29.11.1976

„Kohl ist total unfähig zum Kanzler“

Genauso abgeschlossen wie die Geheimtagung in Wildbad Kreuth, in Zahl und Zusammensetzung aber noch intimer war eine Versammlung vom Mittwoch auf Donnerstag letzter Woche im Schulungsraum der Münchner „Wienerwald“-Zentrale: Vorsitzender Franz Josef Strauß, begleitet von seinem Sohn Franz Georg, 15, und dem Bonner Fraktionsvorsitzenden Friedrich Zimmermann, erläuterte dem 28köpfigen Landesausschuß der Jungen Union sein Bayern-, Deutschland- und Weltbild. Bis sechs Uhr morgens tagte der Parteinachwuchs und plädierte mit knapper Mehrheit (14 zu 13) für einen Sonderparteitag - und damit gegen Strauß. Denn für den Vorsitzenden, der bald nach Mitternacht die Runde verließ, wäre dieser Sonderparteitag, so hatte er in einem anderthalbstündigen Referat gewettert, Anlaß zur Gründung einer eigenen Partei. Nachstehend wesentliche Passagen seiner Rede.
Ich sage es denen seit zehn Jahren, so, wie ihr es macht, kommt ihr nie mehr hin. Dieser Faschingszug, den die Opposition (gemeint sind CDU/CSU, d. Red.) dargestellt hat, nicht einmal ein Trauerzug, Faschingszug, Karnevalszug in Abschnitten, soll ich noch weiteres sagen?
Es gibt noch andere Themen, über die sollte man sich in der Jungen Union hier in den Bezirksverbänden unterhalten. Warum stellt denn z. B. die CSU in Regensburg keinen Oberbürgermeister-Kandidaten auf, der Aussicht hat ... (Die Unterbrechungen bedeuten, daß entweder Zwischenfragen an Strauß gestellt wurden oder der CSU-Chef Rückgriff auf bayrische Interna nahm.) Da holt's doch Ihr Eure Genies raus aus der Versenkung ... Da erwarte ich, daß man sich schlägt. Ich berate auch nicht Herrn Carter, wie man Erdnüsse pflanzen soll.
Bei solcher Manöverkritik, da klopft sich jeder selber auf die Schulter, da klopfen sie sich gegenseitig auf die Schulter, da klopfen sie sich rundum auf die Schulter, da beschließt man über die Zukunft, wie der Weg der ganzen Sterne sich vollziehen soll.
Ich geh' davon aus, daß die Bewährung unten beginnt. Daß hier einmal unsere Basis sich bewähren soll ... und daß nicht dauernd in die Arbeit parlamentarischer Gremien eingegriffen wird, und denen Schurigeleien ... Aber sie brauchen ja nicht glauben, daß ich ein Dorfdepp bin. Der das glaubt, der hat sich völlig verkalkuliert.
Und ich kann Ihnen eines sagen, ein Sonderparteitag ... ist auch nicht einberufen worden, als wir die Fraktionsgemeinschaft beschlossen haben. Aber wenn Sie die Spaltung der Union wollen und die CSU in Bayern zur Minderheitspartei machen wollen, dann müssen Sie so weitermachen, wie Sie heute abend hier begonnen haben. Dann werden Sie aber blaue Wunder erleben, was dabei herauskommt ...
Entschuldigen Sie, wenn ich mal deutlich rede. Aber so ist es wirklich. Bedenken Sie einmal, wenn man unsere Mandatsträger, welche in jahrelangen Kämpfen, beinahe ein Jahrzehnt, den zermürbenden Kleinkrieg mit der CDU ausgetragen haben. Ich bin gern bereit, Ihnen zu berichten, ich bin bloß nicht bereit, mich hochnäsig belehren zu lassen, welch törichte Kerle wir seien
Zwei Dinge sind unmöglich, das eine habe ich im Fall Heubl kennengelernt, auf den ich hier nicht mehr zurückkomme, aus gutem Grunde und das andere jetzt an Hand der vorliegenden Problematik.
Da bei uns die Diskretion identisch ist mit der Schweigsamkeit eines Waschweibs, das am Viktualienmarkt Radi verkauft, genau der Zustand unserer Partei: Es gibt überhaupt kein Gremium mehr, zu dem nicht das Fernsehen eingeladen wird, damit einer dann, beleuchtet von den Kameras, auf der Mattscheibe erscheint. Da denk ich auch an Richard Jaeger ... ich möchte niemand hindern, Propaganda gegen sich selber zu machen.
Wir können zwei Dinge nicht gleichzeitig machen. Sie können nicht denen, die jahrelang an der Front stehen und alle Erfahrungen und alle Hintergrundkenntnisse haben, einerseits zumuten, zur Unterrichtung der gesamten Menschheit ... alles zu sagen, was sie wissen, mit der todsicheren Folge, daß das in sämtlichen Zeitungen der Bundesrepublik steht, und andererseits das Maul halten und alles laufen lassen. Wenn ich alles sagen würde, was ich wüßte, über die Zusammenarbeit mit der CDU seit Konrad Adenauers bedauerlichem, aber unvermeidlichem Ende und wenn ich das zur Begründung meiner Einstellung sagen würde, dann wäre das der permanente Krieg, das wäre Stoff für alle Leitartikler für Jahre hinaus. Da ich das nicht tue, muß ich mich belehren lassen, wie in den Zeiten des Frühkapitalismus ein Schusterjunge vom Lehrmeister behandelt worden ist.
Sie können zwei Dinge nicht verbinden: volle Information für alle Kreise, die informiert werden wollen bei totaler Diskretion nach außen ... das ist die Unregierbarkeit der Partei. Entweder habe ich die Partei so geführt, daß sie 15 Jahre die absolute Mehrheit hatte, oder nicht. Dann muß ich erwarten, daß man mir zutraut, das sagen zu können, was ich sagen darf, ohne daß es schädlich wirkt, das nicht zu sagen, was ich nicht sagen darf, weil es sonst zerstörend wirkt.
Wenn ich alles sagen würde, was ich weiß, dann kann die CDU/CSU einpacken, dann brauchen wir die nächsten zehn Jahre zu keiner Wahl mehr anzutreten. Und wenn man mir das nicht glaubt, dann sucht Euch einen besseren Parteivorsitzenden
Auch das ist ein Motiv: daß wir mal nicht nur im Schatten der CDU mit ihren völlig widersprüchlichen Meinungen - dabei muß mal gesagt werden, daß die CDU bei lebenswichtigen Entscheidungen sagt, jetzt müssen wir einen Redner dafür und einen dagegen bestellen. Das ist uns doch so und so oft passiert, oder stimmt das denn nicht? Beim Grundlagenvertrag, bei Nonproliferation, beim Eintritt in die Uno, 52 Prozent der Fraktion sind dafür, 48 Prozent sind dagegen oder umgekehrt, dann brauchen wir zwei Redner. Der eine begründet, warum der eine Teil recht hat, und der andere begründet, warum der andere Teil recht hat. Ja, wollen sie mit dem Faschingszug, mit dem Faschingszug den Fortschritt des Sozialismus in Europa, den Einmarsch der Volksfront aus Italien und Frankreich angesichts unserer Verhältnisse, wie sie sich in der DDR entwickeln, aufhalten? Mit dem Komödiantenhaften, das doch kein Mensch mehr ernst nehmen kann?
Wenn das ein Haufen wäre, und wir in der CSU sind doch heute die Hoffnung von Millionen außerhalb Bayerns, und dann streitet man und rauft man herum in Resolutionen, ich hätte beinahe gesagt vom sozialpolitischen Arbeitskreis des Ortsverbandes Tipfelhuberhausen, ob das, was die Landesgruppe beschlossen hat, richtig ist oder nicht richtig ist. Lernen S' doch endlich mal wieder die Kleiderordnung zu erkennen, Größenordnungen zu unterscheiden.
Ich bin nicht größenwahnsinnig, aber ich möchte auch mal erleben, daß jemand außer mir, einer von Ihnen hier, mehr als 2000 Leute mobilisieren kann, damit ich mir mei Ruah gönnen kann. Der Normalfall ist doch der, daß die in einem Hinterhof eines Dorfwirtshauses die Hälfte vollkriegen, wenn's reden: Das ist doch der Normalfall überhaupt. Ich möchte mal haben, daß aus der CSU wieder politische Führungskräfte herauswachsen und nicht bloß Disputierer, Disputierer, die dasitzen und alles besser wissen.
Kommen S' doch mal raus mit mir, bewähren Sie sich doch mal mit mir, gehen S' doch mal an die Front, rufen S' doch mal eine Versammlung ein. Sagen Sie, wie es weitergehen soll in Deutschland und Europa, und ich sitz dann drin als Ihr Zuhörer und dann auch als Ihr Kritiker. Aber so geht's auch nicht, daß man sagt, Franz Josef hilf, und ich 130 Versammlungen halte mit zweieinhalb Millionen Zuhörern und dann von solchen, die keine 30 Mann auf die Beine bringen, mir dann sagen lassen muß, wie dumm ich bin, wie unfähig das war, wie falsch es war ...
Ich bin bereit aufzuhören, in den Hintergrund zu treten, meine jungen Freunde zu beraten und sie an die Front zu schicken. Ich bin auch bereit dazu, ich hab's angeboten, ich hätt' auf alle Ämter verzichtet, aber Ihr könnt von mir heut' keine Freundlichkeiten erwarten, nach dem Meinungsbild, das Sie vorher geboten haben. Dafür war ich nie da. Da, wo ich die Verantwortung für Tausende von Menschen getragen habe, da war ich auch nicht der Freundlichste. Drum sind auch die meisten am Leben geblieben.
Nächster Punkt: Man soll endlich das dumme Gerede von Bruderkampf und Selbstzerfleischung lassen. Der Bruderkampf und Selbstzerfleischung zwischen SPD und FDP haben, Gott sei Dank, eines erreicht, daß Willy Brandt nicht Kanzler geworden ist, daß der Helmut Schmidt nicht sein Nachfolger geworden ist, daß Gott sei Dank, Kiesinger weiterregieren konnte, daß Barzel eine erfolgreiche Kanzlertätigkeit aufzuweisen hat und der Helmut Kohl für die nächsten 15 Jahre Kanzler ist.
Und das ist doch ein großartiger Erfolg. Das bleibt unbedingt in der Tradition unseres unaufhaltsamen Siegesmarsches. Daß 20 Millionen mehr an Mitteln für die CSU bei unserem Überreichtum keine Rolle spielen, habe ich sowieso zur Kenntnis genommen ... das ist ja gut so.
Aber jetzt komme ich noch zu einem anderen Punkt. Nämlich ich habe unzählige Bekundungen bekommen, die nehme ich sehr ernst, das ist keine Schutzbehauptung, daß die wahre Entfaltung der Siegeskraft und der Attraktionsfähigkeit der CDU durch den Wahlkampf der CSU, durch ihre patente Parole Freiheit oder Sozialismus, durch ihren rauh akzentuierten Wahlkampf kaputtgemacht worden ist.
Und ich verstehe eines nicht mehr in diesem Zusammenhang, warum eigentlich diejenigen, die glauben, durch uns um den Sieg gebracht worden zu sein, so laut schreien ... Ich will nur sagen, wir kämpfen weiter fürs selbe Ziel, mit denselben Personen, auf dem Boden derselben Grundsätze.
Aber keiner soll Euch mehr sagen, in der gemeinsamen Fraktion habt ihr doch erstens den Ballast Strauß, zweitens die Rüpel von der CSU, dieses räuberische Volk am Nordrand der Alpen; die diese feinnervigen, hochgesinnten, intellektuellen, übersensitiven, eben nunmehr schon ein fortgeschrittenes Stadium der Menschheit erreicht habenden Nordgermanen verschrecken.
Wir sollten nun endlich einmal den Entschluß begrüßen, daß der CDU in Niedersachsen 70 oder 90 Prozent gehören. Denn wenn die nicht mehr von uns gehindert werden, ist der Sieg nicht mehr aufzuhalten. Und dem sollten wir eigentlich nicht mehr im Wege stehen. Wenn Sie wollen, schicke ich Ihnen die Abschriften der Briefe zu, der unzähligen Briefe, die sagen, ja, der rauhe Wahlkampf der CSU hat uns gehindert.
Wenn in einer Firma der größere Partner sagt, der kleinere Partner mit seinen rüden Verkaufsmethoden verschreckt mir meine Kunden, und der kleinere Partner sagt, machen wir doch mal eine neue Aufstellung, daß du deine feinnervigen Kunden besser bedienen kannst und von dem rauheren Partner nicht mehr behindert wirst, warum denn eigentlich der andere Partner unbedingt der Meinung ist, er müsse den kleineren, rüpelhaften Partner behalten und dadurch seine geschäftlichen Nachteile in Kauf nehmen? Da stimmt doch etwas nicht.
Die Formel Freiheit oder Sozialismus ist in Schleswig-Holstein nicht angewandt worden, in Niedersachsen bekämpft worden, in Nordrhein-Westfalen von Biedenkopf schamhaft verschwiegen worden, von Köppler und Katzer unterdrückt worden, in Rheinland-Pfalz mühsam zur Kenntnis genommen worden, in Baden-Württemberg tatkräftig vertreten worden und in Hessen vom Dregger mit vollem Einsatz ebenfalls verkündet worden.
Entweder stimmt es im Norden, dann dürfen wir nicht gemeinsam in Erscheinung treten, dann müssen im Norden andere Töne angeschlagen werden. Aber so geht's doch nicht, daß man einerseits Freiheit oder Freiheit statt sagt und gleichzeitig sich dafür entschuldigt, wie es im Wahlkampf im Norden leider geschehen ist und damit das Grundmotiv ...
Wenn ein Primaner einer hoffnungslosen Liebe nachläuft, kann man das verstehen, weil er noch unter Pubertätsschwierigkeiten leidet. Unser Führungsstil kann auch nur darin bestehen, ich nehm' heut' kein Blatt vor den Mund - aber wenn ein Rentner mit fünf Dackeln spazierengeht, der eine hebt's Bein, der andere läuft dem Wurstzipfel nach, der dritte verschwindet in der Kantine, der vierte legt sich im Straßengraben schlafen und der fünfte jault durch die Gegend, und wenn man ihn dann fragt, ja, was ist denn da los, sagt der, ja, das ist mein Führungsstil.
Konkret angewandt: Wie oft haben wir Herrn Kohl gebeten, diesen heftigen, ich darf sagen, zum Teil hinterfotzigen Verleumdungen gewisser Anhänger, gewisser Funktionäre der Sozialausschüsse gegen uns einmal entgegenzutreten - es ist nicht geschehen ... Darüber können wir uns einfach nicht hinwegsetzen, und wenn wir schon aufrechnen, dann muß aufgerechnet werden, daß uns Mitglieder der letzten Bundestagsfraktion das Ehrenwort gegeben haben, daß alle Behauptungen, die Fraktionsspitze oder namhafte Mitglieder der Fraktion würden bei den Ostverträgen positiv votieren, nachdem sie zweieinhalb Jahre gemeinsam mit uns das Nein vertreten haben, eine glatte Lüge war, eine glatte Lüge war. Ich kann mich daran erinnern, daß
die CDU mit allen Mitteln uns hindern wollte, gegen den Grundlagenvertrag in Karlsruhe zu klagen. Was ist das für eine Fraktionsgemeinschaft, wo 14 prominente Mitglieder ... von vornherein mit Ja stimmen und wo man - ich vertraue auf Ihre Diskretion -, nachdem ich beschwörend gesagt habe, den Polen geht das Wasser an den Hals, die brauchen die Milliarden aus Deutschland, sonst machen sie Pleite, das gibt eine Riesen-Unruhe in Polen; ein paar Wochen später ist sie eingetreten. Herr Albrecht erklärte, das geht mich überhaupt nichts an, und Herr Kohl wollte mit Herrn Albrecht hinter dem Rücken von Stücklen und mir mit dem Genscher verhandeln, bis wir gewarnt worden sind ...
Wenn das auf die Spitze getrieben wird und wir sagen, was da passiert ist, was wir bisher nur verschwiegen haben, weil es auch im kleinen Kreis zu erzählen praktisch Veröffentlichung ist - aber halten Sie mich nicht für einen Deppen, ich werde es veröffentlichen, und dann bleibt kein Auge mehr trocken. Wenn jetzt endlich mal das Maß an Disziplin einkehrt, daß man begreift, daß die Einheit nur mit mir und gegen mich die Spaltung unwiderruflich ist. Es ist nicht mein vorletztes Wort, es ist mein letztes Wort.
Was wir brauchen, ist eine glaubwürdigere antisozialistische liberal-konservative Politik. Es muß endlich aufhören, daß innerhalb der CSU ... Und deshalb bin ich für eine Trennung der Fraktionsgemeinschaft gewesen, weil wir dauernd draußen an unsere Unglaubwürdigkeit erinnert worden sind. Gesagt wird, was wollt ihr denn? Wenn ihr sagt, das ist falsch, warum haben denn zehn, zwölf, zwanzig, dreißig von euch, darunter der Herr von Weizsäcker, der Herr Barzel, der Herr Blüm und und und so weiter, warum haben denn die dann dafür gestimmt? (für die Ostverträge, d. Red.) Ich kann das jetzt überhaupt nicht mehr aushalten.
Wir sind bereit, ein Koordinationsgremium zu schaffen, aber was an Ungereimtheiten passiert. vom Terroristengeschwätz, das ist ja doch nicht zu glauben, überhaupt. Man fordert auf. in Sachen Terroristengesetz im Bundestag dagegen zu stimmen. Die Länder der CDU CSU sagen nein, es kommt zum Vermittlungsausschuß, die SPD bietet an, von drei Punkten in zweien nachzugehen, die CDU sagt nein, alles oder nichts, alles oder nichts. Und in der Schlußabstimmung haben die sich mit nichts zufriedengegeben, nachdem der Herr Albrecht erklärt hat: Der Rest der Menschheit mag stimmen, wie er will, ich bin auf alle Fälle dagegen.
So kann man keine Politik mehr machen. Unsere Frage, was ist denn die langfristige Strategie - mit der FDP, wann denn und wo? Wir wissen doch ganz genau, daß die FDP sagt, ein Drittel ist sowieso links, und zwar radikal, ein Drittel ist auch noch links, aber der Rest geht mit euch in der Form nicht zusammen. Und ich hoffe, daß es hier bleibt, was ich sage und wenn nicht, wie überhaupt, nehme ich die Verantwortung auf mich, soll's auch rauskommen. Ich hin ja zu mehr entschlossen, als mir ja vielleicht jeder zugetraut haben mag.
Was Herr Genscher sagt: Solange uns die CDU keinen anderen Partner bietet als den Herrn Kohl - mit uns eine Koalition, Kameraden? Nie ... Herr Genscher hat wörtlich erklärt. den Saustall von Brandt und Scheel müssen Helmut Schmidt und ich jetzt ausräumen. Und wenn man uns glaubt, wenn man uns zutraut oder uns zumuten will, eine Koalition mit Herrn Kohl zu machen, solange die CDU uns nichts anderes zu bieten hat als jemanden, der nur von Ausrede zu Ausrede ausweicht. wartet ihr vergeblich.
Aber Ihr wartet sowieso vergeblich. Und ich sage auch jetzt hier eines verbindlich: a) ich will nicht und werde nie Kanzler werden, b) ich halte Herrn Kohl, den ich nur im Wissen. den ich trotz meines Wissens um seine Unzulänglichkeit um des Friedens willen als Kanzlerkandidaten unterstützt habe, wird nie Kanzler werden.
Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür. Aber man kann unter Umständen mit jedem regieren. Das geht da auch noch. Aber nicht mehr in dem Zustand. Das Kapitel ist mit dem 3. Oktober abgemeldet.
Man kann mit mir die Einheit der Union erhalten, aber man kann nicht durch Sonderforderungen, mit Sonderparteitagen und einer kontroversen Diskussion - ich garantiere Euch, die CSU verliert die Landtagswahlen mit dem Stil, mit dem hier in der Vorgeschichte operiert worden ist. Und ich garantiere Euch auch noch eines, daß in dem Augenblick, wo die CSU die Gebote der Loyalität, der Vernunft und der Erfahrung bricht, ich den Aufruf erlassen werde, dann in der Bundesrepublik anzutreten, um mit dem Schranzenhaufen ein Ende zu machen, und dann ist von Mehrheit in Bayern überhaupt nichts mehr drin. Und dann treten ganz andere in Erscheinung ... und glaubt's mir nur eines, daß ich mit Helmut Schmidt viel schneller einig bin, als der Helmut Kohl jemals mit Genscher einig werden wird. Weil dann mal endlich politische Gewichte gewogen werden, statt daß Schranzen nach ihren Opportunitäten gewürdigt werden.
Genügt das jetzt? ...Daß strategische Entschlüsse - und das ist der größte strategische Beschluß, den die CSU abgesehen von der Wiederbewaffnung, wo ich ja auch allein war, damals, wahnsinnig geworden, fünf Jahre nach dem Krieg, unmöglich, aus, brauchen gar nicht mehr anzutreten ...
Was mir schon alles als Ende der CSU verkündet worden ist, weil wir uns falsch verhalten haben. Und wenn ich das jeweils ernst genommen hätte, dann hätte ich mir entweder eine Planstelle als Psychiater in einem Haushalt schaffen müssen oder mich frühzeitig nach einweisen lassen müssen.
Ist alles schon verkündet worden, alles schon gesagt worden, wenn es nicht so wäre, wäre es nicht mehr so interessant bei uns ... Aber eines können Sie sich wirklich merken. Diese Frage vorher in Parteigremien zu besprechen - kein Gremium hat die Gründung der gemeinsamen Fraktion beschlossen, und wenn damals ein Parteigremium darüber hätte beschließen müssen, dann wären die Hundhammers, Sehäffers, Jaegers - Sie haben das Wort richtig gehört, Jaegers - aufgetreten und hätten erklärt, daß die CSU in Bonn selbstverständlich nicht im Schlepptau einer Reichspartei laufen könne ... In unseren Kreisen sind strategische Entscheidungen nicht mehr durch alle Instanzen hindurch durchzupauken ...
Herbert Wehner, dem ja nichts mehr
am Herzen liegt, als die SPD wieder bald in die Opposition zu bringen, hat erklärt, das ist ein gefährlicher Stoß gegen uns, dasselbe hatte Willy Brandt erklärt, dasselbe jetzt auch Helmut Schmidt. Ich greife mich ans Hirn, warum, und jetzt halten Sie mich nicht für größenwahnsinnig, aber ich sage jetzt, was ich meine: Die politischen Pygmäen der CDU, die nur um ihre Wahlkreise bangen, diese Zwerge im Westentaschenformat, diese Reclamausgabe von Politikern, warum die sich empören über eine Haltung der Landesgruppe, wenn der Gegner, den wir meinen, tief betroffen reagiert und sagt, jetzt geht das Kesseltreiben gegen uns los.
Wenn eine Armee nicht mehr begreift, daß sie, wenn sie dreimal an der falschen Front angegriffen hat, einmal anderswo angreifen muß, dann geht's eben um. Und glauben Sie mir eines, der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden, der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: "Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat, Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche." Vielleicht ist das letzte Kapitel in Sibirien geschrieben oder wo.
Die CDU wird nie mehr an die Regierung kommen, und die FDP denkt überhaupt nicht daran. Fragen Sie unsere Generalsekretäre, wie wir im Jahre 1969 mühsam gerungen haben ohne jeden Erfolg, am Ende der Großen Koalition zu sagen, in der gemeinsamen Wahlpropaganda: SPD ist der Ausverkauf Deutschlands, SPD ist Zerrüttung der Wirtschaft und Inflation. Herr Kiesinger und Herr Heck sind aufgestanden, wir dürfen unseren Koalitionspartner, mit dem wir drei Jahre beisammen waren, doch nicht so behandeln, das steht doch einer christlichen Partei nicht an.
Mir hat Rainer Barzel erklärt, wir werden siegen, die Verantwortung übernehme ich, und wer nicht für mich ist, der ist gegen mich, und der Barzel ist ins Wasser gefallen.
Ein Jahr später hab' ich gehört vom Kiesinger in einer Festrede in kleinem Kreise, keine Sorgen, Kameraden, wir werden siegen, weil wir siegen müssen. Ich hab' gesagt, ich war mal Adjutant in einem höheren Stab, da hat mein Kommandeur dasselbe gesagt, der hat wahrscheinlich dasselbe Parteiabzeichen wie Sie (Kiesinger ist gemeint, d. Red.) gehabt. Der (Kommandeur) hat auch gesagt, Deutschland darf den Krieg nicht verlieren, weil es den Krieg nicht verlieren darf. Das sind doch alles dumme Sprüche, denen fehlen alle Voraussetzungen zum Sieg.
Die günstigsten Voraussetzungen haben wir jetzt noch gehabt, auf dem Hintergrund eines gestürzten Halbgottes Willy Brandt, in der blamabelsten Weise abgehalftert. Berauschende Siege in den Landtagswahlen, rauschende Siege. Im Konrad-Adenauer-Haus haben sie schon Bittgottesdienste veranstaltet, daß der Wahlsieg bei den Bundestagswahlen nicht zu hoch ausfallen dürfe, waren alle benebelt und besoffen von den kommenden Aussichten.
Es stimmt doch nichts mehr. Was ich hier erlebe, und Ihr seid die Unschuldigen daran, Ihr alle, Euch halte ich weder für arrogant noch überheblich, das ist für mich nur die komödienhafte Wiederholung des Geschwätzes, das ich im Zweiten Weltkrieg erlebt habe, wenn man sich gegenseitig mutig ermahnte, von der Unaufhaltsamkeit unseres künftigen Erfolges gegenseitig beteuerte und anschließend besoff. Und rausgekommen ist gar nichts.
Die christlich-demokratischen Kräfte haben in Europa auf voller Breite versagt, in Italien, Frankreich, in Holland, in Belgien, am wenigsten noch in Deutschland, in voller Breite versagt. Die Krise in Italien kommt noch ... Die Volksfront kommt vom Süden und vom Westen, vielleicht hätten wir sie noch verhindern können.
Und dieselben Kerle, die in der CDU die Anpassung an die Ostverträge propagiert haben, à la Leisler Kiep, werden dann sagen, jetzt müssen wir uns anpassen an die unaufhaltsame Entwicklung. Und wer immer - ich weiß, daß man hier wie ein Herkules beinahe den Weltball auf den Schultern trägt - sich dagegen wendet, der muß dann Tausende Stunden diskutieren, warum ein Ausbruchversuch aus dieser Pygmäen-Ideologie, aus dieser Zwergen-Mentalität dann nicht verbrecherisch ist, nicht eine Sünde an der Gemeinschaft ist.
Wer hat denn je daran Anstoß genommen, daß jede Debatte um den besten Kanzler-Kandidaten - vergessen Sie mich dabei, ich habe eher an Carstens gedacht -, daß jede Diskussion erwürgt worden ist durch den Alleingang des Herrn Biedenkopf ... Es ist genau so, wenn man einen Chefministranten vom Dom in München zum Erzbischof machen würde.
Als erklärt wurde, Helmut Kohl ist unser Kanzlerkandidat, wo war denn da unsere Empörung? Hat denn die CSU und haben denn ihre jungen Leute jeden Mumm verloren? Kriechen S' denn nur noch hinter der CDU drein? Wo ist denn da mal der Mut zur Selbständigkeit, der Mut zur Kritik ... Ich sage Euch, ich kann Euch nur
warnen, vergessen Sie den Sonderparteitag, vergeßt das mit all diesem Hin und Her. Am Ende dieses Sonderparteitages nach kontroverser Diskussion werde ich im Norden der Bundesrepublik eine freiheitliche "Deutsche Volkspartei" ausrufen. Dann können Sie auch mich als Landesvorsitzenden vergessen, dazu bin ich schon lange bereit ...
Ein Zurück gibt es nicht mehr. Das ist der Gang nach Canossa. Das ist die Unterwerfung. Dafür müßt Ihr Euch eine Memme, einen Feigling suchen. einen Kompromißler suchen, mich nicht, mit mir gibt es so was nicht.
Ich habe diese Partei 15 Jahre von Erfolg zu Erfolg geführt, und wenn man das heute nicht mehr mitmachen will, dann werde ich mich an die Öffentlichkeit der Partei wenden. Und die Zuschriften, die ich von Nicht-Mitgliedern habe, aus Bayern und auch aus Nichtbayern, waschkorbweise, die zeigen, daß vielleicht einmal aus der Versumpfung und Verfettung gegenüber Postenjägern und Schwätzern in Hinterhöfen von Gasthäusern eine andere Generation hochwächst.

DER SPIEGEL 49/1976
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DER SPIEGEL 49/1976
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