08.11.1947

KLEINKUNSTLucienne suchte Jacques

Amerika und Europa haben ein bißchen getauscht. Aus New York kam die Sängerin Lona Herne nach London. Sie wird nach ihrem Gastspiel im Casino-Theater eine Tournee durch Frankreich machen. Frankreich seinerseits sandte etwas so Charmant - Französisches wie Lucienne Boyer übers große Wasser.
Die beiden Damen trafen sich in New York auf der Abschiedsparty, die man für Miß Horne in Szene setzte. Sie tranken sich gegenseitig zu und ließen sich bei dieser Gelegenheit lächelnd photographieren.
Lucienne Boyer ist die liebenswürdigste Sängerin ganz zarter sentimentaler Chansons, die sich so gut in die weiche zärtliche Atmosphäre der ewig verliebten Seine-Stadt einfügen. Paris hat es immer wieder bedauert, daß Madame Boyer sich so rar gemacht hat Man hörte sie in den letzten Jahren nur noch selten in Paris.
Lucienne war bereits einige Jahre lang hier und dort aufgetreten als sie 1933 mit einem Schlage berühmt wurde durch ihr Lied "Parlez-moi d'amour". Nicht nur Paris sang alsbald das Lied. Es nahm einen so erfolgreichen Siegeslauf um die ganze Welt, daß bereits nach einem Jahre in den Pariser Kabaretten Persiflagen entstanden: "Ne me parlez plus d'amour (surtout), ne me dites plus des cheses tendres". ("Sprich mir nicht länger von Liebe, sag mir keine Zärtlichkeiten mehr.")
Man nahm diese Persiflagen mit einem amüsierten Lächeln zur Kenntnis. Aber sie änderten nichts an der Beliebtheit des Liedes und an der Beliebtheit Lucienne Boyers. Die kleinen Midinetten summten das Liedchen weiterhin den ganzen Tag.
Lucienne Boyer wurde "Lucienne". Sie machte ein reizendes intimes Nachtlokal in einer kleinen Parallelstraße des Boulevard des Capucines auf. Es hieß "chez Elle" ("bei ihr"), und Abend für Abend mußten die Türen wegen Ueberfüllung geschlossen werden.
Wenige wissen, daß sie zu einigen ihrer Chansons die Musik selbst komponiert hat. So zu den reizenden Liedern: "Lettre a Nini", "Dans la fumee de ma cigarette", "Mon petit lit d'enfant", "C'est mon quartier" ("Brief an Nini", "Im Rauch meiner Zigarette". "Mein kleines Kinderbett", "Das ist mein Quartier"). Ein Erfolg reihte sich an den andern. Sie sang sich in die Herzen aller, die sie horten. Lucienne wurde zum Abgott von Paris.
Während der deutschen Besatzung heiratete sie den Chansonnier Jacques Pills, der viel "chez Elle" aufgetreten war. Die Hochzeit ging in aller Stille vor sich. Ihre Vorgeschichte ist rührend und mutet wie ein Märchen an.
Jacques Pills war nach dem Waffenstillstand in irgendeinem der vielen Gefangenenlager. Ob in der Bretagne oder in der Normandie, wußte keiner genau zu sagen. Verzweifelt über die ungenauen Berichte wollte sich Lucienne Boyer selbst Gewißheit verschaffen.
Mit dem Fahrrad fuhr sie durch herbstliche Stürme und herbstlichen Regen über die trostlosen Landstraßen, von Lager zu Lager, tage- und wochenlang. Endlich wußte Lucienne, wo Jacques sich befand. Klopfenden Herzens ging sie zum Lagerkommandanten. Der erkannte sie und gab nach Erledigung der Formalitäten Jacques Pills frei.
Während der Besatzung verdankte Paris Jacques Pills Chansons wie "Mon ange", "M'amour, m'aimez-vous?" ("Mein Engel". "Meine Liebe, liebst Du mich?"). Und besonders "Dans un coin de mon pays", mit dessen ersten Takten das Pariser Radio lange Zeit seine Pausen ankündigte: "In einem Winkel meines Landes".
Bald nachdem Jacques freigelassen worden war, heirateten er und Lucienne. Sie trat immer seltener "chez Elle" auf, sie widmete sich ganz ihrem Kinde. Lucienne verkaufte dann sogar das kleine Nachtlokal, dessen Seele sie so lange Zeit gewesen war.
Man hörte sie noch einmal in dem Kabarett "A. B. C." und kurze Zeit in dem eleganten Nachtlokal "Beaulieu". Und immer wieder, noch nach so langen Jahren, verlangte das Publikum von ihr als Zugabe "Parles-moi d'amour".
Trinke, wem Getränk gegeben: Lona Horne und Lucienne Boyer (r.), die Sängerinnen

DER SPIEGEL 45/1947
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