29.11.1976

Datum: 29. Novemberl 1976 Betr.: Geheimrede von Strauss

"Wenn ich alles sagen würde, was ich weiss", sprach Franz Josef Strauss, "dann kann die CDU/CSU einpacken, dann brauchen wir die nächsten zehn Jahre zu keiner Wahl mehr anzutreten. Und wenn man mir das nicht glaubt, dann sucht euch einen besseren Parteivorsitzenden ..." Mit diesen messianischen Worten suchte Franz Josef Strauss am vergangenen Mittwoch im Münchner Schulungsraum der Wienerwald-Zentrale die Junge Union seines Landes Bayern für das zu gewinnen, was die "Süddeutsche Zeitung" einen "irrationalen Sturmlauf" nennt. Die 28 Delegierten stimmten mit Mehrheit gegen ihren Chef-Bayern und für einen Sonder-Parteitag der CSU. Seit Sonthofen hat der SPIEGEL keine solch brisante Niederschrift (siehe Seiten 31 bis 34) mehr veröffentlicht. Strauss, der zuverlässigste Bundesgenosse der Sozialliberalen, ist sich treu geblieben. Über Kohl heisst es in jener Rede, die nun wohl als die "Wienerwald-Rede" in die Tagesgeschichte eingehen wird: "Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen ... Aber man kann unter Umständen mit jedem regieren. Das geht da auch noch. Aber nicht mehr in dem Zustand. Das Kapitel ist mit dem 3. Oktober abgemeldet." Kohl werde in Bonn noch mal eine Götzendämmerung oder Götterdämmerung und jedenfalls blaue Wunder erleben. Strauss versicherte, er sei eiskalt. Ein Zurück gebe es nicht
mehr. Am Ende des von ihm nicht gewünschten Sonder-Parteitages werde er, nach einer kontroversen Diskussion, im Norden der Bundesrepublik eine freiheitliche "Deutsche Volkspartei" ausrufen. Als Landesvorsitzenden der CSU könne man ihn dann vergessen.
Über die Schwesterpartei sagte er: "Die politischen Pygmäen der CDU, die nur um ihre Wahlkreise bangen, diese Zwerge im Westentaschenformat, diese Reclam-Ausgabe von Politikern ..." Und konsequent machte er nach seinem Alphabet die Aussage a) er werde niemals Bundeskanzler werden und b) auch Kohl werde nie Bundeskanzler werden. Beides nur zu glaubhaft.

DER SPIEGEL 49/1976
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