08.11.1947

Dritter Mann gesucht

Der Sprecher des ungarischen Parlaments forderte Zoltan Pfeiffer auf, das Wort zu ergreifen. Der Führer der oppositionellen "Unabhängigen Partei" antwortete nicht. Er war verschwunden. Eine knappe Stunde zuvor hatte er noch eine Unterredung mit Ministerpräsident Lajos Dinnyes. Mit seinen Fraktionsfreunden war er gemeinsam in das Parlamentsgebäude gegangen, um nicht mehr gesehen zu werden.
Der 47jährige Rechtsanwalt hat sich selbst einmal als einen David bezeichnet, der mit der Steinschleuder dem Goliath der Linken zu Leibe rückt. "Ich weiß, daß meine Partei nicht sehr groß ist. Wir schießen mit Kieselsteinen auf Tanks und Panzerwagen", so hat er selbst die Situation seiner "Unabhängigen Partei Ungarns" charakterisiert. Bei den letzten Wahlen am 31. August wurden nur 14 Prozent der abgegebenen Stimmen für ihn gezählt. Aber dieser Anteil genügte, die von den Kommunisten beherrschte Regierungskoalition um die erstrebte Zweidrittelmehrheit und die vollkommene Staatskontrolle zu bringen.
Als Pfeiffer vor einigen Wochen eine Versammlung in Csongrad abhalten wollte, brach er am Geländer des Rathauses blutüberströmt unter den Hieben seiner Gegner zusammen, die ihn mit Schläuchen, Pickeln und Fahrradpumpen bearbeiteten. "Man wird radikale Mittel finden, um diese Partei auszuschalten", entgegnete Innenminister Laszlo Rajk auf die Empörung der Rechtsopposition.
Von den Kommunisten ist die "Unabhängige Partei" als "Sammelbecken der Feinde der Demokratie" bezeichnet worden. Budapester Berichterstatter sind der Ansicht, viele Ungarn hielten sich nur aus Furcht vor persönlichen Nachstellungen von Pfeiffer fern, der sich vor allem auf den städtischen Mittelstand stützt.
In der vergangenen Woche beantragte der öffentliche Ankläger die Aufhebung der parlamentarischen Immunität Pfeiffers, um einen Haftbefehl gegen ihn erlassen zu können. Man warf dem oppositionellen Dr. juris vor, er habe wegen seiner Tätigkeit als Staatssekretär im Justizministerium (1946) seine Amtsbefugnisse überschritten, indem er einem verhafteten Mitglied der ungarischen SS-Brigade zur Flucht verhalf. Außerdem soll er in eine Spionage-Organisation verwickelt sein, als deren Mitglied bereits sein Sekretär Joseph Varga verhaftet worden ist.
Zoltan Pfeiffer hat erklärt, die ihm zur Last gelegten Fälle entbehrten der Grundlage. Er werde sich dem öffentlichen Ankläger stellen. Das Parlament hatte erwartet. Pfeiffer werde in der Rede, die er nicht mehr halten konnte, zu dem Antrag der Budapester Staatsanwaltschaft Stellung nehmen.
Weder seine Partei noch die Regierung haben eine Begründung für sein Verschwinden. Wie man bei seinem politischen Oppositionskollegen Mikolajczyk zunächst Rätsel riet, genau so will man auch jetzt Pfeiffer an der österreichischen Grenze und in Wien gesehen haben. Man wartet auf das Triumvirat Nagy, Mikolajczyk und Pfeiffer in den USA.

DER SPIEGEL 45/1947
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