08.11.1947

Streng geheim

Die Stahltüren der Geheimtresore des State Departement in Washington schlossen sich hinter einem dicken Stapel Akten. "Top secret" (Streng geheim) stand auf den Aktenrücken. Und darunter: "Wedemeyer-Report on China". Der Bericht des ehemaligen US-Kommandeurs in China, der im Sonderauftrag Trumans sechs Wochen lang in diplomatischer Mission durch China und Korea reiste, wird nicht veröffentlicht werden.
Washingtons neugierige Reporter bestürmten Vize-Außenminister Lovett vergeblich. Er wollte ihnen keine Gründe nennen. Die amerikanischen Zeitungen begannen trotzdem ein eifriges Rätselraten.
"New York Herald Tribune" will wissen, General Wedemeyer habe finanzielle und militärische Hilfe für China innerhalb der nächsten sechzig Tage verlangt. Sonst werde die Nanking-Regierung in Kürze die Mandschurei an die Kommunisten verlieren.
Eine andere New Yorker Zeitung glaubt, Wedemeyer wolle Chinas Wirtschaft mit einer Anleihe von einer Milliarde Dollar aufpäppeln. Anderenfalls werde Chinas Verfall so schnell fortschreiten, daß die USA diesen politischen Brückenkopf in Asien aufgeben müßten.
Die Zeitschrift "Time ist der Ansicht, Außenminister Marshall persönlich habe den Wedemeyer-Bericht auf Eis legen lassen. Die Veröffentlichung würde nach seiner Meinung das schwelende Feuer des US-Sowjet-Konflikts zur hellen Flamme entfachen. Ein zweiter Grund sei noch wichtiger: Am Vorabend der Kongreß-Sondersitzung über die umfangreiche Europahilfe könne man die Abgeordneten nicht auch noch mit dem Albdruck einer umfangreichen Chinahilfe belasten. Asien müsse warten.
Im Gegensatz dazu glaubt die Zeitung der Demokratischen Liga Chinas "Nan Chian Jit Pao" Beweise dafür zu haben, daß das Wedemeyer-Programm bereits angelaufen sei. Sie bringt "authentische Einzelheiten" über die Ziele der amerikanischen Politik in China: Bau einer kontinentalen Eisenbahnlinie von Kwangtschuwan in der Provinz Kwantung nach Lantschau, der Hauptstadt der Provinz Kansu, und Tihwa, der Hauptstadt der Provinz Sinkiang. Diese Eisenbahn sei also Versorgungslinie nach dem Nordwesten Chinas im Fall eines Krieges mit Rußland gedacht.
Die Wirtschaft Kwantungs und Südchinas mit dem Zentrum Kanton solle intensiv entwickelt werden. Um einen allgemeinen nationalistischen Feldzug gegen die Kommunisten wirtschaftlich zu unterstützen.
Zur Lösung des augenblicklichen militärischen Dilemmas soll nach der gleichen Quelle General Wedemeyer folgende Vorschläge gemacht haben: Bildung einer den Norden und Nordosten Chinas umfassenden militärischen Zone nördlich des 40. Breitengrades. Hier sollen die Operationen auf "hinhaltende Kampfhandlungen" beschränkt werden. Ein zweites "absolutes militärisches Gebiet Nordchina" zwischen dem 35. und 40. Breitengrad würde die Nationalregierung solange wie möglich zu halten haben. Ein drittes "absolutes militärisches Gebiet Zentralchina" müsse um jeden Preis verteidigt werden. Formosa schließlich solle als Transportzentrum für amerikanische Kriegsmateriallieferungen zu einem chinesisch-amerikaniscben Stützpunkt ausgebaut werden.
In Nanking sprach Generalissimus Tschiang-Kai-Schek, als er von einer Tour nach Chinas Schlachtfeldern zurückgekehrt war. Stolz wies er auf die Lichtpunkte des dunklen Jahres 1947 hin: Einnahme der kommunistischen Hauptstadt Yenan, Säuberung der Küste von Schantung. Ueber die Ereignisse nördlich der großen Mauer drückte er sich schon etwas vorsichtiger aus: "Wir werden nicht leicht einen einzigen Zoll aufgeben."
Aber seit dem Beginn der sechsten großen Offensive der Kommunisten am 1. Oktober haben die Nationalisten entlang der Eisenbahnlinie Mukden - Tschangtschun nicht nur einige Zoll, sondern fast 200 Kilometer Boden aufgeben müssen. In den großen Städten Tschangtschun, Szepingkai, Kirin und Mukden behaupten sich Tschiangs Soldaten noch. Aber das weite Land ist bereits von den kommunistischen Heeren überschwemmt.
Der amerikanische Korrespondent Frederick Gruin glaubt deshalb, seine Landsleute warnen zu müssen: "Selbst die Optimisten in China wissen, daß in der Mandschurei die elfte Stunde vorüber ist. Nur Washington kann die Uhr noch anhalten."
Um einige Zoll verrechnet Tschiang-Kai-Schek muß die Uhr aufziehen

DER SPIEGEL 45/1947
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