08.11.1947

Das Brautkleid im Tresor

Die Hochzeit der Prinzessin Elisabeth, der britischen Thronfolgerin, soll am 20. November stattfinden, und es gibt eine Menge Amerikanerinnen, die sich in den Kopf gesetzt haben, am selben Tage zu heiraten. Sie sind nicht weniger hartnäckig in ihrem Ehrgeiz, das gleiche Kleid wie Prinzessin Elisabeth zu tragen. Andererseits möchte Prinzessin Elisabeth verständlicherweise ihr Brautkleid für sich haben.
Die eine Folge ist, daß geradezu ein Wettlauf nach dem sorgfältig gehüteten Geheimnis des Brautkleides eingesetzt hat. Und die andere Folge ist, daß dieses Geheimnis mit allen Mitteln gehütet wird. Die englischen Journalisten bekamen bisher nur eine Stoffprobe des Kleides zu sehen. Sie bekamen gleichzeitig die strengste Anweisung, vor dem Hochzeitstage nichts darüber zu schreiben.
Eine Schar von Modespionen kam über das Meer und breitete sich in Mayfair aus, dem ruhigen, vornehmen Londoner Viertel der Modehäuser. Die Modespione verfolgen die Näherinnen des Brautkleides bis in die Wohnungen. Sie bieten ihnen fanatische Summen, um etwas in Erfahrung zu bringen.
Aber natürlich ist das Geheimnis wie es bei allen Staatsgeheimnissen der Fall zu sein pflegt, mit einem Kordon von Sicherheitsmaßnahmen umgeben. Der englische Modeschöpfer Norman Hartwell, der beauftragt ist, das Prachtgewand herzustellen, hat sich ein besonders kompliziertes System ausgedacht, um jeden Raub zu verhindern und alle Versuchungen von seinen 30 Nähmädchen abzuwenden.
In Norman Hartvells Atelier in Mayfair werden augenblicklich elf Hochzeitskleider gearbeitet, und keine von den Näherinnen weiß, ob das Stück Stoff in ihren Händen zum Brautkleid der Prinzessin Elisabeth oder zu einem anderen gehört. Ein geheim beauftragter Zeichner entwarf den Schleier, ein anderer die Stickerei, ein Bildhauer die Drapierung. Norman Hartwell allein kennt das fertige Modell in seiner ganzen komplizierten Vollständigkeit.
Mr. Hartwell geht in seinen Vorsichtsmaßnahmen noch weiter. Er läßt seine Räume Tag und, Nacht von zwei Polizisten bewachen. In den letzten Tagen vor der Hochzeit will er sogar einen dritten Mann vor dem Stahlschrank schlafen lassen, in dem das "Staatsgeheimnis" aufbewahrt wird.

DER SPIEGEL 45/1947
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