine Massenpartei werden können", meint er scheinbar nachdenklich. Aber wenn es in der Britenzone die SED gäbe, wurde er eintreten. Ihr Abzeichen trägt er schon am Revers. Verbindungen zur Ostzone habe er aber nicht.
Als er gefragt wird, woher er das viele Papier für die Kongreß-Propaganda hat, muß er erst einen Augenblick überlegen. "Das haben wir gesammelt", fällt ihm endlich ein. "Und dann hat uns die KPD auch geholfen."
Die war insofern behindert, als ihre "Niedersächsische Volksstimme", die Huberts Ideen heftig propagierte, 14 Tage vor Kongreßbeginn auf ein Vierteljahr verboten worden war. Es blieb den Kommunisten nur zu tun übrig, für die Kongreß-Plakate verantwortlich zu zeichnen und Nudel- und Erbsensuppe für die Delegierten zu liefern.
Damit die 650 Kongreßmänner und Frauen nicht ganz umsonst zusammengekommen waren, hatte sich neben den Polizisten vor der Stadthalle, die das Kongreßverbot überwachten, ein Einheitsfreund postiert, der die überparteilichen Delegierten aufgeteilt zu KPD-Parteibezirken in sechs hannoversche Lokale dirigierte.
In einem hielt der zweite Vorsitzende der KP Britische Zone, Kurt Müller, eine Rede. "In allen Fragen halben wir recht und Dr. Schumacher unrecht", verkündete der kleine, schwarzhaarige Mann mit den scharfen Zügen erhobenen Zeigefingers. "Die Einheit muß nach links geschmiedet werden." Temperamentvoll ging er während seiner Rede auf und ab.
Er verwahrte sich gegen den Vorwurf, der Kongreß sei kommunistisch. "Von den 650 Delegierten sind 83 Kommunisten, 142 Sozialdemokraten, die zu einem Drittel inzwischen ausgeschlossen sind, und 425 parteilos." Sie seien in Versammlungen in ganz Niedersachsen gewählt worden.
Ganz zufällig war ein Genosse von der SED aus der Sowjetzone da. "Wir haben gigantische Aufgaben und machen auch gigantische Fehler", gestand der wohlgenährte Mann. Er schilderte die Vorzüge seiner Zone. "Nun ist es an euch, die Einheit zu schaffen, die wir haben", krönte er seine Worte.
Etwas unprogrammgemäß griff in der Diskussion ein ehemaliger aktiver Offizier die Geschichte seines Schwagers auf, der, auch als Offizier, aus Sachsen bis hinter Moskau verschleppt wurde und dort starb, obwohl er kein Nazi gewesen war. Ferner: Der Rektor der Universität Jena sei früher deren Hausmeister gewesen, und die Aufteilung der Güter im Osten wirke sich ungünstig auf die Ernährung aus. "Raus!" rief ein überparteilicher Delegierter.
Ein Genosse beschwichtigte. Er kenne einen Stabsfeldwebel, der sei in Brandenburg jetzt Staatsanwalt. Die drei kleinen Geschichten seien typisch für die Verleumdungskampagne, meinte der Genosse aus der Ostzone. "Das Beispiel Rußlands ist das Richtige."
Parteilos auf dem Neuen Weg Hubert, Einheitsfreund

DER SPIEGEL 45/1947
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