08.11.1947

Der Zar greift an

James Cesar Petrillo, Vorsitzender der AFM, der amerikanischen Musikergewerkschaft, erklärte der Schallplattenindustrie der US einen waffenlosen Krieg. Ab 31. Dezember dieses Jahres wird kein Musiker seiner Gewerkschaft mehr eine Schallplattenaufnahme mitmachen.
Diese Erklärung ist gewichtig, weil Petrillo, den sie den "Musikzar" nennen, über 215 000 Musiker, vom ersten Kapellmeister der New Yorker Philharmonie bis zum letzten Paukisten einer nebenberuflichen Samstagnachmittagskapelle, gebietet. Einst war er ein schlecht bezahlter Trompeter.
Der Musikzar kann sich auf seine Mitglieder, die ihm ein Gehalt von fast 50 000 Dollar zahlen, verlassen; er hat schon einiges für sie erreicht: bessere Bezahlung, freie Tage, Krankenhäuser, Alterspensionen.
Petrillo hatte schon einmal eine heftige Kontroverse mit der Schallplattenindustrie. Damals ging es ihm darum, daß nicht nur Komponisten, sondern auch die ausübenden Musikanten Tantiemen für die von ihnen bespielten Schallplatten erhalten sollten.
27 Monate wurden keine neuen Schallplatten aufgenommen, dann war es erreicht. Im vorigen Jahre wurden derart 2 Millionen Dollar an die AFM gezahlt, die bis auf den letzten Cent an arbeitslose Musiker gingen.
Diesmal nun erklärte Zar Petrillo, daß die Musiker sich nicht selbst auf die Dauer Konkurrenz machen könnten mit der Edisonschen Erfindung der Schallplatte. So werde man also aufhören, Platten für den Haus-, Funk- und Restaurantgebrauch zu bespielen.
Die Plattenindustrie konnte sich noch nicht entschließen, Petrillos Erklärung ganz ernst zu nehmen. Man glaubt, es sei nur ein Manöver, das ihm für bevorstehende Verhandlungen über einen neuen Vertrag zwischen Musikergewerkschaft und Industrie eine möglichst günstige Basis schaffen soll.
Außerdem fühlen sich die Industrieherren einigermaßen beruhigt, weil unveröffentlichtes Material noch ausreichte, den Bedarf an konservierter Musik für zwei Jahre zu decken. Sie vergleichen die Absicht Petrillos mit der Idee, den elektrischen Eisschrank abzuschaffen, damit der Eismann nicht brotlos werde.

DER SPIEGEL 45/1947
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