08.11.1947

Ideen haben Beine

Robert Tilge, Industrieller aus Lille und Vorsitzender eines nordfranzösischen Unternehmerverbandes, kam noch einmal nach Caux zur Weltkonferenz der Moralischen Aufrüstung zurück. "Zu Hause fanden sie, ich sei schon viel besser geworden. Früher nannten sie mich immer den Bullen. Aber ich meine, ich kann noch eine weitere Besserung gut vertragen." Die Moralische Aufrüstung hat sich die innere Wandlung, die Läuterung des einzelnen Menschens zum Ziel gesetzt. Einst hieß sie Oxford-Bewegung. Bis 1938 ihr Begründer, der einstige amerikanische Geistliche Dr. Frank N. D. Buchman, auf den Höhen des Schwarzwaldes den Plan faßte, der Aufrüstung der Waffen die Aufrüstung der Moral entgegenzusetzen. Seitdem arbeitet seine Bewegung, jedoch ohne eine wirkliche feste Organisation, in allen Ländern der Erde an der sittlichen Wiederherstellung der Welt.
Monsieur Tilge war nicht der einzige, der eine zweite Einkehr in dem Hotel über dem Genfer See für zweckmäßig hielt. Der ostindische Finanzminister kam gleich mit einer ganzen Regierungsdelegation noch einmal zurück, darunter dem Staatspräsidenten und dem Ministerpräsidenten.
Andere unter den Großen dieser Erde reisten mitten aus Regierungskrisen auf die Schweizer Höhen, so der dänische Ministerpräsident Knud Kristensen, den auch das Mißtrauensvotum des Folkething nicht von dem Ausflug nach Caux abzubringen vermochte. Insgesamt waren es rund 5000 Menschen aus 52 Nationen aller Erdteile, die moralisch aufrüsteten.
Aus Deutschland waren es 150. Zu ihrer Begrüßung und bei ihrem Abschied wurden von dem Hauschor der Moralischen Aufrüstung, dem Mackinac-Chor, deutsche Lieder gedichtet und gesungen.
So sehr gehörten sie zu der großen Familie, daß auch die Deutschen sich untereinander selbst näherkamen. Als mit der "bayerischen Invasion" Dr. Michael Horlacher und Dr. Wilhelm Högner kamen, sah man den CSU-Landtagspräsidenten und den SPD-Ex-Ministerpräsidenten Arm in Arm ihren Landsleuten voranschreiten. In München wurde dergleichen Eintracht noch nicht erlebt.
In Caux gab es diesmal auch eine Welt-Uraufführung: eine Revue "Der gute Weg". Gemeint ist der Weg der Moralischen Aufrüstung, "die Menschen wieder dazu zu bringen, auf Gott zu horchen". Mit einem anderen Stück, "Der vergessene Faktor", gingen die Schauspieler von Mountain House, dem Hotel in Caux, auch nach Bern.
Zweimal wurde es auf Einladung des Schweizer Bundespräsidenten Dr. Philipp Etter vor geladenen Gästen aus der ganzen Schweiz gespielt. "Diese Stücke", schrieb der Kritiker der Neuen Zürcher Zeitung, "stehen weit oberhalb dessen, was man als Tendenzstücke zu bezeichnen pflegt".
Alles wird in Caux als Mannschaftsarbeit geleistet, vom Stubenreinigen, wozu der Landwirtschaftsberater der finnischen Regierung Gustav Rosenquist seine besondere Begabung entdeckte, bis zum Stückeschreiben. Auch die Schauspieler bleiben namenlos. Man weiß nur, daß unter ihnen eine einstmals bekannte Hollywood-Darstellerin ist, die Stellung und Vermögen aufgab, um ganz der Moralischen Aufrüstung zu dienen.
Ein anderes Beispiel für diese Haltung lieferte der Engländer Peter Howard. Er war Redakteur am Londoner "Daily Expreß", als er es sich in den Kopf setzte, ein Buch über Dr. Frank Buchman zu schreiben.
Seine Zeitung wollte nichts davon wissen. Also gab Howard seinen Beruf auf, schrieb das Buch und beackerte, um leben zu können, mit seiner Frau, einer Malerin, ein kleines Landgut. Beide verstanden nichts von der Landwirtschaft, und auf dem Gut lasteten 2000 Pfund Schulden. Sie machten daraus eine rentable Musterfarm.
Von Howard stammt auch das Buch "Ideen haben Beine". Was er damit meint, hat er in einem Satz zusammengefaßt: "Frank Buchman griff die Ideen der Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe - die den Menschen bekannt sind, seit sie den Sohn des Zimmermanns getötet haben - wieder auf und gab ihnen Rahmen und Ziel, die der heutigen Welt angemessen sind: die Moralische Aufrüstung. Er gab diesen Ideen Beine. Heute sind sie auf dem Marsch."
Landwirtschaft mit Scheuertuch Herr Rosenquist macht in Caux reine
Arm in Arm mit dir . . . - Dr. Horlacher und Dr. Högner moralisch aufgerüstet

DER SPIEGEL 45/1947
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