15.11.1947

Titos Schaustück

Daniel de Luce war etwas erstaunt. Der AP-Korrespondent hatte geglaubt, bei seiner Reise durch Mazedonien einheimische Volkslieder zu hören. Statt dessen klangen ihm überall die synkopenreichen Takte des "Chattanooga Choo-Choo" aus dem Sonja-Henie-Film -"Adoptiertes Glück" entgegen.
Es waren nicht die Einzigen Anzeichen, von Toleranz, die de Luce in Jugoslawiens Föderativ-Republik entdeckte. Während sich in der 400 Jahre alten Moschee von Gazi Isa Beg in Mazedoniens Hauptstadt Skopje die Derwische in religiösem Fieber mit mittelalterlichen Schwertern verwunden, können Christen einige hundert Meter weiter unbehelligt ihrem Gottesdienst beiwohnen.
In Mazedonien kann jeder seine Andacht in einem Frieden üben, wie ihn seine Vorväter niemals gekannt haben. Das Land, das im Westen von Albanien, im Süden von Griechenland und im Osten von Bulgarien begrenzt wird, ist das Schaustück von Marschall Josip Broz-Titos staatsmännischer Kunst geworden, behauptet Daniel de Luce.
Es ist deshalb auch ein Anziehungspunkt für die Mazedonen, die außerhalb der Grenzen Jugoslawiens leben. Etwa 300 000 von ihnen wohnen im benachbarten Bulgarien. Kosta Keremetschieff, der Führer der bulgarischen Mazedonen, proklamierte kürzlich in der Grenzstadt Petritsch den Wunsch seiner Landsleute, sich mit ihren Brüdern am Vardar zu vereinigen.
Keremetschieff und seine Freunde vertreten darüber hinaus den Gedanken eines Gesamt-Mazedonien, das Im Rahmen einer Balkanföderation ein selbständiger Staat mit gleichen Rechten wie Jugoslawien und Bulgarien sein sollte. In diesen souveränen mazedonischen Staat sollen auch die anderthalb Millionen in Nordgriechenland lebenden Mazedonen eingeschlossen werden.
Die jugoslawische Republik Mazedonien ist 1944 geschaffen worden, als die deutsche und die bulgarische Besatzung aus dem Land getrieben wurde. Eine offizielle Volkszählung hat es noch nicht gegeben. Inoffiziell wird die Bevölkerung auf etwa eine Million Köpfe geschätzt. Eine Minderheit von 300 000 Albanern und Türken gehört dem Moslem-Glauben an. Orthodoxe Slawen bilden die Majorität.
Tito hatte während des Krieges einen Erlaß herausgegeben, der jedem der in seiner nationalen Befreiungsarmee vertretenen Völker die freie Ausübung seiner Sitten und Gebräuche zugestand. Diese Kriegsverordnung ist auch heute noch gültig. Die in Mazedonien lebenden Albaner und Türken können ihre Kinder in eigne Schulen schicken.
Zum erstenmal dürfen mazedonische Kinder in der Schule ihre eigne Sprache sprechen, die als die weichste und musikalischste der slawischen Sprachen gilt. Bis 1944 war Mazedonisch als Amtssprache unerwünscht. Der Name der Hauptstadt Skopje wurde in das serbische Skoplje umgemodelt. Mazedonien selbst durfte nicht mit diesem Namen genannt werden. In Belgrad sprach man offiziell nur von Süd-Serbien.
Auf dem Gebiet der Erziehung wird in Mazedonien viel getan. Bisher konnte jeder zweite Erwachsene Mazedoniens weder lesen noch schreiben. Jetzt ist im Zuge des jugoslawischen Fünfjahresplans eine Verdoppelung der Schulen vorgesehen. In den vergangenen 18 Monaten sollen aus 55 000 Analphabeten bereits Alphabeten geworden sein.
Ein frischer Wind weht durch die sonnendurchglühten fruchtbaren Täler Mazedoniens. Die Landwirtschaft soll modernisiert werden. Der Tabakbau als die wichtigste Exportquelle des Landes wird stark forciert. Die in Hunderten von Jahren von Schafen und Ziegen abgegrasten kahlen Berge sollen aufgeforstet werden.
Das alles hat die Regierung der Republik Mazedonien in Ihr Programm aufgenommen. Es ist eine sehr junge Regierung. Keines der Kabinettsmitglieder ist älter als 40 Jahre. Lazar Kolischewski, der Präsident von Mazedonien, ist mit 33 Jahren der Jüngste.
Der hagere Präsident mit den dichten Augenbrauen war ursprünglich in einem Krämerladen beschäftigt. Kurz vor dem Krieg hatte er es bis zum Vorarbeiter in einer Munitionsfabrik und zum Führer einer Gewerkschaft gebracht. 1941 wurde er von den Deutschen gefangengenommen.
Kolischewski, den man selten lächeln sieht, entfloh kurz darauf. Er rekrutierte Partisanen und führte sie gegen die Besatzungsmacht. Als er erneut gefaßt wurde, verurteilte ihn ein bulgarisches Kriegsgericht zum Tode durch den Strang. Das brachte seine Landsleute, bei denen, Kolischewski sehr beliebt war, so in Erregung, daß die Bulgaren seine Todesstrafe in lebenslängliches Gefängnis umwandelten. Im September 1944 wurde er von bulgarischen Revolutionären befreit.

DER SPIEGEL 46/1947
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