08.11.1947

EINE „SPIEGEL“-SEITE FÜR FRITZ HEINE

Als ich 1923, fünf Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges nach Amerika kam, hatte ich Schwierigkeiten, wenn ich auf der Straße deutsch sprach", sagte in San Francisco ein alter Sozialdemokrat, als er Kurt Schumacher, den ersten Vorsitzenden der heutigen SPD, in deutscher Sprache vor dem Kongreß des amerikanischen Gewerkschaftsbundes sprechen hörte. Jetzt, nach dem zweiten Weltkrieg mit seinen viel schlimmeren Brutalitäten und der eindeutigen Kriegsschuld des Hitlerregimes, sind erst 2 1/2 Jahre vergangen. Man kann in Amerika heute nicht nur ungestört deutsch sprechen, sondern auch, wie Dr. Schumacher es getan hat, auf der Jahrestagung dieser größten freiheitlichen Gewerkschaftsorganisation der Welt die heutigen Nöte Deutschlands, unsere Probleme und unsere Wünsche darstellen und auf volles Verständnis der Vertreter der 7 1/2 Millionen Gewerkschaftsmitglieder rechnen. "Kapitalistenknechte? Reaktionäre?" In den kommunistischen Zeitungen Europas wird ein Bild des amerikanischen Gewerkschaftsbundes gemalt, das ebenso farbig wie falsch ist. Gewerkschaften in Amerika sind eine Macht. Sie sind sich dessen bewußt. Sie führen ihren Kampf mit anderen Mitteln als die Gewerkschaften in Europa, aber sie führen ihn eher robuster und energischer als irgendwo anders in der Welt. Sie sind hart im Schlagen und Nehmen und stehen zur gleichen Zeit dem Unternehmer gegenüber auf dem Standpunkt des Leben und Lebenlassens.
Wir Deutschen haben heute keine Stimme in der Welt. Wir haben keine Souveränität, keine Regierung, kein Parlament, keine staatliche Einheit.. Es ist nicht leicht, Deutschland zu Gehör zu bringen, aber es ist wesentlich für unser Land, gehört zu werden. Dr. Schumacher hat als erster dieses Gehörtwerden erzielt. In einer Reise, die uns durch den ganzen Kontinent und über 25 000 Kilometer hinweg von der Spree bis zum Pazifischen Ozean und zurück führte.
Es sind sicher sehr viele Amerikaner, die ebensowenig oder nicht viel mehr von der britischen Zone wissen, als wir etwa von Nebraska oder Ohio. Es wäre erstaunlich, wenn bei alledem nicht falsche Vorstellungen hüben und drüben vorhanden sind. Falsche Vorstellungen, von denen manche gefährlich für uns sein können. So, wenn der Parlamentarier Tabor nach seiner Europareise erklärt, in ganz Europa keinen Hungernden gesehen zu haben; so, wenn Gallup-Untersuchungen ein Bild des Nationalismus und Antisemitismus vorspiegeln, als lebten wir in den Pogromtagen von 1938.
Auf dieser Amerikareise gab es Hunderte von Besprechungen, ein halbes Dutzend und mehr Pressekonferenzen und nicht wenige Versammlungen - ein Vierteljahresprogramm gepackt in fünf knappe Wochen, von denen jeder Tag ausgefüllt war vom Frühstück bis Mitternacht.
Immer wieder wurden verständlicherweise die deutschen Probleme, unsere Sorgen, in den Vordergrund gestellt. Es gab kein Gespräch, keine Rede, keine Sitzung, in der nicht die Demontage einen Mittelpunkt bildete, in der nicht klar gemacht wurde, daß man nicht auf der einen Seite mit dem Marshall-Plan aufbauen und auf der anderen Seite mit der Demontage niederreißen könne. Nicht weniger intensiv ging es immer wieder um die Frage der Ernährung. Amerika beginnt, sich einzuschränken. Durchaus nicht mit Begeisterung. Der fleischlose Tag, der Tag ohne Eier, und andere Einschränkungen, die jetzt begonnen haben, sind weder für die Hausfrau, noch für den Hotelgast beliebte Erscheinungen. Die Erinnerung an die Nöte in Europa und Asien machen es dem Normalverbraucher Amerikas nicht sehr viel leichter, die uns geringfügig erscheinenden Einschränkungen zu akzeptieren. Noch immer wird gut gegessen in Amerika, werden Lebensmittel vergeudet. Noch immer gibt es Restaurants, die einen zweipfündigen Rinderbraten als Hauptgang für eine Person für durchaus angemessen erachten. Es ist einem Lande, das von altersher gewöhnt ist, gut und viel zu essen, nicht leicht begreiflich zu machen, daß man den bisherigen Feinden helfen muß - - im eigenen Interesse übrigens.
In einem Land, in dem man "the Reds", die Roten, sagt, wenn man die Kommunisten meint und dem der Unterschied zwischen Rußlands Staatswirtschaft und Sozialismus durchaus nicht so klar ist wie einem europäischen Arbeiter, ist es nicht leicht, Freunde für die Notwendigkeit der Sozialisierung in Deutschland zu werben. Es ist die Ueberzeugung nicht nur der 7 Millionen Deutschen, die sich bei den letzten Wahlen für die sozialdemokratischen Kandidaten entschieden haben, daß Sozialisierung in Deutschland aus praktisch-wirtschaftlichen, aus politischen und psychologischen Gründen so rasch wie möglich kommen muß, daß die Situation in Europa und in Deutschland die Sozialisierung als Gegenwartsaufgabe erheischt. Das ist von den Sozialdemokraten in Deutschland gesagt worden, und es ist mit der gleichen Offenheit und Deutlichkeit auf der Reise in Amerika gesagt worden, ob es Beifall fand oder nicht. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung in Amerika sieht der Kampf gegen den Totalitarismus. Der politisch interessierte Mann auf der Straße ist erbittert: "Jetzt haben wir, mühsam genug, den einen Totalitären bekämpft und besiegt, und nun ist der andere schon wieder da." Es wird als Bedrohung empfunden. Es ist nicht Angst, die man spürt, aber es ist das die Zukunft Bedrohende, die Zukunft der Freiheit Bedrohende, das die Menschen erbittert und entschlossen macht. Es ist die Ahnung, daß kein Ausweichen möglich ist. Das totalitäre Prinzip wird als Wesen fremd empfunden in einem Land, in dem die Gleichberechtigung nichts Anerzogenes, sondern eine Selbstverständlichkeit ist; in dem Kinder armer Eltern mit einer Unbekümmertheit, die man an europäischen Kindern schmerzlich vermißt, mit Kindern Reicher umgehen; in dem sich Männer in Lumpen als gleichgeboren mit Männern in Luxus empfinden. In einem Land in dem der schwarze Schlafwagenschaffner mit einer Selbstsicherheit und Unbekümmertheit seine Unterhaltung mit dem reichen Gast führt, die man erlebt haben muß, um sie zu begreifen. In einem Land, in dem Demokratie als Lebensform empfunden wird; als die Waffe des einzelnen gegen den Staat und nicht als Staatsform wie in Europa.
Die Auseinandersetzung mit dem, was man wohl fälschlich noch Kommunismus nennt, ist leidenschaftlich und energisch. Aber: Unterdrückung der Kommunisten? Wir sahen zwischen den Schlachthäusern Chicagos ein elegantes Auto mit zwei Rednern auf dem Dach und einer Lautsprecheranlage und drumherum zwei- bis dreihundert schwarze und weiße Arbeiter in der Mittagspause, die sich die Redner anhörten, in aller Ruhe, ohne Zwischenruf, ohne die geringsten Schwierigkeiten für irgendeinen der Redner, obwohl es kommunistische Agitatoren waren, einer davon aus dem Ausland, die ihre durchaus nicht sanften Kriegsgesänge durchs Mikrophon jagten. Die Hinterhältigkeit der kommunistischen Totalitären und ihres Kampfes ist es, die die Auseinandersetzung so erregend macht. Die Tatsache, daß versucht wird, in jede Amtsstube, in jeden wichtigen Betrieb einen Spion hineinzusetzen, daß Einfluß und Schlüsselstellungen gesucht werden für eine fremde Macht, daß mit allen Methoden, die wir hier auf dem Kontinent an den Kommunisten kennen, nun auch drüben gearbeitet wird, das bringt verständlicherweise aktive Reaktionen eines selbstbewußten und national betonten Volkes mit sich. Edgar Hoover, Chef der Bundespolizei, Bekämpfer der Gangster und der Nazis, hat einen Hauptfeind Nr. 1 bekommen.
Die Auseinandersetzung mit den Kommunisten und mit den reaktionären Kräften, die das Anti-Gewerkschafts-Taft-Hartley-Gesetz durchbrachten, hat Kräfte mobilisiert und politisiert, an die man hier bei uns kaum als politische Kräfte denkt. Wer die Aussagen Adolph Menjous vor dem Untersuchungsausschuß für unamerikanische Aktivitäten verfolgt und seine, von erstaunlicher Quellenkenntnis zeugende Anklagerede gegen die Kommunisten gehört hat, oder wer, wie wir, mit dem bekannten Filmstar Robert Montgomery einen Abend ein langes politisches und gewerkschaftspolitisches Gespräch geführt bar, bei dem klar wurde, daß "Bob" Montgomery ein aktiver Gewerkschaftler, ein guter Sozialist und ein tatkräftiger Helfer Deutschlands in Fragen der Jugenderziehung und Lebensmittelsendungen ist, der wird sich hüten, die vorschnellen Urteile nachzubeten, die immer wieder aus Unkenntnis oder Propaganda über Menschen und Werke in Amerika verbreitet werden.
Geboren 1904 in Hannover. Kaufmännischer Angestellter. Seit 1925 Sekretär des Vorstandes der SPD in Berlin, mit dem er 1933 nach Prag, 1938 nach Frankreich und 1940 nach England ging. Februar 1946 Rückkehr nach Deutschland, seit Mai desselben Jahres Mitglied des Vorstandes der SPD.
Von Fritz Heine

DER SPIEGEL 45/1947
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