08.11.1947

Sensation um Joseph K.

Das Theatre Marigny in Paris hatte einen großen Abend. Das Paris des Geistes und der Kunst saß vor der Bühne. Franz Kafkas "Der Prozeß" ging in Szene.
Es ist ein Morgen wie jeder andere. Der Bankangestellte Joseph K. wartet auf sein Frühstück. Das Frühstück kommt, und zugleich kommen zwei Kommissare um Joseph K. zu verhaften.
Er hält es für einen Scherz. Die Polizisten bleiben ernst. Er beteuert seine Unschuld und fragt nach den Gründen seiner Verhaftung. Die Kommissare wissen sie nicht. Der Fall muß sich aufklären, meint Joseph K.
Er klärt sich nicht auf. Er wird immer verwickelter, immer düsterer. Er endet mit der Hinrichtung des kleinen Bankangestellten, der sich keines Vergehens bewußt ist und doch mehr und mehr von einem unfaßbaren dumpfen Schuldgefühl überwältigt wird.
Das ist der Inhalt von Franz Kafkas Roman "Der Prozeß". Andre Gide und der Schauspieler und Regisseur Jean-Louis Barrault haben ihn für die Bühne bearbeitet. Sie haben es mit aller Sorgfalt und größter Einfühlung getan.
Barrault inszenierte auch und spielte die Hauptrolle. Er ist ein junger Künstler, der sich bewundernswert Schnell durchgesetzt bat. 1931 sammelte er eine Gruppe von Schauspielern um sich und probte mit ihnen auf einem Dachboden neue Ausdrucksformen. Heute steht er in der ersten Reihe der Pariser Schauspieler und Regisseure.
Durch die Gesten durch das Bühnenbild, durch Licht und Schatten, durch bedrückende mächtige Rundbogen, die sich herabsenken, durch Treppen, die scheinbar zum Licht emporführen, aber in düsteren, Korridoren enden setzte Barrault die Prosa Kafkas in szenische Eindrücke um. Die Handlung vollzieht sich im Halbdunkel. Ständig wechselt bei offener Bühne die Szene.
Der Erfolg der Uraufführung im Marigny war sensationell Die Zeitungen veröffentlichen spaltenlange Berichte. Sie sind sich einig, daß Kafka zu den drei oder vier wirklich bedeutenden Dichtern seiner Zeit gehört hat.
Franz Kafka ist 1924 mit 41 Jahren in einem Sanatorium bei Wien an Lungentuberkulose gestorben. Lange war er Angestellter einer Versicherungsgesellschaft in Prag.
Dort wurde er als Sohn eines jüdischen Großkaufmanns geboren, sein Geburtshaus, dem Rathausplatz gegenüber, wurde 1945 bei den Kämpfen zerstört: Niemand von seiner Familie lebt noch. Die drei Schwestern wurden im Krieg in die Ghettos von Lodz und Theresienstadt verschleppt und sind umgekommen.
In seinem Testament hatte Kafka geschrieben, man möge alles verbrennen, was er an Aufzeichnungen hinterlassen habe. Sein Freund, der Schriftsteller Max Brod, hat sie dennoch herausgebracht. Er erkannte ihren einzigartigen Wert.
Heute steht Kafka in einem Brennpunkt des literarischen Interesses. Man weist seinen Einfluß auf die "schwarzen Strömungen" hin, das heißt auf jene Schriftsteller, die an die absurde Grundlage der Welt glauben. Jean-Paul Sartre zögerte nicht, Kafka für seine Existentialphilosophie zu beschlagnahmen.
Auch Zeitungen konstatieren, daß Kafkas "Prozeß" ein so düsteres, Verzweifeltes Bild der menschlichen Lage entrolle wie der Existentialismus selbst. Andere sagen, das Werk sei eine instinktive Vorahnung dessen, was 1933 über Kafkas Glaubensgenossen hereinbrach.
Wieder andere meinen, der "Prozeß" zeige das durch die bürokratische, unverantwortliche, tyrannische, stumpfsinnige Maschinerie vernichtete Individuum. Und von religiöser Seite heißt es, das Werk stelle die Erbsünde dar. Die Schuld des Joseph K. sei eben, daß er keine Schuld gefühlt habe.
Andre Gide erklärte einem Journalisten, seine Bewunderung für die literarische Kunst sei es gewesen, die ihn zu der Bearbeitung veranlaßt habe. Die "schwarze Philosophie" lehne er ab.
Gide sagte: "Ich bewundere ungeheuer die Kunst Kafkas. Um so fremder ist mir seine düstere Ethik. Natürlich habe ich mich gehütet, ihn zu verfälschen. Aber was mich betrifft, ich habe mit meinen Büchern immer Freude geben wollen."
"Der Prozeß" im Marigny - Die Zeitungen schrieben lange Spalten

DER SPIEGEL 45/1947
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