29.11.1976

RUDOLF AUGSTEINAmok unter Freunden

Die "FAZ", Strauß nur dann nicht wohlgesonnen, wenn er die Chancen der Union mindert, schrieb im ersten Schrecken von einem "herostratischen Erfolg". Herostratos, der Mann mit dem klangvollen Namen, steckte, um eben diesen unsterblich zu machen, im Jahre 356 vor der Zeitrechnung den Tempel der Artemis bei Ephesos in Brand. Die Tat brachte ihn um sein Leben, verschaffte ihm aber die gewünschte Unsterblichkeit in Rede und Geschichtsfolianten. Der Name Herostrat wurde ein Begriff.
Hat also Strauß sein letztes Pulver sinnlos verschossen und sich damit in die Luft gesprengt? Ist er wie eine alte Wildsau durchs Parteiengelände geprescht, ohne Rücksicht auf den Flurschaden? Ist Strauß ein Brandstifter aus Geltungsdrang? Hat er lange und sorgfältig nachgedacht, oder wollte er nur noch einmal im Zentrum eines von ihm entfachten Wirbelsturms von sich reden machen?
Komm her, Franz Josef. laß dich examinieren.
* Strauß-These Nr. 1: Zwei Parteien haben es leichter, die absolute Mehrheit zu erringen; sie können. wie diesmal SPD und FDP, getrennt marschieren und vereint schlagen, lies getrennt wahlkämpfen und vereint die Regierung bilden;
* Strauß-These Nr. 2: Die FDP wird sich bis 1980 und auch nach 1980 zu einer Koalition mit den bisherigen Unionsparteien nicht bereit finden. Darum muß das Parteiengefüge aufgebrochen werden, damit den beiden "Blockparteien" SPD und FDP die "Blockparteien" CDU und CSU entgegengestellt werden können. Die Trennung zwischen diesen beiden Gruppen soll ·.unabdingbar" ("Stuttgarter Zeitung"), die FDP ein für allemal zum Blinddarm. zum Wurmfortsatz der SPD degradiert werden;
* Strauß-These Nr. 3: Nur er. Strauß, kann die jetzige Opposition wieder an die Macht bringen, nur er Deutschland und Europa retten.
Alle drei Thesen sind, wenn nicht mit mathematischer Sicherheit. so doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. zu widerlegen und vielfach widerlegt worden; sie sind, hei Licht und Vernunft besehen, falsch, teilweise aberwitzig falsch.
* Zu 1: Parteien sind nicht wie Konzerne, man kann sie nicht willkürlich zerlegen und wieder zusammenfügen. Parteien können nur gegründet werden, wo ein Interesse oder ein Bedürfnis einer nennenswerten Zahl der Wähler, sagen wir von fünf Prozent, vorliegt. Zu einer Partei-Gründung braucht man nicht nur Geld, sondern namhafte, aktive, potente Leute.
Angenommen, die CSU wurde im Bereich der "Nordlichter". also in Schleswig-Holstein (CDU bei den letzten Bundestagswahlen: 44,1%), Hamburg (35,9%), Bremen (32,5%), Niedersachsen (45,7%) und Nordrhein-Westfalen (44,5%), ihre Ableger unter falscher Flagge gründen, mit denen sie dann zur Bundestagswahl eine Listen-Verbindung eingehen könnte: So bekäme sie vielleicht das nötige Geld zusammen, auf die Beine aber nur kretinöse Organisationen, die erklärtermaßen keinen anderen Zweck hätten als den, der bayrischen CSU in der nächsten Bundestagswahl zu den bisher 10,6 Prozent noch zwei bis drei Prozent Strauß-Wähler zu apportieren, überwiegend zu Lasten der CDU.
Diese Strandgut-Parteien aus Wichtigtuern, Wirrköpfen und verdienten Altpolitikern hätten keine Chance, in irgendeinen Landtag einzuziehen, hatten keinerlei kommunale Infrastruktur. Sie wären eine politische und staatsbürgerliche Belastung für die gesamte rechte Gruppierung. die Strauß soeben zerschlagen hat, mit der er aber gleichwohl die nächsten Bundestagswahlen gewinnen will.
Da im übrigen Kohl gute Chancen hätte, der CSU in Bayern mehr als jene zwei bis drei Prozent wieder abzujagen. die sie außerhalb Bayerns gewinnen könnte; da die Reibungsverluste zwischen den früheren Schwestern unübersehbar groß wären und eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen den Parteiführern Kohl und Strauß nun überhaupt nicht mehr zu erwarten ist, überwiegt die Wahrscheinlichkeit. daß mit Straußens Konzept nicht mehr, sondern weniger Wähler zu gewinnen wären.
Kohl, eben noch mühe- und glanzvoll etabliert, müßte im übrigen ja wohl geopfert werden, ein anderer CDU-Mann als Kanzler-Kandidat an seine Stelle. Wer? Biedenkopf, Stoltenberg oder Albrecht. "Nordlichter" also, die Strauß genauso auspusten würde wie alle anderen CDU-Bewerber bisher? Oder gar Alfred Dregger. dem weder Kohl noch Strauß weichen würde? Oder man einigt sich auf gar keinen Kanzler mehr, den man den Leuten vor der Wahl zeigen kann?
* Zu 2: Strauß hat den Schnitt zur CDU in einem Augenblick vollzogen, wo die FDP erste Schritte unternahm, sieh von der SPD freizuschwimmen. Da politische Entwicklungen nicht wissenschaftlich meßbar und bestimmbar sind, läßt sich nur sagen, daß bis zum Beschluß von Kreuth eine Neuauflage der sozialliberalen Koalition im Jahre 1980 unwahrscheinlicher gewesen wäre als das Gegenteil. Strauß als "self-fulfilling" Prophet könnte allein bewirken (oder hat vielleicht bereits bewirkt), daß die FDP mit der CSU und demgemäß mit den beiden künftigen christlichen Blockparteien keine Koalition mehr eingehen kann, mit der CDU nicht, weil die Stimmenzahl nicht reichen dürfte, mit der CSU ohnehin nicht.
Schließlich war Strauß der Keil, der FDP und Christen-Union unwillentlich und unwissentlich auseinandergetrieben hat; auch heute und heute erst recht ist die Person Strauß der eckigste Stolperstein auf dem Weg zu einer Neuauflage der Bürgerkoalition. Kein FDP-Minister hat seit dem Jahr 1962 neben Strauß auf der Regierungsbank gesessen.
* Zu 3: Wie sich die ganze nun angestoßene Verschiebung im Parteiengefüge nur um einen Mann drehen würde, wie sie nur von diesem einen gewollt würde: So wird jede Vernunftrechnung ohne den Wirt gemacht, weil sich der irrationale Posten Strauß nicht einsetzen läßt. Überblickt man die Bundespolitik seit 1962, so hat die voluminöse Potenz von Strauß für (hie Union mehr destruktive als konstruktive Wirkungen gezeitigt.
Ohne ihn hätte es vermutlich keine Große Koalition und vielleicht bis heute keine sozialliberale Regierung gegeben (Wolfgang Döring und mir hat er schon 1961 versichert, nötig seien nicht drei oder dreieinhalb Parteien. sondern vier. FDP und CSU eingeschlossen).
Immerhin, aus den derzeit nachweisbaren Wirkungen des Sonthofener und des Fibag-Strauß darf man vermuten. daß es dem künftigen Christenblock desto schlechter gehen wird, je mehr Einfluß die CDU diesem unseligen Mann einräumen müßte. Am Ende stünde dann womöglich wieder eine von Strauß nicht gewollte, aber von ihm bewirkte Große Koalition, diesmal zwischen SPD und CDU unter einem SPD-Kanzler.
Es geht Strauß vielleicht wirklich gar nicht um den Kanzler-Posten allein, nicht um die schiere Macht allein. Strauß, soviel Wahn und Wirklichkeitsverkennung, soviel Realitätsverlust darf man ihm schon zutrauen, hält sich, den Alpenkönig, für den Mann, der den "freien Teil Europas" in letzter Stunde noch retten kann. Wie soll er das, wenn er nicht Bundeskanzler wird?
Ja, könnte Europa ohne ihn gerettet werden! Dann hätte er keinerlei Ehrgeiz, würde Ananas züchten oder Gemsen jagen. Schließlich liegt er nicht wie ein hechelnder Hund vor dem Kanzler-Glaspalast in Bonn. Aber die rote Flut steigt. Strauß vorigen Mittwoch in München: "Die Volksfront kommt vom Süden und vom Westen. Vielleicht hätten wir sie noch verhindern können." Er wisse, sagte Strauß, "daß man hier wie ein Herkules beinahe den Weltball auf den Schultern trägt".
"Begreift man denn nicht", hat er in Kreuth gesagt, "daß sich bis zu den Jahren 1982 und 1984 die Szenerie aller Wahrscheinlichkeit nach zu unseren Ungunsten verschiebt?" Man könne doch nicht immer, wie in CDU-Kreisen üblich, den Machtwechsel in Bonn auf erst 1978, dann auf die Bundestagswahlen 1980, dann wieder auf die Wechselstation 1982 und letztendlich auf 1984 vertagen. Bis dahin sei Europa rot.
"Quick", Strauß nahestehend, weiß, daß der 61jährige und ein anderer Ehrgeiziger, der 44jährige Gaullist Jacques Chirac, "beide schon für die Europa-Wahlen 1978 planen". Beide machen "mobil zur Rettung Europas vor dem Kommunismus".
Die Lage ist also nicht nur ernst, sondern auch klar, jedenfalls für uns. Ein an seiner Zukunft verzweifelnder Politiker, ein politischer Desperado wirft alles, was er mobilisieren kann, noch einmal in die Waagschale; sogar Poujade- und Glistrup-Effekte nimmt er spekulierend in Kauf. Wir müssen ihn abschütteln oder endlich zum Kanzler machen.
So schrieb die holländische Tageszeitung "De Volkskrant": "Wenn man in diesen Tagen sieht, wie Franz Josef Strauß mit seinen politischen Freunden umspringt, kann man Angst bekommen bei dem Gedanken. wie er wohl seine politischen Gegner behandeln würde, wenn er Gelegenheit dazu bekäme."
Nun, er hatte diese Gelegenheit bereits, das war 1962 in der SPIEGEL-Affäre, und er hat sie genutzt. Damals ist es ihm nicht gut bekommen. Die nächsten vier Jahre wird die Bevölkerung dieses Landes wieder und noch einmal und vielleicht dringlicher als je vor der nicht neuen Frage stehen, ob sie von Amokläufern und Herostraten gerettet, oder von ordentlichen Leuten regiert werden will.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 49/1976
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