08.11.1947

Ping-Pong ohne Orden

Papst Pius XII. legte geblendet seine Hand über die goldgeränderte Brille. Auf einem schwarzen Samtkissen glitzerten die Orden des ehemaligen französischen Admirals Georges Thierry d'Argenlieu, der in demütiger Haltung vor dem Heiligen Vater kniete. Der Admiral hat seine Uniform wieder mit der Mönchskutte vertauscht. Zu dem schlichten, dunkelbraunen Gewand passen die Kriegsorden nicht mehr.
Admiral Thierry d'Argenlieu hatte so viele davon, daß ihn die Franzosen scherzhaft "L'Amiral Tient-Lieu d'Argenterie" *), nannten. Mit dem unübersetzbaren Wortspiel gehört nun auch sein komplizierter Familienname der Vergangenheit an. Der Admiral heißt wieder schlicht "Pater Ludwig von der Dreieinigkeit".
Das einfache Klosterleben ist nichts Neues für ihn. Zwei Jahre nach dem ersten Weltkrieg, in dem er als Marineleutnant deutsche U-Boote jagte, fand er den Weg von der Kommandobrücke in die kahle Zelle eines Pariser Klosters der Unbeschuhten Karmeliter.
Mit dem Konsent des Heiligen Stuhls kehrte der stille, hagere Mönch 1939 in die laute Arena der Oeffentlichkeit zurück. Als Kapitän zur See versuchte er 1940 vergeblich, den Kriegshafen Cherbourg gegen die deutschen Panzer zu verteidigen. Zwei Tage nach seiner Gefangennahme entfloh er. Die Schüsse seiner Wächter trafen ihn nicht.
Als Bauer verkleidet gelangte er mit einem Fischerboot erst nach Jersey und dann nach London. Dort schloß er sich de Gaulle an, der ihn seinen "Marine-Karmeliter" nannte und 1941 zum Admiral beförderte.
Bei dem Landungsunternehmen in Dakar an der Küste Französisch-Westafrikas wurde er verwundet, als er als Parlamentär an Land ging, um die Kapitulation des Hafens entgenzunehmen. Er blieb in Afrika und spielte eine bedeutende Rolle im Kampf der französischen Aequator-Kolonien für Frankreich.
Nach dem Krieg wurde seine weltliche Laufbahn mit der Ernennung zum Generalgouverneur und Hochkommissar für Französisch-Indochina gekrönt. Aber der Admiral konnte auf diesem Posten wenig Lorbeeren ernten. Seine religiöse Duldsamkeit vermochte es nicht, dem Land den Frieden zu bringen. In Paris fand d'Argenlieus Politik heftige Kritik. Trotzdem wurde ihm bei seinem Rücktritt der "Orden der Befreiung" verliehen.
Heute denkt Pater Ludwig kaum noch an die bewegten Tage der Vergangenheit zurück. Die strengen Regeln seines Ordens lassen ihm wenig Zeit dazu. Um sechs Uhr morgens steht er auf. Dann muß er seine Zelle in Ordnung bringen und ein Stück des Flurs ausfegen.
Der Rest des Tages ist religiösen Uebungen gewidmet. Wenn Père Louis nicht gerade zu einem "Arbeitskommando" bestimmt wird. Dazu gehört das Leeren der Abfalleimer und das Abwaschen des Tischgeschirrs. Nur zweimal am Tag ist den Mönchen eine kurze Freizeit vergönnt. Aber auch dann mochte Rater Ludwig nichts von Politik wissen. Er zieht es vor, Ping-Pong zu spielen.
*) Nicht zu übersetzen. Sinngemäß "Admiral der das Silber bewahrt".
Im Silberglanz Admiral Georges Thierry d'Argenlieu
Im schlichten Dunkelbraun Pater Ludwig von der Dreieinigkeit

DER SPIEGEL 45/1947
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