08.11.1947

Maniu der Letzte

Jos Maniu! (Nieder mit Maniu!) Noch heute ist diese aus den Tagen des Wahlkampfes im Herbst 1946 stammende Inschrift auf den Bretterzäunen und Häuserwänden von Bukarest nicht ganz verwischt. Und noch heute erkennt man die in kräftigen Pinselstrichen hingeworfene Karikatur des im Juli aus dem Krankenhaus verhafteten 75jährigen rumänischen Bauernführers und Staatsmannes.
Die Andeutung eines vierkantigen Schädels und eines hohen Stehkragens genügten, um den volkstümlichen Politiker auch für die Analphabeten kenntlich zu machen. Die Vorwürfe gegen ihn wurden durch ein dickes Hakenkreuz rechts und das Abzeichen der Eisernen Garde links auf dem Stehkragen stilisiert.
Die Beschuldigungen, die jetzt im Gerichtssaal der rumänischen Militärakademie in Bukarest gegen den letzten noch nicht wie Nagy und Mikolajezyk geflüchteten oder wie Petkoff hingerichteten Oppositionsführer im Osten erhoben werden, sind noch schwerer. Der Staatsanwalt beantragte die Todesstrafe. Maniu soll Hochverrat begangen und versucht haben, mit Gewalt und mit Hilfe ausländischer Mächte die legale Regierung zu stürzen. Auch seine "engen Bindungen an die österreichisch-ungarische Donaumonarchie werden ihm nach dreißig Jahren noch vorgehalten.
Dabei ist der jenseits der Karpaten im damals noch ungarischen Siebenbürgen geborene Rumäne stets ein Vorkämpfer der nationalen Ziele Rumäniens gewesen. Er hat niemals von dem ungarischen Adelstitel seiner Familie Gebrauch gemacht. Der in Wien und Budapest zum Juristen gebildete und fließend deutsch sprechende spätere Rechtsanwalt machte sich schon im ungarischen Parlament vor dem ersten Weltkrieg als Vertreter der Rumänen Siebenbürgens unliebsam bemerkbar. 1918 wurde unter seiner Führung Siebenbürgen und der östliche Banat an Rumänien angegliedert.
Nach 1926, als sich Maniu mit dem ebenfalls angeklagten Jon Mihalache, dem Führer der Bauern in Bessarabien und der Moldau, zur national-zaranistischen Partei zusammenschloß, wurde er für ganz Rumänien "der" Bauernführer mit dem Ruf eines echten Demokraten und vorbildlicher moralischer Sauberkeit. Seine Lebensführung war puritanisch streng und einfach.
Als kompromißloser und manchmal etwas halsstarriger Demokrat kam er mit dem unter seiner Ministerpräsidentschaft zurückgekehrten König Carol II. ebenso in Konflikt wie später mit dem "Conductor" Antonescu. Killinger, Hitlers Gesandter in Bukarest, konnte es nicht wagen, den volkstümlichen Maniu zu beseitigen. Obwohl der rumänische Bauernführer in Berlin schon lange auf der schwarzen Liste stand. Radio Moskau feierte Maniu damals als den großen demokratischen Volksführer und forderte die rumänischen Bauern, Arbeiter und Soldaten auf, sich seiner Führung anzuschließen.
Die wohlwollenden Töne aus dem Osten verstummten, als der in die erste rumänische Nachkriegsregierung eingetretene Maniu versuchte, den sowjetischen Machtanspruch durch eine geschickte Politik mit Moskau und den Westmächten auszubalancieren. Der hochgewachsene Maniu wurde plötzlich als "Reaktionär" und "Faschist" deklariert. Er mußte aus der Regierung ausscheiden.
Mit der Verhaftung führender Mitglieder seiner Bauernpartei wurde der Kampf gegen ihn fortgesetzt. Die Regierung Groza ließ damals ein offizielles Foto veröffentlichen, um die Schuld der Maniuschen Mitstreiter nachzuweisen. Es zeigte zwölf der Angeklagten mit zwei Piloten und Bergen von Gepäck vor einem Flugzeug. Unterschrift: "Fertig zur Flucht ins Ausland." Daß der Doppeldecker nur einmotorig war und höchstens drei Personen Platz bieten konnte, wurde erst nach der Veröffentlichung entdeckt.
Als Maniu von der rumänischen Geheimpolizei S.S.I. verhaftet wurde, streckte einer der Polizisten einem gerade anwesenden Freund des Bauernführers ironisch die Hand hin: "Ich nehme an, Sie wollen nicht einem Mann die Hand schütteln, der so etwas tut?" Die Antwort: "Oh, das macht nichts. Ich bin Arzt. Ich habe auch Blut an den Händen".
Ständig auf schwarzer Liste "Hochverräter" Juliu Maniu

DER SPIEGEL 45/1947
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