08.11.1947

Tod durch Schmutz

Mit einem nervösen Aufschrei fuhr die Sekretärin des britischen Premiers von ihrem Stuhl hoch, als sie den dicken Brief aus Deutschland mit den schwarzen Kreuzen in der Morgenpost entdeckte. Aber es tickte nicht aus dem Umschlag. Der Inhalt erwies sich als harmlos, trotz der gefährlichen Briefüberschrift: "Tod durch Schmutz".
Die Direktoren der deutschen Henkel-Seifenwerke Karl Anton Fuchs und Otto Pfaff hatten Protestbriefe in alle Welt geschickt, um die geplante Zweidrittel-Demontage der Werke abzuwenden. Auch auf den Schreibtisch Präsident Trumans und des französischen Premiers flatterten schwarzgekreuzte Briefe. Sämtliche Mitglieder des US-Senats und alle anglo amerikanischen Militärgouverneure in Deutschland erhielten eine Broschüre "Henkel darf nicht demontiert werden" zugeschickt, in der die Geschäftleitung des 3000-Mann-Werkes zur Demontage Stellung nimmt.
Die Henkel-Männer treffen die Alliierten in ihren Protestschriften an einer empfindlichen Stelle. Sie prophezeien ihren Besatzungssoldaten und Familien in Deutschland eine schwarze Zukunft, wenn durch die Demontage eine Besserung der Waschmittelversorgung für die deutsche Bevölkerung unmöglich gemacht würde. Der Normalverbraucher Bizoniens erhält jetzt 50 Prozent der bereits stark herabgesetzten Notversorgung mit Waschmitteln während des Krieges. In normalen Zeiten wurden pro Kopf der Bevölkerung 900 Gramm Waschmittel monatlich verbraucht. Bereits im Kriege wurde der Satz auf 530 Gramm gekürzt. Heute versucht der Normalverbraucher mit 275 Gramm im Monat ein reinlicher Mensch zu bleiben.
Fast die Hälfte der 406 000 Tonnen Reinigungsmittel, die jährlich in den vereinten Westzonen verteilt werden, stammen aus den Düsseldorfer Henkel-Werken. Durch die geplante Demontage würde sich die Seifenzuteilung um weitere 60 Prozent vermindern. Die verbleibende Kapazität reichte nicht einmal aus, um die Waschmittelversorgung im Laufe der Jahre wenigstens wieder auf die Höhe der Kriegszuteilungen zu bringen.
Krätze, Tuberkulose und schreckliche Epidemien lassen die Düsseldorfer Seifenexperten aufmarschieren, um die Besatzungsmächte von der Notwendigkeit einer Ueberprüfung der Demontageanordnung zu überzeugen. In dem Protestschreiben heißt es, daß der britische Zonenlord Pakenham über die Folgen eines Abbaus der Henkel-Werke nicht genügend informiert sei.
Familie Henkel macht seit 1876 in Seife. Drei Werke in der Ostzone sind ihr in die Hand des Volkes entglitten. Jetzt geht es um das Letzte.

DER SPIEGEL 45/1947
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