06.12.1947

Zwanzig Minuten Kohlenklau

Im nordrhein-westfälischen Landtag wurde der Bericht des CDU-Abgeordneten Dr. Brauda über die Möglichkeiten verbesserter Speisefettversorgung durch Ankurbeln der sechs Fischer-Tropsch-Anlagen der britischen Zone und der synthetischen Speisefett-Werke in Witten vertagt. Währenddessen rollte das blaue Adler-Cabriolet Dr. Karl-Heinz Imhausens auf der Autobahn nach Süden.
Der 37jährige wendige Chemiker hatte gehofft, durch die Streichung der deutschen Fettsäurewerke und der synthetischen Speisefettwerke Imhausen u. Co. Witten von der Demontageliste sei das Familienunternehmen und die Forschungsarbeit seines Vaters gerettet. Aber dann stand auf der französischen Demontageliste die Märkische Seifenindustrie Lahr in Baden die ebenfalls der Familie Imhausen gehört. Das Lahrer Werk hatte bereits die Genehmigung zum Wiederaufbau und zur Herstellung von Waschmittel-Rohstoffen bekommen. Man arbeitete schwer und war jetzt wieder so weit. Da kam der neue Demontagebefehl.
Mit Hilfe der Fischer-Tropsch-Anlagen wäre Imhausen in der Lage, in seinem unzerstörten Werk Witten-Ruhr monatlich 600 000 kg Speisefett aus Kohle herzustellen. Aber vor diesem Fett-Traum steht noch die Produktionsgenehmigung und die Kohlefreigabe der Militärregierung. Um eine Tonne künstlicher Butter herzustellen, benötigt man 6,7 t Kohle. Um eine Tonne Rüböl zu importieren, müssen 70-80 t Kohle exportiert werden. Dr. Brauda wird daher im Namen des Ernährungsausschusses dem Landtag empfehlen, die Landesregierung Nordrhein-Westfalen zu entsprechenden Vorstellungen bei der Militärregierung zu bewegen.
Auch die Nazis hatten den Wert synthetischer Fettgewinnung und der Forschungen des heute 62jährigen Chemikers Artur Imhausen, der 1935 den internationalen Leonhard-Preis erhielt, begriffen. Sie konnten aber diesen wichtigen Mann nicht in ihre Propaganda einspannen, weil er Halbjude war. Sie konnten und wollten aber auch nicht auf ihn verzichten und machten Artur Imhausen zum Arier. Göring, der die Parole "Kanonen statt Butter" ausgegeben hatte, damals noch Generaloberst, Ministerpräsident und Beauftragter für den Vierjahresplan, schrieb ihm am 23. Juli 1937:
"In Anbetracht der großen Verdienste, die Sie sich um die Entwicklung der synthetischen Seife und des synthetischen Speisefetts aus Kohle erworben haben, hat der Führer auf meinen Vorschlag Ihre Anerkennung als Vollarier gutgeheißen . . . Heil Hitler! Göring"
Der seit Monaten bettlägerige Forscher hat zusammen mit seinem Sohn Karl-Heinz 1939 emulgiertes Speisefett hergestellt. Im Afrikafeldzug und auf den Unterseeboten wurde fast ausschließlich Wittener "Speisefett" gegessen. Es wurde nicht ranzig, war nahezu unbegrenzt haltbar und schmeckte fast wie Butter.
"Dieses Schmierseifen-Produkt können Sie doch niemandem zumuten!" wies ein Besucher neuesten Datums eine der ihm zur Begutachtung vorgesetzten Fettproben zurück. Er mußte sich von den lachenden Chemikern überzeugen lassen, daß gerade diese Fettprobe Margarine von einem Wittener Einzelhändler war.
Die rohstoffmäßige Voraussetzung für die monatliche Kapazität von 600 t emulgiertem Speisefett bildet synthetische Fettsäure. Das Werk Witten besitzt eine betriebsbereite Kapazität von monatlich 2500 t. Davon sind nur bestimmte Fraktionen für die Erzeugung von Speisefett geeignet. Der übrige Teil gibt hochwertige Produkte für den technischen Sektor ab. Um 2500 t Fettsäure herstellen zu können, werden etwa 3500t Gatsch benötigt. Gatsch ist eines der Primärprodukte, das bei der Fischer-Tropsch-Synthese anfällt.
Sechs Fischer-Tropsch-Anlagen befinden sich im Ruhrgebiet, die beiden kleinsten, Krupp in Wanne-Eickel und Gewerkschaft Victor in Rauxel, haben Produktionserlaubnis. Das Gatsch dieser beiden kleinen Anlagen wird vor allem von der Seifenindustrie geschluckt. Dagegen wäre die größte in Bergkamen imstande, die von Imhausen benötigte Gatschmenge zu produzieren. Sie darf aber noch nicht.
Die Produktionskapazität der beiden Imhausen würde ausreichen, um jedem Normalverbraucher der Doppelzone doppelt so viel Fett wie bisher zuzuteilen. Dafür würden monatlich 4000 Tonnen Kohle gebraucht, das ist der 70. Teil einer Tagesförderung im Ruhrgebiet. 20 Minuten benötigen die deutschen Ruhrkumpels, um die monatliche Fettration jedes Bizonen-Verbrauchers um 150 g zu erhöhen.
Allerdings hat die Sache einen wirtschaftlichen Haken: Rentabel wird das Verfahren erst, wenn man die wertvollen Nebenprodukte zweckentsprechend verwertet. Man müßte also gleichzeitig Produkte für die Buna- und Textilfertigung herstellen, außerdem Schmierfette. Diese Industriezweige aber fallen unter das Veto des Industrieplanes. Bei rentabler Arbeitsweise käme die synthetische Butter billiger als Butter auf Marken.
Die Konkurrenten Imhausens warnen vor Reizerscheinungen im Darmkanal und anderen Erkrankungen nach dem Genuß des Wittener Fetts. Sie möchten lieber, daß die Fettsäure in ihren Fabriken zur Seife verarbeitet wird.
Andere sagen: "Er darf nicht arbeiten, denn mit seinen Anlagen kann man auch synthetischen Treibstoff herstellen, was durch Kontrollratsgesetz verboten ist." Die Engländer haben sich noch nicht festgelegt.
Imhausen selbst weist darauf hin, daß schon die Nazis gern gesehen hätten, wenn er aus seinem Werk eine Benzinfabrik gemacht hätte. Es sei ihm aber trotz aller Anstrengungen nicht gelungen, von den Primärprodukten seiner Anlagen mehr als 50 Prozent einer Fraktion herzustellen, die zwar Benzin genannt werden könne, jedoch als Motorenbenzin wegen ihrer geringen Oktanzahl (56-58) ungeeignet sei.
Wissenschaftlich wurde festgestellt, daß der tägliche Genuß von bis zu 100 g Wittener Speisefett harmlos ist und keinerlei Reizerscheinungen oder Störungen hervorruft. Das künstliche Fett enthält ebenso wie Schmalz 9 Kalorien pro Gramm und ist durchschnittlich verdaulicher als Naturfett.
Der Chauffeur Artur Imhausens, der sich ebenso wie sein Seniorchef runder Backen und einer gesunden Gesichtsfarbe erfreut, verriet, daß er gar keine Butter mehr ißt und sich an die 100-g-Grenze nie gehalten hat. "Dünnpfiff oder auch nur Bauchschmerzen haben wir nie gehabt."
In Anbetracht, der Demontage
Imhausen jun. reist in Familiensachen
"In Anbetracht Ihrer Verdienste ..."
Imhausen sen. wurde Arier

DER SPIEGEL 49/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zwanzig Minuten Kohlenklau

  • Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Sibiriens ungewöhnlichster Strand: Gletscher im Grünen
  • Deutscher Neu-Astronaut: Der China-Mann
  • Weltrekord: Die Welt hat eine neue steilste Straße