08.11.1947

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Acht Stunden lang warfen sich die Mitglieder des tschechoslowakischen Kabinetts erregte Worte an den Kopf. Die nationale Front der Tschechen und Slowaken, der aus acht Parteien der gesamten Tschechoslowakei zusammengewürfelten bisherigen Regierungskoalition, hatte sich in Prag zu einer Expreß-Sondersitzung versammelt. Es ging darum, die schwerste Regierungskrise seit der Befreiung des Staates im Frühjahr 1945 zu bereinigen.
Der Startschuß zu der Krise war in Preßburg gefallen. Vertreter der in der sogenannten "Kommunistischen Front" zusammengeschlossenen Arbeiter- und Bauernorganisationen, sowie alte Kämpfer der Widerstandsbewegung hatten Sitze im Parlament der halbautonomen Slowakei und Ministerposten im slowakischen Nationalrat verlangt. Durch Heranziehung der "Frontgruppen" wollten die Kommunisten, die in der Slowakei nur die zweitstärkste Partei hinter den konservativen slowakischen Demokraten sind, endgültig die Kontrolle des slowakischen Staatsapparates in die Hand bekommen.
Ihre Gegner sträubten sich. Die Erteilung von Mandaten an Arbeiter- und Bauernverbände bedeute eine grundsätzliche Verletzung der tschechoslowakischen Verfassung, ließen die slowakischen Demokraten wissen. Die Kommunisten rächten sich: ihre sechs Minister stiegen aus dem slowakischen Nationalrat aus. Die slowakisch-demokratischen Minister blieben im Boot. Sie erklärten das Vorgehen ihrer kommunistischen Kollegen für ungesetzlich.
Daraufhin wurde der Streit in die Hauptstadt Prag verlegt. Der kommunistische Ministerpräsident Klement Gottwald brach eine Lanze für seine slowakischen Genossen. Die Kommunisten müßten die Kontrolle der Tschechoslowakei in Händen haben, erklärte der dunkelhaarige einstige Tischler unmißverständlich. "Um der Partei und der Republik willen."
Am Schluß der achtstündigen Acht-Parteien-Sitzung fand sich der 51jährige asketische Premier mit seinen Anhängern allein im Sitzungssaal. Seine Gegner hatten schon vorher wütend die massiven Türen hinter sich zugeknallt. Sie waren böse, daß Klement Gottwald seinem Vornamen keine Ehre gemacht hatte (Klement - der Gütige).
Klement lächelte nur eiskalt. Er blieb doch Sieger, als sich am nächsten Tag das Kabinett erneut zu einer Sitzung versammelte. Gegen die Stimmen der slowakischen Demokraten, der tschechischen Nationalsozialisten und der Katholischen Volkspartei wurden ihm weitgehende Vollmachten zur Einführung eines neuen Kurses in der Slowakei übertragen. "Ein neuer kommunistischer Sieg mit Gottwald als dem neuen starken Mann in der tschechoslowakischen Republik", kommentierte der AP-Korrespondent Goldberg.
Mit Siegermiene trat der Ministerpräsident im Hradschin vor Staatspräsident Benesch. Der dienstälteste republikanische Staatschef Europas hatte das von ihm bevorzugte Schwarz-Weiß des korrekten Diplomatenanzugs angelegt. Er zeigte keine strahlende Laune. Denn er war sich darüber im klaren, daß durch Gottwalds Sieg seine zwiespältige Stellung nicht verbessert worden war.
Benesch, der in aller Eile von seinem böhmischen Landsitz nach Prag gefahren war, hatte noch andere Sorgen. Vor ihm lagen die druckfrischen Exemplare des neuesten Bandes seiner Erinnerungen aus dem zweiten Weltkrieg. Das Einschreiben der persönlichen Widmungen verlangte diesmal mehr als nur gewandte Routine. Der als zehntes Kind eines armen böhmischen Kleinbauern geborene Staatspräsident mußte berücksichtigen, daß sein Buch in Moskau genau so aufmerksam gelesen wird wie in London und Washington.
Schon regt sich die erste kommunistische Kritik auf seine Formulierung, es gebe nur eine Antwort auf die Frage Ost oder West: Ost und West. Mißbilligend werden von den Kommunisten auch die westlichen Bindungen des ehemaligen Professors für Volkswirtschaft und Soziologie zitiert. Auf der Linken erinnert man daran, daß Eduard Benesch zusammen mit dem mit einer Amerikanerin verheirateten Tomas Masaryk während des ersten Weltkrieges hauptsächlich in den westlichen Ländern für die Errichtung eines tschechoslowakischen Nationalstaates kämpfte. Und daß dieser Staat im Frühjahr 1918 ausgerechnet in den USA, nämlich durch den sogenannten Pittsburger Vertrag der Tschechen und Slowaken, ausgerufen wurde.
Bisher hatte sich die kommunistische Presse darauf beschränkt, ganze Absätze aus Beneschs Reden zu streichen. Dabei werde es nach dem letzten kommunistischen Sieg nicht bleiben, prophezeien Prager USA-Korrespondenten. Der kranke Mann Benesch, um den es in den letzten Jahren stiller und stiller geworden war, verbringe schlaflose Nächte. Er könne sehr schnell ein Gefangener in den Prunkräumen des Hradschin werden.
Autogramm-Sorgen Dr. Eduard Benesch zwischen West und Ost

DER SPIEGEL 45/1947
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