08.11.1947

Besuch auf Athos

Feldwebel Theophonis Hamelis ist der glücklichste Mann in der griechischen Armee. Ueberall in Griechenland knallt es. Er aber hat seit zweieinhalb Jahren keinen Schuß abgegeben.
In seinem Dienstbereich gibt es keine Zwischenfälle. Er ist der Führer eines kleinen Kommandos, das die Halbinsel Athos bewacht. 3000 bärtige Mönche von vier Nationen leben in zwanzig festungsähnlichen Klöstern auf der gebirgigen Halbinsel einfach und in Frieden. Seit 16 Jahrhunderten ist Athos ein Zentrum christlicher Frömmigkeit.
Es ist ein Land, in dem die Männer Röcke tragen. Für Frauen ist die Halbinsel tabu. Der AP-Korrespondent Daniel de Luce ist der Meinung, die Abwesenheit von Frauen sei einer der wesentlichen Grunde für die friedliche Atmosphäre auf Athos.
In einem blau-weißen Zimmer des Klosters Vatopedion wurde der unangemeldete amerikanische Gast von siebzig Schwarzröcken freundlich empfangen. Sie boten ihm türkischen Kaffee. Er revanchierte sich mit Lucky Strikes, die die Mönche lächelnd probierten. Sie fanden sie ausgezeichnet. Dann wurden Tomaten und Seelachs, Bohnen und Octopus-Steak, Eierpfannkuchen und Samos serviert. Die Mönche entschuldigten sich wegen des kärglichen Mahls. Sie hätten keine Gelegenheit gehabt, auf die Jagd zu gehen.
Sie berichteten von der Zeit, als ein kleines deutsches Wehrmachtskommando die Klosterhalbinsel besetzt hatte. Es sei mit den Deutschen gut auszukommen gewesen. Nur einmal habe es Aerger gegeben: Als die Radioapparate der Mönche beschlagnahmt wurden. Dagegen brachten die Deutschen schamhaft die elektrische Lichtmaschine zurück, die sie entwendet hatten. Aber die Mönche haben auch heute nicht viel Freude mit ihrer Lichtmaschine. Zu oft wird der Strom abgeschaltet. Deshalb haben die Mönche wieder ihre mittelalterlichen Oellampen hervorholen müssen.
Besonders begeistert war Daniel de Luce von der Klosterbibliothek, die er als einen bibliophilen Märchentraum bezeichnet. Unter 1600 alten Büchern befindet sich eine Geographie von Ptolemäus Claudius aus dem 11. Jahrhundert. 1100 Bücher stammen aus der Zeit, als die Buchdruckkunst erfunden wurde. Jedes dieser Bücher würde heute einen Phantasiepreis auf dem Weltmarkt erzielen, meint der amerikanische Korrespondent. Aber sie sind leider nicht zu verkaufen, fügt er bedauernd hinzu.

DER SPIEGEL 45/1947
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