08.11.1947

Alles Vergängliche

Die Liste der dramatischen Gattungsbegriffe sieht sich unerwartet erweitert: es war ein "szenisches Gleichnis", das auf den paar Quadratmetern der Niedersächsischen Landesbühne zu Hannover uraufgeführt wurde. Das vorliegende Muster vermittelt nicht den Eindruck, daß außer der Erweiterung der Terminologie etwas dabei herauskommt.
Das szenische Gleichnis heißt "Die Zeit ist nahe". Es spielt sichtlich in der Renaissance, in einer, nach den erheblich melodiösen Namen der Figuren zu schließen, italienischen Stadt. Dies und was immer vorgetragen wird, will gleichnishaft verstanden werden. Insofern hatte das Publikum Anlaß, an Goethe zu denken: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Und das szenische Gleichnis macht einen sehr vergängliche Eindruck.
Die Pest bedroht die Stadt, auch das ist ein Gleichnis. Die Pest steht für Pest in jedem Sinn, auch für die Pestilenzen der Seele und des, Geistes, die alle Bande frommer Scheu lösen und den Menschen, das Menschliche zugrunde richten.
"Die Zeit ist nahe" hat es darauf abgesehen, ein zeitnahes Stück zu sein, und sein Thema ist zeitnahe. Aber hier dringt es, historisch verkleidet und mit verteilten Rollen wortreich rezitiert, aus der Renaissance - Kostümierung und den Vorträgen nicht in die Gegenwart.
Gleichnis und Gegenwart sollten Parallelen sein, deren Schnittpunkt auf der Bühne lag. Diese mathematisch-dramatische Konstruktion mißriet. Wie nur je zwei Parallelen schnitten sich auch diese unsichtbar fern im Unendlichen. Das Publikum hörte Historie vortragen. Es konnte sich nicht entschließen, sich angesprochen zu fühlen.
Die Figuren erinnern an personifizierte Zeitungsartikel Sie haben nicht viel zu tun, sie sind zu sehr damit beschäftigt, das Ihre publik zu machen, zumeist Woolworth-Wahrheiten. Sie bedienen sich dabei eines gern in Brokat schreitenden Schreibedeutsches von angestrengter Gehobenheit. Gelegentlich sind sie es selbst leid und sagen: "Genug des mystischen Orakels!"
Intendant Gerhard Schulz-Rehden, bis vor kurzem als Rezensent in Hannover der Kunst eifervoll ergeben, hatte das szenische Gleichnis inszeniert. Seine Bühne ist klein, er hatte gut daran getan, seinen Schauspielern die Gebärden zu rationieren. So beließen die meisten es bei genauer Deklamation und bei hochgezogenen Brauen, herabgezogenen Mundwinkeln und anderer Mimik von ermattender Monotonie. Die Zuhörer hatten zum andern Male Anlaß, sich an Goethe erinnert zu fühlen: Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis.
Das Gleichnis dauerte fast drei Stunden, dem Publikum kam es länger vor. Es saß, als sich zum Schluß auf der Bühne alle Figuren verlaufen hatten (was ihnen nicht zu verdenken war), ziemlich ratlos da. Es dauerte etwas, bis man sich dem traditionellen Genuß des Beifallspendens einigermaßen hingab. Ein vorsorglich bestellter Photograph trat in Aktion und hielt den Applaus bei Blitzlicht im Bilde fest. Es wurde eine ausgesprochene Momentaufnahme.
Auf der Bühne verneigte sich inmitten der von ihm heraufbeschworenen Renaissance der Autor, ein nicht sehr großer Herr, der älter als seine 24 Jahre aussieht: Rudolf Augstein, Lizenzträger und Chefredakteur der viel besseren Zeitschrift "DER SPIEGEL".
Auf dem Programmzettel war er ebenfalls seiner Neigung zur Oeffentlichkeit nachgegangen, mit einem freundlichen Geplauder über unterschiedliche Empfindungen eines Bühnenautors. Schätzungsweise fanden nicht wenige diese amüsanternsthaften Geständnisse des Autors unterhaltender als sein szenisches Gleichnis. Obwohl Herr Augstein auf dem Zettel kühnerweise mit einem neuen Stück droht.

DER SPIEGEL 45/1947
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