08.11.1947

20 Amis für Joker

Es war kein Hundewetter. Mit kältezitternden Flanken warteten die Windhunde, und ein kalter Wind fegte herzzerbrechendes Winseln, steinerweichendes Jaulen und lüsternes Kläffen über den Hamburger Hammerpark. "Verstehe kein Wort!" schrie die Ordnerin beim Windhundrennen mit knallrotem Mund ins Feldtelefon.
Bevor die Renner in die enge Startkiste gezwängt wurden, entledigte man sie ihrer eleganten schneeweißen und hellblauen Wärmedeckchen. Mit Höschen spärlich bekleidet, ließen sie sich den Wind um die vorstehenden Rippen wehen. "Die Rippen müssen zu sehen sein", fachsimpelt das Mädchen Margot, die Hundebetreuerin. Sie spricht von der Ernährung der nur aus Haut, Knochen und Muskeln bestehenden Renner. Zonensieger bekommen eine Sonderfutterkarte.
Tumult am Startkasten. Man hat versehentlich Hündinnen und Rüden zusammengelegt. Frieda von Watzdorf trägt ihren selbstgezüchteten Schützling eigenhändig herbei. Dann senkt sich die rote Startflagge und weit auseinandergezogen zieht das erste Feld davon, dem falschen Hasen hart auf den Läufen. Den Greyhounds werden Geschwindigkeiten bis zu 70 Stundenkilometer nachgerühmt.
Frieda von Watzdorf ist sehr nervös und gestikuliert mit beiden Armen. Ihre Hündin, Uzette of fine arts, hat Fee Cito von Heidecksburg im hechelnden Finish geschlagen. Frieda stopft beide Hände in die Taschen. Der dicke Pelzmuff baumelt ihr nutzlos vor dem Leib. Drei Paar Strümpfe zugleich trägt diese prominenteste Hundezüchterin Nordwestdeutschlands. In Hamburg-Poppenbüttel hat sie ihre Zwinger und sogar eine eigene Rennbahn, deretwegen ihr das Bauamt heftige Fehde angesagt hat.
Am Ziel hockt jaulend ein pudeliger Afghane, der Vertreter der Zuchtstätte "von Pachtana", und beobachtet wie Rennen auf Rennen abgewickelt wird. Jhonnis Bahnfrei muß die Bahn meiden. "Sie ist wirklich krank", zärtelt Mutti Hoynk und bläst dem aus der dicken Wolldecke hervorguckenden schwarzen Hundekopf den Rauch einer Camel um die Ohren.
Etwas regiewidrig war, daß Ulk von Burgfried, Whippelt-Rüde mit rotem Höschen, in der Nordkurve den Lockhasen erwischte. Er schlug sich mit seiner Beute in die Büsche. Die übrige Meute hetzte vorüber. "Ungültig, Bajan ist mit Leine gelaufen, da gibt's Knochenbrüche", Rennleiter Peimers krächzt es mit vor Ueberanstrengung heiserer Stimme und stiefelt in strammen Breeches über den Rasen.
Entschieden über die Stränge schlug Lack Longtail, der sich als Grey-Rüde Sieg und Preis holte und sich anschließend mit seinem Kontrahenten Artus von Pazifik balgte. Nur mit außerordentlicher Anstrengung konnten sieben Männer und Frauen die Wütenden trennen.
Atlantics Indigo wurde nach brutalem Zwangstransport in die Startkiste der Schwanz geklemmt. Er quittierte mit einem gräßlichen Schrei und verweigerte den Start. Schamlos entledigte sich Pizi - Zonensiegerin in Köln bei den Greys - der weißen Markierung, die dem Hundemädchen bei wilder Hatz über die Haxen rutschte.
Joker Wildfang gewann den auf Hundehals zugeschnittenen, schmalen Lorbeer des "großen Preises von Hamburg" bei den Whippelt-Rüden. Die Besitzerin Beate Voogd war doppelt glücklich. Ihr Joker war schon einmal gestohlen und für 20 Amis auf dem Schwarzen Markt angeboten worden.
Bei den Junghunden konnte man es wagen, Hündinnen und Rüden gemeinsam zu starten. Fürst Cito von Heidecksburg ist Sieger, der gesprächige Herr Maus aus Köln sein Besitzer.
Die Herren am Protokolltisch mußten sich wiederholt Beschwerden gefallen lassen. "Es geht doch nur um Punkte. Toto vollen wir ja erst später einrichten", beschwichtigten sie.

DER SPIEGEL 45/1947
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