08.11.1947

Weizen zieht an

Durch die ersten Wagen hinter argentinischen Lokomotiven zieht ein Röstbrotgeruch wie um mitteleuropäische Zimmeröfen. Es wird wieder Getreide verheizt. Das argentinische Presseamt gab bekannt, daß die Regierung Brotgetreide im Werte von 500 Millionen Dollar verbrennen müsse.*)
Häfen und Kopfbahnhöfe seien mit Getreide verstopft. Schuld daran sei die ungerechtfertigte amerikanische Wirtschaftsblockade der letzten Jahre, die eine Einfuhr von Maschinen und Transportmitteln verhindert habe.
Die Yankees protestieren. Eine Blockade habe nie stattgefunden. Wenn die USA während des Krieges keine Maschinen und Waggons lieferten, dann hätte das daran gelegen, daß alle verfügbaren Mittel zum Krieg benötigt wurden.
Argentiniens General Peron nutzt die glänzende Wirtschaftssituation seines Landes zum Ausbau langfristiger zweiseitiger Handelsverträge. Sie sichern Argentinien bei einem dauernd hohen Einfuhrbedarf seiner Partnerländer auf Jahre hinaus feste Abnehmer seiner Ernten und hohe Preise. Acht Millionen Tonnen Weizen warten in den Silos auf den Versand.
Der "Peron-Plan" ist ein südamerikanisches Gegenstück zum Marshall-Plan und ein ernster Querschuß gegen eine Belebung des Welthandels auf gleichberechtigter multilateraler Basis. "Unser Plan wirkt sich schon jetzt aus", erklärte der Vorsitzende des argentinischen Wirtschaftsrates Miguel Miranda nach der Unterzeichnung des neuen Handelsvertrages mit Italien. "Wenn die US-Amerikaner noch länger zögern, werden sie den Omnibus verpassen."
Argentiniens Weizenvormacht wird bestärkt durch die schlechten Ernten in der alten Welt. Europas Getreidedefizit ist um 6 bis 7 Millionen Tonnen größer als im Vorjahre. Nur Rußland meldet Ueberschüsse. In der Ukraine stieg der Weizenertrag um 58 Prozent. Frankreich verhandelt bereits mit den Russen.
Nordamerikas Weizenernte ist gut. Die USA-Farmer erzielten eine Million Tonnen Mehrertrag. Trotzdem sind die Versorgungsaussichten für Europa schlechter als im letzten Jahr. Neben den optimistischen Weizenmeldungen treffen Hiobsbotschaften aus den Maisanbaugebieten ein. Die amerikanische Maisernte ist die schlechteste seit elf Jahren. Damit wird dem Getreideexportprogramm die wichtigste Stütze entzogen.
Der Preisboom für Weizen hat auf dem amerikanischen Binnenmarkt schon eingesetzt. Zum ersten Male seit 1920 ist der Getreidepreis an der Börse in Chicago auf über drei Dollar für den Bushel gestiegen. Auch die Australier wittern die Knappheit. Die Regierung erhöhte den Weizenexportpreis auf 18 Schilling pro Bushel. Argentiniens Weizenpreise liegen noch über denen der USA. Nur Kanada liefert noch zu den alten Preisen.
"Es besteht keine Hoffnung, daß die jetzige Lebensmittelknappheit nur bis zur Ernte 1948 dauert", erklärte in dieser Woche der Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, Sir John Boyd Orr, auf der ersten Sitzung des Welternährungsrates in Washington.
Sir John bezifferte die Spanne zwischen Bedarf und Lieferung auf dem Weltgetreidemarkt mit 10 Millionen Tonnen. Er forderte kühne Maßnahmen, "um die Gefahr eines völligen Zusammenbruchs der menschlichen Gesellschaft zu beseitigen."
*) Der amerikanische Oberbefehlshaber in Deutschland, General Clay, hatte hierzu auf der letzten Sitzung des süddeutschen Länderrates erklärt, er bezweifle diese Meldungen.

DER SPIEGEL 45/1947
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