08.11.1947

Madame Sacha Guitry V.

Paris spricht wieder von Sacha Guitry, dem großen "Moi". Es ist anzunehmen, daß er darüber recht erfreut ist. Amüsierter Klatsch gehört mit zu seinem Lebenselement.
M. Guitry hielt letzthin, nachdem er endgültig "blanchiert", das heißt vom Verdacht der Zusammenarbeit mit den Deutschen während der Besatzung entlastet ist, in Paris einen Vortrag: "Was ich sah und hörte". Er verteidigte sich wegen seines Verhaltens in der Kriegszeit und beklagte sein Schicksal, für einige Monate in ein Internierungslager gebracht worden zu sein.
Mit der ganzen Schärfe seines funkelnden Esprits griff er alle und jeden an. Das verübelten ihm nicht nur die sehr illustren Zuhörer, auch die gesamte Pariser Presse erging sich in unsanften Bemerkungen. Aber Sacha nimmt alle Vorwürfe mit der gewohnten olympischen Ruhe hin.
Während sein Entlastungsverfahren noch schwebte, er also nicht öffentlich hervortreten konnte, hat er drei neue Filmszenario und ein Theaterstück geschrieben. Die Titel bleiben vorerst noch streng geheim. Man weiß nur, daß in einem der geplanten Filme das Leben Lucien Guitrys, des Vaters Sachas, aufgerollt werden soll.
Auch Lucien Guitry war ein außergewöhnlicher Schauspieler. Sein Sohn Sacha blieb 14 Jahre lang mit ihm entzweit.
Der Streit zwischen ihnen entstand so: Sacha hatte, noch ganz im Beginn seiner Bühnenlaufbahn, eine Rolle unter der Regie seines Vaters zu spielen. Eines Abends vergaß er Zeit und Stunde und kam zu spät ins Theater. Am "schwarzen Brett" stand bereits sein Name: der Vater-Regisseur hatte ihm eine sehr hohe Konventionalstrafe wegen der Verspätung diktiert.
Sacha machte wütend kehrt und sah 14 Jahre lang seinen Vater nicht wieder. In dieser Zeit wurde er der gefeierte Bühnenautor und der gefeierte Schauspieler.
Dann kam der Tag, an dem Sacha, der mit seiner damaligen Frau Yvonne Printemps gerade sehr erfolgreich in einem seiner Stücke auftrat, erfuhr, daß sein Vater zwei Logenplätze für diese Aufführung gekauft habe. Sacha wurde von fürchterlichem Lampenfieber gepackt, und wirklich, als er auf die Bühne trat und seinen Vater in der Loge sah, verlor er den Faden. Er fing sich bald wieder und spielte so gut wie immer, und am nächsten Tage, trafen Vater und Sohn sich zur Versöhnung. Noch während Lucien Sacha umarmte, sagte er: "Du mußt ein Stück für mich schreiben." Und Sacha: "Ich habe schon heute nacht damit begonnen." Es war "Pasteur", eines der besten von Sachas Stücken.
Sacha Guitry hat außer durch seinen Vortrag und seine Filmpläne auch sonst dafür gesorgt, daß man von ihm spricht: Er will sich wieder verheiraten, zum fünften Male. Er ist 62, seine "Neue", die Schauspielerin Lana Marconi, 22.
Die Hochzeit ist eine absolute Verrücktheit, meint Sachas künftige Schwiegermutter. Worauf Sacha die in Paris zirkulierende Antwort fand: "Für wen, Madame?"

DER SPIEGEL 45/1947
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