08.11.1947

GRAPHIKGegen die dicken Bäuche

Als Herr Petermann, der Leiter der graphischen Sammlung der Württembergischen Staatsgalerie, den Zeichnern des "Wespennestes" zurief: "Ihr müßt die dicken Bäuche angreifen, wo Ihr sie trefft!" ging ein Lächeln durch die Schar der Gäste. Der Württemberg-Badische Ministerpräsident Dr. Reinhold Maier sah auf sein ehrlich erworbenes Embonpoint und wechselte das Standbein.
Ueberhaupt: als die Ausstellung "Zeitgenössische Satire - Zeichner des Wespennestes stellen aus" eröffnet wurde, meinte mancher der Anwesenden, Anlaß zu haben, sich betroffen zu fühlen. Das Stuttgarter "Wespennest", die satirische Zeitschrift mit der gewinnend zuschlagenden Art, Nägel auf die Köpfe zu treffen, und mit den losen Federn (Schreib- und Zeichenfedern), hatte sinnigerweise gerade diejenigen eingeladen, welche die etwa hundert ausgestellten Blätter angingen: vom Wohnungsamt, Straßenverkehrsamt, den diversen Ministerien, der Stadtverwaltung bis zum Staatsoberhaupt war alles da.
Es ist leichter, sagen die Aussteller, einen Geranientopf oder einen netten Akt in allen möglichen formalen Abwandlungen zu zeigen, als sich täglich mit Erfolg einem aktuellen Problem zuzuwenden. Die Satire verlangt, wenn sie wirksam sein soll, die Entscheidung für einen glasklaren Strich, für eine bestimmte pointierte Form, ohne Umschweife und ohne zeichnerischen Bluff. Der satirische Zeichner sieht sich täglich vor das "hic Rhodus hic salta" gestellt.
Der Kreis der "Wespenest"-Künstler ist jung, das Durchschnittsalter liegt um 30. Die neun ausstellenden Zeichner hatten den Erfolg, daß sich schon nach den ersten Tagen der Ausstellung Interessenten für fast alle Arbeiten meldeten.
Die Themen der Graphiken und Aquarelle reichen von der aktuellen Zeitsatire bis in die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Bereiche des gegenwärtigen Lebens. Die Fachleute loben das Formale und meinen: "Hoffentlich werden die Arbeiten nicht beschädigt." Die Nichtfachleute freuen sich über die Einfälle und denken nicht daran, die Blätter herunterzureißen.
Die Bürokratie: Das Publikum ist schuld, wenn es nicht vorwärtsgeht
Rassenfrage 1947 - Zwei Wespenstachel, von H. Beyer (unten) und E. Munz (oben)

DER SPIEGEL 45/1947
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