08.11.1947

König nach Belieben

Eamon de Valera handelte so rasch und konsequent, wie er es in seiner 15jährigen Amtszeit als Irlands Ministerpräsident immer getan hatte. Bei Nachwahlen zum Dail, Irlands Parlament, verlor seine Regierungspartei "Fianna Fail" (Volk und Heimat) zwei von drei Mandaten. Dev, wie die Iren ihren Premier kurz nennen, verkündete vom Regierungsgebäude in Dublins Merrion-Street, er werde die Auflösung, des Parlaments und Neuwahlen fordern.
In politischen Kreisen der irischen Hauptstadt nimmt man jedoch an, de Valera werde auch in Zukunft die beherrschende politische Gestalt bleiben. Der 65jährige hochgewachsene Mann mit der großen randlosen Brille genießt bei seinen Landsleuten großes Ansehen.
Spanisches Temperament und irische Hartnäckigkeit kennzeichnen de Valera. Als Sohn eines baskischen Musikers und einer irischen Mutter in New York geboren, hörte er schon in früher Jugend durch seinen irischen Onkel, zu dem er vom dritten Lebensjahr ab in strenge Zucht gegeben wurde, vom Freiheitskampf der "Grünen Insel". Am Osteraufstand 1916 der Unabhängigkeitsbewegung der Sinn-Feiner war er schon selbst beteiligt.
Jahre heftigsten politischen Kampfes folgten. Verschiedene Todesurteile und Zuchthausstrafen vermochten den zähen, hageren Freiheitskämpfer nicht zu schrecken. Zweimal flüchtete er nach den USA. Dort fand er bei den mit tiefer Liebe an der alten Heimat hängenden Milionen von Iren, die an Zahl die Drei-Millionen-Bevölkerung der Insel übertreffen, tatkräftige Unterstützung.
Als 1921 unter dem Namen Eire der Freistaat erstand, dem London Dominion-Status zubilligte, kehrte Dev nach Dublin zurück. Er brachte eine "Anleihe" von sechs Millionen Dollar mit. Sechs Jahre später zog der immer dunkel gekleidete Mann mit den scharfblickenden braunen Augen im zerfurchten Gesicht an der Spitze seiner Fianna-Fail-Partei in den Dail ein. Als 1932 aus der Opposition die Mehrheit und Eamon de Valera der "Taoiseach", der Ministerpräsident der Republik, wurde, bewies der einstige Mathematikprofesser, daß er noch immer ein guter Rechner war. Er brachte Ordnung in den Staatshaushalt.
Das 1931 von London bewilligte Westminster-Statut gab ihm die Möglichkeit, die fast völlige Unabhängigkeit seines Landes zu verwirklichen. Der Eid auf den britischen König wurde abgeschafft, ebenso der Posten eines britischen Generalgouverneurs in Irland. Trotzdem gehört die Insel nominell noch zum britischen Commonwealth. Ihre Angelegenheiten werden in London vom Commonwealth Relations Office und nicht vom Foreign Office behandelt. Die irische Verfassung erwähnt den englischen König mit keinem Wort. Aber Irlands Gesandte werden noch immer im Namen des Königs akkreditiert. Umgekehrt müssen ausländische Gesandte in Dublin ihre Beglaubigungsschreiben zuerst im Londoner Buckingham-Palast überreichen.
Die völkerrechtlich einmalige Stellung des Freistaats im britischen Empire wurde von de Valera so erläutert: Irland ist eine unabhängige Republik, die in der Außenpolitik dem Commonwealth angeschlossen ist. Die Institution des Königs wurde nur beibehalten zum Gebrauch durch die Regierung, soweit sie bereit ist, davon Gebrauch zu machen."
Während des Krieges war Eire nicht bereit, davon Gebrauch zu machen. Es blieb als einziges Mitglied des Empire neutral. Trotzdem ist man auf der Insel auf die 6000 irischen Freiwilligen stolz, die in der britischen Armee dienten. Der erste Träger des Victoria Cross (der höchsten englischen Tapferkeitsauszeichnung) war ein Ire. Auch Feldmarschall Montgomery ist irischer Abstammung. Als Churchill einmal drohte, die irischen Häfen notfalls mit Gewalt besetzen zu lassen, soll Dev lächelnd geantwortet haben: "Dann müßten Sie beinahe jedem Soldaten der achten britischen Armee den Krieg erklären."
Heute steht Irlands Haltung im Krieg der Erfüllung des größten Traumes, der Iren und ihres Staatschefs im Wege: ein einiges Irland zu schaffen. Die fünf Grafschaften Nordirlands, die nicht wie Eire katholisch, sondern protestantisch sind, stehen noch außerhalb der Republik. Sie sind der britischen Krone ergeben.
Als vor zwei Jahren der in Irland hochverehrte Kardinal Mac Rory in Ulster begraben wurde, bedauerte de Valera, nicht an der Beisetzungsfeier teilnehmen zu können. Weil in Ulster noch ein alter Ausweisungsbefehl gegen ihn existierte. Das war zwar praktisch bedeutungslos; denn er hätte das diplomatische Immunitätsrecht in Anspruch nehmen können. Aber Dev wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, auf diese Weise für die Vereinigung Nordirlands mit der irischen Republik zu demonstrieren. Er will ohne Paß nach Ulster fahren können.
Ohne Paß will de Valera reisen können

DER SPIEGEL 45/1947
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