08.11.1947

In eigener Sache

Der General war pünktlich, der Generalmusikdirektor nicht. Zusammen mit Mr. Asbury, Nordrhein-Westfalens Zivilgouverneur, und den deutschen Spitzen wartete General Bishop geduldig auf den musikalischen Auftakt der "Deutschen Presse-Ausstellung" im Düsseldorfer Opernhaus. Am Vorplatz, wo es eine friedensmäßige Auffahrt gab, bemühte sich noch die Feuerwehr um festliche Fahnendekoration. In den Ausstellungshallen im Ehrenhof am Rhein gingen die Arbeiter und Künstler schwer angeschlagen in die Schlußrunde.
Als Bishop nach dem Eröffnungsakt im Opernhaus vierspännig mit einer alten rheinischen Postkutsche zum Rhein steuerte, "stand" die Ausstellung.
Aus allen Zonen und auch aus den vier Sektoren von Berlin waren Journalisten und Verleger nach Düsseldorf gekommen. In Düsseldorf wurden zum erstenmal praktisch die Zonengrenzen aufgehoben.
"Diese Presseausstellung ist deutscher Initiative entsprungen", sagte Emil Groß bei der Eröffnung. Er muß es wissen; denn er war selbst der Hauptinitiator. Die Zeitungen aus allen Zonen hatten ihren finanziellen Beitrag und Nordrhein-Westfalen recht ausgiebig Sperrholz, Glas und andere schöne Rohmaterialien geliefert. Die Ausstellung soll durch ganz Deutschland wandern.
Emil Groß machte den Journalisten und den Lesern einige Hoffnung. Im nächsten Jahr sollen nämlich auch in der Bizone und nicht nur in Berlin Tageszeitungen erscheinen.
General Bishop sagte den Zeitungsleuten im Parkett und Rang des Opernhauses, wie er sich eine gute Presse vorstelle. Die Fotografen trugen währenddessen über einen Laufsteg ihre Blitzlichtangriffe auf den General am Rednerpult vor. Er hielt eisern stand.
Als der General das letzte Blatt des offiziellen Manuskriptes beiseite gelegt hatte, nahm er einen kleinen Zettel. Es waren sehr herzliche und ermunternde Worte, die er nun in deutscher Sprache an die Zeitungsmänner richtete. Er redete zu, Deutsche und Engländer sollten Prüfungen und Schwierigkeiten als Ansporn für die "großartigen Eigenschaften, die in unseren beiden Völkern wurzeln", auffassen. Bishop hatte eine gute Presse. Der Beifall war beachtlich.
Gleich darauf gab es am gemeinsamen Stand der Nachrichtenagenturen Gelächter. Der General besichtigte die Hellschreiber von DPD, Dena und ADN, und auf den Streifen des DPD-Senders konnte er bereits lesen, daß er vor drei Minuten die Ausstellung eröffnet hatte. Diese Nachricht war von Düsseldorf über Fernschreiber nach Hamburg gegangen und von dort gewissermaßen als Blitz-Gruß für den General sofort ausgestrahlt worden.
Vor 32 Jahren erhielt der Fünfzigjährige das Offizierspatent. Den Weltkrieg verbrachte er im Nahen Osten, die Jahre danach im Kriegsministerium und verschiedenen Akademien. Den Kriegsausbruch und die ersten Jahre überstand er in Ostafrika. 1945 kam er nach Deutschland als stellvertretender Stabschef und Leiter der Presseabteilung bei der Kontrollkommission.
Wer durch die Hallen am Rhein geht, kann nicht umhin, üble Vorstellungen vom Journalismus zu korrigieren. Ein ganzer Stab von Wissenschaftlern und Zeitungsleuten hat aus Museen und Archiven einen historischen Teil zusammengestellt, der für die Journalisten sehr schmeichelhaft ist.
Er zeigt nämlich schwarz auf weiß mit den fotokopierten Originaldokumenten, was die Journalisten durch Jahrhunderte als emsige Jäger nach der besten Nachricht und als Kämpfer für die Pressefreiheit und die Freiheit ihrer Mitmenschen alles geleistet haben.
In den "Niuwen Zeitungen" des Mittelalters gab es sogar schon eine Art aktuelle Bildberichterstattung. Auf den Titelseiten sind die furchterregenden Monstren. Kometen und was die Leute damals sonst noch ängstigte, abgebildet. Auch eine "Veronika Dankeschön" der Landsknechtszeit hat es, wie man sieht, gegeben.
So alt wie die zeitungsähnlichen Gebilde ist auch die Zensur. Der "Reichsabschied von Speyer" z. B. führte 1529 die kaiserliche Zensur für das gesamte deutsche Reichsgebiet ein.
1848 ist dann das Ideal der Pressefreiheit erkämpft worden. Der Ausstellungsbesucher verfolgt das Aufkommen der Massenpresse gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die ersten Blätter der jungen Arbeiterbewegung, die ersten Parteiorgane und den bürgerlichen Kitsch der Familienzeitschriften. Bismarck, der in der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" den Kulturkampf und den Kampf um die Sozialistengesetzgebung als machtgewaltiger Kanzler-Journalist führt, wird in einer grimmigen Karikatur als rigoroser Zensor der fortschrittlich, denkenden Presse gezeigt.
Man sieht die patriotische Orgie der Schlagzeilen bei Ausbruch des ersten Weltkrieges, man sieht im Spiegel der Zeitung den ersten Zusammenbruch. Spartakus, Inflationszeit, das Menetekel des Hakenkreuzes.
Der Ausstellungsbesucher bekommt jetzt die Hintergründe der Nazi-Presselenkung in Dokumenten zu sehen. Er kann selbst die "Sprachregelungen" lesen, nach denen die deutschen Einheitszeitungen 12 Jahre lang fabriziert worden sind. Und er sieht auch die hektographierten Kampfschriften eines unterirdischen Widerstandes.
In einem großen Saal sind unter den Wappen der einzelnen Länder alle deutschen Zeitungen malerisch drapiert. Es sind 160 "Tageszeitungen" und 1146 Zeitschriften.
Am meisten belustigt die Besucher natürlich die Herstellung der ersten "Tageszeitung" der britischen Zone. Die Redaktion der "Deutschen Presse" arbeitet unter Publikumsaufsicht. Die Zeitung wird gleich in der Nebenkoje gesetzt und in der Ausstellung auch gedruckt. Und, was noch wichtiger ist: druckfrisch verkauft. Der Leser weiß nun, wie Nachrichten über Hellschreiber oder Fernschreiber übertragen werden. Dabei versteht sich am Rande, daß die Journalisten-Mannequins Baskenmützen aufhaben und einen gelben Schal tragen. Sie wagen es kaum, die Hand vom Puls der Zeit zu lassen, und alles macht in wilder Zeitungsromantik.
In Düsseldorf war für einige Tage der "eiserne Vorhang" hochgezogen. Die Ost-Journalisten wollten das "schiefe Bild" korrigieren, das man von den Presseverhältnissen in ihrer Zone habe. Und die West-Journalisten hörten erstaunt von dem Verleger Hans von Karmainsky, daß es im sowjetischen Besatzungsgebiet keine "gelenkte Presse" gebe. Im Theatersaal der zum Teil demontagereifen Henkel-Werke warben Ost und West um Verständnis füreinander.
Man solle sich Berlin als Vorbild nehmen, meinten die Kollegen aus dem Zeitungsparadies mit 17 Tageszeitungen, 86 Zeitschriften und über 100 Monats- und Halbmonatsblättern. Die Berliner Zeitungen bekämpften sich unter den Augen der vier Besatzungsmächte mit Inbrunst und Beharrlichkeit. Trotzdem sei Berlin eine Einheit geblieben.
Man dachte in Düsseldorf an die London-Konferenz. Man rückte geistig zusammen. Berlins Arno Scholz allerdings, der Telegraf-Chef, rückte ab. Vielmehr er wurde abgerückt: Sein Hotelschiff fand es für gut, in der Nacht einige Kilometer stromab zu schwimmen. Die erstaunten Flußanwohner sahen in der Frühe einen verstörten Herrn dunklen Typs in Pyjama und Pantoffeln am Kai herumlaufen und nach seinem Auto suchen.
Ermunternde Geste: General Bishop durfte Kutsche fahren

DER SPIEGEL 45/1947
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