08.11.1947

Roter Frack zum Abendkleid

Der Verkehrsschutzmann an der Ecke Ludwigstraße und V.-d.-Tann-Straße in München machte große Augen: vor ihm baute sich eine Riesenschau modernster amerikanischer Wagen auf. Die ausstiegen, schritten einer Ruine zu und verschwanden im frisch ausgebauten Ladenportal. Die Firma Hugo Flacker hielt ihre erste große Modenschau ab, eine Exportmodenschau.
Hugo Flacker, ein stämmiger, grauhaariger Mann im weitgeschnittenen Anzug nach amerikanischem Schnitt, hat, nachdem er im Krieg alles verloren hatte, sofort wieder mit dem Neuaufbau begonnen. Man sieht es an den Händen des ehemaligen Textilingenieurs, daß Energie in ihm steckt.
Mit einer Holzbaracke am Ammersee fing er vor zwei Jahren an: eine Nähstube mit zwei Bauernmädchen. Aber die Leiterin war damals schon Ilse Brettschneider, früher eine Größe der Berliner Modewelt.
Heute werden draußen in der Woche 2600 Kleider angefertigt. In den Baracken wird nach amerikanischem Muster am laufenden Band gearbeitet. 600 Näherinnen haben ihren Verdienst. In zwei Jahren ist diese größte Kleiderfabrik der Bizone buchstäblich aus dem Boden gewachsen. Die Kleider gehen meistens ins Ruhrgebiet.
Das Exportgeschäft geht über die Münchner Ateliers, deren Erzeugnisse die Modenschau vorführte, in sehr aparten Räumen, die dem Baumarkt und einer gründlich zerstörten Ruine abgerungen wurden: Alte englische Stiche an den Wänden echte Teppiche, Barockspiegel mit goldenen Konsolen, riesige Vasen und überall Blumen.
Der Andrang zur Modenschau nahm beängstigende Formen an. Fünf Schutzleute wehrten dem Sturm der Münchner Damen, um den geladenen Gästen den notwendigsten Raum zu erhalten. Alle Angestellten, zuweilen auch der gewandte Empfangschef mit der Kamelie im Knopfloch, organisierten über die Straße Stühle. Man hörte die Schutzleute noch eine Weile Beschwörungsformeln gegen handfestere Redensarten eintauschen. Dann fing es an. Das in eine Ecke verscheuchte Trio spielte "Was eine Frau im Frühling träumt".
Vertreter von Modehäusern in Paris und Hollywood waren anwesend. Die Einkäuferin eines Pariser Modehauses notierte eifrig. Neben ihr saß eine veritable königlich bayrische Prinzessin.
Die Frage, ob kurzer oder langer Rock, wurde in München diplomatisch mit dreiviertellang beantwortet, jedenfalls beim Straßenkleid. Das Oberteil liegt meist knapp an, von der Hüfte fallen glockige Falten. Die sportliche Note bevorzugt grün-rot-schwarz kariert.
Das Abendkleid bleibt lang mit einem Schleifenansatz im Stil des cul de Paris. Das Schlußmodell ist ein roter Frack zum Abendkleid.
Man trug große Hüte. Vom Barett schwankte die Feder. Die Strauße, die schon einmal von der Hutmode fast ausgerottet wurden, haben zu neuen Befürchtungen Anlaß.

DER SPIEGEL 45/1947
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