29.11.1976

Bayern gegen Strauß

Am 3. Oktober hatte Franz Josef Strauß die Mehrheit seiner Landsleute auf seiner Seite: 60 Prozent der Bayern stimmten bei den Bundestagswahlen für die CSU.
Seit dem 19. November, dem Tag von Kreuth, ist die Mehrheit der Bayern gegen Strauß: 66 Prozent halten es für falsch, daß sich in Bonn die CSU von der CDU trennt.
Die Mehrheit gegen die Unions-Spaltung ist innerhalb und außerhalb Bayerns gleich groß. Das ergab in der vergangenen Woche eine Blitz-Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag des SPIEGEL.
95 von 100 Bundesbürgern haben "davon gehört, daß vor ein paar Tagen die bayrische CSU die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag aufgekündigt hat". Dieser Trennungs-Beschluß ist demnach eines der wenigen politischen Ereignisse in der Nachkriegszeit, die nahezu alle Deutschen beschäftigten.
Unions-Anhänger mißbilligen die Strauß-Aktion sogar noch häufiger als SPD-Sympathisanten (75 gegenüber 56 Prozent), von denen etliche offenbar in dem Bruch zwischen den Oppositionsparteien einen politischen Nutzen für das Regierungslager sehen.
Nur jeder fünfte Deutsche glaubt an eine bessere Chance der Unions-Parteien, mit einer Bundes-CSU und der CDU in Bayern "die nächsten Bundestagswahlen zu gewinnen". Die Einschätzung in Prozent*:
Welche dieser Vermutungen richtig oder falsch ist, läßt sich derzeit nicht ausmachen. Eine Umfrage kann nur eine Momentaufnahme, keine Prognose für 1980 sein: vor allem deshalb nicht, weil völlig ungewiß ist, wie sich die politische Landschaft verändert.
Gleichwohl sind erste sichere Schlüsse möglich. Auf die Frage, welche Partei sie zur Zeit wählen
* Die Antworten summieren sich auf weniger als 100 Prozent, wenn "sonstige" und keine Angaben nicht gesondert ausgewiesen sind.
würden, entschieden sich von je 100 Bundesbürgern für die
Würde es überall die CSU und in Bayern die CDU geben, so würden von je 100 Bundesbürgern wählen
Ein Umfrage-Ergebnis von st) Prozent für CDU und CSU kann -- abgesehen von allen politischen Unbekannten -- nach den Gesetzen der Demoskopie in der Wirklichkeit 47, aber auch 53 Prozent bedeuten. Möglich, aber keineswegs sicher ist demnach, daß die Unions-Parteien ihre Gegner schlagen. wenn sie getrennt marschieren.
Größer als diese Chance ist das politische Risiko. das die heutige Opposition in Kauf nehmen würde. Im Norden wäre eine CSU nur eine Mini-Partei an der Fünf-Prozent-Grenze. Womöglich gingen deshalb bei Landtagswahlen der jeweiligen Schwester-Partei die für einen Sieg notwendigen Stimmen verloren.
In den Ländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen würden von je 100 Einwohnern wählen
Im Süden und Südwesten, in den Ländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland, könnte die CSU auf mehr Stimmen hoffen, aber dort will Strauß vermutlich nicht aufmarschieren. Von je 100 Einwohnern dieser Länder würden wählen
Nirgendwo außerhalb Bayerns würden SPD und FDP nennenswerte Einbußen befürchten müssen. Aber überall würde die CSU der CDU schaden.
Weit erfolgreicher als die CSU in nichtbayrischen Revieren wäre die CDU in der Strauß-Heimat. In Bayern würde die Kohl-Partei der CSU auf Anhieb etwa die Hälfte der Wähler abnehmen. Nur noch jeder dritte Bayer würde sich für die CSU entscheiden, wenn er seine Stimme auch der CDU Helmut Kohls geben könnte. Es würden von je 100 Bayern wählen
Würde die CSU bundesweit auftreten, so würde sie daheim mehr Stimmen verlieren als außerhalb Bayerns gewinnen. Überdies könnte sie im eigenen Lande nur noch mit der CDU als einem fast gleich starken, später vielleicht sogar stärkeren Koalitionspartner zusammen regieren.
Einziger Trost: In Bayern müßte die SPD Verluste befürchten, weil ein Teil ihrer Wähler zu einer bayrischen CDU abwandern würde.
Eine Mehrheit von 82 Prozent (in Bayern 72 Prozent) hält für 1980 Helmut Kohl für den besseren Kanzlerkandidaten der Union. Für Strauß sprachen sich nur 15 (in Bayern 24) Prozent der Befragten aus.
Die Mehrheit der Bundesbürger glaubt auch, den "Grund für die Trennung" zu kennen: 55 Prozent der Befragten (in Bayern: 51 Prozent) sehen ihn darin, "daß Franz Josef Strauß nach den nächsten Bundestagswahlen Kanzler werden will".

DER SPIEGEL 49/1976
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