29.11.1976

„Ich kann die CDU nur warnen“

SPIEGEL: Herr Strauß, mehr Redezeit im Bundestag und zweieinhalb Millionen Mark mehr Fraktionszuschuß im Jahr sind wohl eine Trennung der bald dreißigjährigen Fraktionsgemeinschaft zwischen CSU und CDU nicht wert. Was also ist der wahre Grund dafür, daß die Landesgruppe der CSU beschlossen hat, eine eigene Fraktion aufzumachen und sich von der CDU-Fraktion im Bundestag abzukoppeln?
STRAUSS: Im Jahre 1949 ist ohne Beschluß eines Parteigremiums entgegen der Meinung mancher Parteifreunde die Fraktionsgemeinschaft, wenn auch unter ausgehandelten Bedingungen, hergestellt worden. Diese Vereinbarung gilt jeweils für die Länge einer Legislaturperiode, sie muß von Fall zu Fall von neuem vereinbart werden. Darum handelt es sich rechtlich gesehen nicht um eine Aufkündigung oder um eine Trennung, sondern um die Nichterneuerung einer Vereinbarung.
SPIEGEL: Was faktisch dasselbe ist.
STRAUSS: Hier macht der Ton die Musik. Solange CDU und CSU in der
* In München mit SPIEGEL-Redakteur Erich Böhme
des Zusammenschlusses von SPD und FDP zu einer Koalition in die Opposition. Wir haben die Fraktionsgemeinschaft in der Opposition fortgesetzt ...
SPIEGEL: Zweimal erneuert.
STRAUSS: ... sie zweimal erneuert, allerdings mit wachsenden Zweifeln, die auch nicht verschwiegen worden sind. Wenn ich nur vom Willen beseelt gewesen wäre, sie aufzuheben, dann wäre im Mai 1972 Anlaß genug gewesen, wo zwei Drittel der Fraktion, darunter die ganze CSU, gegen die mit Moskau und Warschau ausgehandelten Verträge waren und nur ein Drittel der Fraktion oder noch weniger, darunter aber die Fraktionsführung, zum "Ja" entschlossen war. Damals habe ich wider meinen eigenen Instinkt und wider meine eigene Überzeugung der Stimmenthaltung zugestimmt, um die Einheit der Fraktion zu erhalten.
SPIEGEL: Bereuen Sie heute, den Bruch seinerzeit nicht vollzogen zu haben, nachdem Sie wissen, wie es weiter gelaufen ist?
STRAUSS: Es war wahrscheinlich ein Fehler, den ich sowohl in der Fraktion als auch in kleinerem Kreise bekannt habe. Es ist nunmehr die weitverbreitetste Meinung der Landesgruppe -- ich habe in Wildbad Kreuth überhaupt kein Einführungsreferat gehalten daß in der Opposition dieselbe Organisationsform, wie sie in der Regierungszeit bei Adenauer, Erhard und Kiesinger nützlich war, sich für die Oppositionszeit als arbeitsmäßig immer unergiebiger und politisch nicht optimal erwiesen hat.
SPIEGEL: Inwiefern soll sich in Zukunft das getrennte Marschieren arbeitsmäßig ergiebiger und politisch optimal erweisen?
STRAUSS: Dazu zwei Hinweise. Erstens: Die Ja-Sager zu dem Beschluß der Nichtfortsetzung wünschen keinen Kampf gegen die CDU, wünschen keine Auseinandersetzung mit der CDU, sondern wünschen ihren eigenen Stil in der Vertretung der weitestgehend mit der CDU gemeinsamen Politik in der Öffentlichkeit besser darstellen zu können. Zweitens: Wir brauchen gar keine Hand zur Versöhnung auszustrecken, denn wir sind bereit, wie auch bereits mehrmals angekündigt, ein Koordinierungsgremium zwischen beiden Fraktionen zu schaffen, das ein in der Zielsetzung gemeinsames und auch in der Vertretung dieser Zielsetzung soweit wie möglich gemeinsames politisches Vorgehen sicherstellen soll.
SPIEGEL: Keinen Streit mit der CDU zu wollen, kann ja wohl kaum der Grund für die Trennung sein.
STRAUSS: Wenn ich jetzt einmal die von Ihnen schon genannten Argumente -- mehr Redezeit, bessere Redezeit, bessere Selbstdarstellung der kleineren Unionspartei und ferner wesentlich bessere finanzielle Ausstattung -- beiseite lasse, so gibt es keinen Zweifel, daß aus dem ganzen Lande, und zwar nicht nur aus Bayern und nicht einmal so sehr aus Bayern, wo man ja mit uns seit Jahren rechnet und auf uns gewisse Hoffnungen setzt, sondern aus dem ganzen Bundesgebiet immer wieder der Vorwurf kommt: Wo bleibt eigentlich die Opposition? Warum rührt die Opposition sich nicht stärker? Das fängt an bei der Redezeit, die für Bundesregierung plus SPD plus FDP doppelt so lang ist wie die für die CDU/CSU. Wir werden in Zukunft wohl hier ein günstigeres Verhältnis erreichen.
SPIEGEL: Sie können sich nicht beklagen, Sie sind bei finanz- und wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen immer als erster Redner aufgestellt worden.
STRAUSS: Die CSU soll keine Ein-Mann-Partei sein. Ich habe den ehrlichen Wunsch, ohne mich vor parlamentarischen Auseinandersetzungen in Zukunft drücken zu wollen, daß unsere mittlere und jüngere Generation einmal in vorderster Front sich behaupten muß.
SPIEGEL: Sehen wir mal von diesen Argumenten ab, so haben Sie selber zwei gravierende Begründungen für den Schritt geliefert. Sie sprechen davon, die Trennung von CDU- und CSU-Fraktion solle die Parteienlandschaft verändern. Und Sie schrieben in Punkt sechs Ihres Briefes an die Bezirks- und Ortsverbandsvorsitzenden der CSU wörtlich: "Eine Erwartung, CDU und CSU könnten bis 1980 die absolute Mehrheit erreichen oder bis dahin die FDP gewinnen, muß als bloße, durch nichts begründete Selbsttäuschung angesehen werden." Sie erwarten also von der Trennung eine Veränderung der Parteienlandschaft und die Eroberung der absoluten Mehrheit.
STRAUSS: Ich weiß nicht, was an der Behauptung dran ist, daß es eine Nordschiene und eine Südschiene gebe, aber vielleicht ist ein Körnchen Wahrheit daran. Ich weiß nicht, wie weit die Mentalität in den Regionen Norddeutschlands verschieden ist von der Mentalität in den Regionen Süddeutschlands. Aber ich habe mit Verwunderung sowohl 1972 wie vor allen Dingen jetzt, 1976, von vielen Seiten unserer Freunde in der CDU gehört, daß der Wahlkampf der CSU im Süden zwar sehr erfolgreich gewesen sei, daß aber die nahtlose Bindung CDU/CSU im Norden für die CDU ein Schaden oder ein Hindernis gewesen sei, weil man dort eine andere Akzentuierung gebraucht hätte. Man sei im Norden immer wieder durch die CSU gehindert oder belastet worden, die erreichbaren Wählerprozente voll auszuschöpfen. Darum verstehe ich die Reaktion nicht, wenn man die CDU jetzt von diesem Ballast befreit. Warum betrachtet man das nicht eigentlich als Hilfe für größere Beweglichkeit bei trotzdem größerer Kraftentfaltung?
SPIEGEL: Wenn das Ihr Grund ist, dann hätte die CSU-Landesgruppe im Wildbad Kreuth den altruistischen Beschluß gefaßt, der norddeutschen CDU zu helfen, in Zukunft in Norddeutschland ohne den Ballast Strauß mehr Stimmen zu bekommen?
STRAUSS: Ich hätte nicht so gedacht, wenn mir dies nicht von vielen Seiten als Begründung schriftlich und mündlich dafür gegeben worden wäre, daß die CDU nicht, wie ursprünglich verkündet, in Niedersachsen 50 Prozent erreicht und nicht wesentlich besser in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein abgeschnitten habe.
SPIEGEL: Sie selber haben gesagt. das Reservoir potentieller Unionswähler sei in Bayern so gut wie ausgeschöpft, es sei weitgehend ausgeschöpft in Baden-Württemberg und in Hessen ...
STRAUSS: Und in Rheinland-Pfalz.
SPIEGEL: Und in Rheinland-Pfalz. Nicht dagegen scheint es Ihnen ausgeschöpft bei den Nordlichtern. Nun ...
STRAUSS: Wobei das Nordlicht eine wunderbare, aber -- wie nennt man das -- irisierende.
SPIEGEL: Irritierende?
STRAUSS: ... irisierende Erscheinung ist, während das Kreuz des Südens ein festes Sternbild ist.
SPIEGEL: Herr Strauß, Sie glauben, dort im Reservoir der FDP etwa ein Drittel möglicher nationalliberaler Wähler ausgemacht zu haben, die für die Union zu gewinnen wären, Teile auch der SPD-Wählerschaft. Wenn dem so wäre, dann wäre es doch nur folgerichtig, daß die CSU, wenn die Schwesterpartei es im Norden bisher nicht geschafft hat, versucht, diese Schichten für sich zu rekrutieren, über die bayrischen Grenzen hinausginge und im Norden anträte.
STRAUSS: Ich habe im Wildbad Kreuth erklärt, daß ich nichts von einem Konkurrenzkampf zweier C-Parteien im selben geographischen Bereich halte. Meine bisherige Argumentation läuft darauf hinaus, daß weite Kreise der CDU als Begründung dafür, daß sie ihr Ziel nicht erreicht haben, die zu enge Bindung der CSU an die CDU und umgekehrt angeführt haben. Herr Albrecht hat ja erklärt, er nehme weder auf die Bundesparteileitung der CDU noch auf die CSU in Bayern Rücksicht, wenn er gemeinsam mit Röder, der sich hier etwas vorsichtiger ausgedrückt hat, die Bundesratsmehrheit der CDU/CSU nunmehr wegen landespolitischer Koalitionen praktisch aufgebe oder nur von Fall zu Fall jeweils entscheide.
Damit ist ja schon regional eine Politik eingeleitet worden, die offensichtlich die Einzugsbasis verbreitern soll. Der Entschluß von Wildbad Kreuth wird von mir, der ich einer von dreißig bin, der in einem verdeckten Stimmzettel in einem verschlossenen Umschlag seine Stimme in dieser Richtung abgegeben hat, so gedeutet, daß hier ein Denkanstoß geliefert werden soll, die Parteiengrenzen wieder etwas flüssiger zu machen.
SPIEGEL: Wenn Sie Denkanstöße geben und die Parteienlandschaft verändern wollen, dann bewerkstelligen Sie das doch nicht damit, daß die Union künftig in zwei Gruppierungen im Bundestag auftritt. Sie müßte, und das ist nur logisch, sich auch dem Wähler in zwei Gruppierungen darbieten. Nur so, wenn überhaupt, bekommen Sie eine einzige Stimme mehr.
STRAUSS: Den Wähler will ich mit Hutten so beschreiben: "Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Wähler mit seinem Widerspruch."
SPIEGEL: Was soll denn der Wähler mit seinem Widerspruch in Niedersachsen machen, wenn er Strauß wählen wollte, die CSU dort aber nicht kandidiert?
STRAUSS: Wenn es ein Kochbuch gäbe für Politiker "Wie erreiche ich die absolute Mehrheit?", dann würde es sicherlich weder von Astrologen noch von Mathematikern geschrieben werden, sondern von Leuten, die politisches Fingerspitzengefühl und psychologischen Instinkt haben. Die im übrigen wissen, daß die politische Entwicklung eines Landes nie allein in Form einer Momentaufnahme dargestellt werden kann, sondern daß sie ein dynamischer Prozeß ist. Der dynamische Prozeß wird auch dazu führen, daß die CDU in noch größerem Umfange, als es gottlob schon am 3. Oktober der Fall war, eine politische Heimat für solche werden kann und werden muß, die sich bisher aus was weiß ich welchen Gründen noch nicht zur CDU glaubten bekennen zu können.
Wir wollen ja alles andere als eine Schwächung der CDU, eine Zertrümmerung der CDU oder eine Demontage der CDU. Wir wissen aber, daß eine kräftigere und vielfältigere Selbstdarstellung der Opposition bei gemeinsamen weltanschaulichen Grundlagen, weitgehend gemeinsamen politischen Zielen, vielleicht sogar völlig gemeinsamen politischen Zielen und zum Teil auch unterschiedlichen Methoden die Gesamtanziehungskraft dessen, was man unter Union in Deutschland versteht, nicht schwächt, sondern verstärkt.
SPIEGEL: Durch Trennung im Bundestag?
STRAUSS: Wir sind jetzt nicht mehr auf Fraktionskompromisse angewiesen, sondern wir können uns jetzt nebeneinander und auch miteinander viel besser entfalten, als es bisher der Fall gewesen ist.
SPIEGEL: Die Union wird mit noch mehr Zungen reden.
STRAUSS: Die Union soll nicht mit mehr Zungen reden, sondern sie soll innerhalb der CDU zur Klärung und Geschlossenheit kommen, innerhalb der CSU bei ihrer Geschlossenheit bleiben und zwischen CDU und CSU ein so hohes Maß an Geschlossenheit erreichen, daß man trotz regional oder soziologisch bedingter Nuancen nicht mehr von Mehrheits- und Minderheitsmeinung, die in einer Einheit vorhanden sind, zu reden hat, sondern mit voller Glaubwürdigkeit reden kann.
SPIEGEL: Freunde wie Feinde von Ihnen unterstellen, daß ein dynamischer Strauß über den Tellerrand der nächsten vier Jahre guckt und der Fraktionstrennung im Bundestag logisch auch eine getrennte Darstellung der C-Parteien vor dem Wähler folgen lassen wird. Ihrem ersten Schritt folge der zweite zu einer bundesweiten CSU, die ja dann so nicht zu heißen brauche.
STRAUSS: Ich habe den ehrlichen, offen bekundeten und auch für die Zukunft geltenden Wunsch, daß die CDU überall die absolute Mehrheit bekommt oder eine so hohe relative Mehrheit in den für sie schwierigen Ländern, daß sie zusammen mit den Wahlergebnissen in anderen Ländern ein Ergebnis erreicht, das es erlaubt, die Regierung zu bilden. Ich weiß nur eines, daß man politischen Parteien immer wieder neue Aufgaben der Selbstbewährung und der Behauptung an der Front stellen muß. Wenn verbündete Armeen freilich aufeinander schießen, statt sich auf den Gegner zu konzentrieren, dann sind sie ohnehin zum Verlust des Krieges verurteilt. Es liegt aber dann nicht an mir, ich habe dazu keinen Anlaß geboten.
SPIEGEL: Wenn wir Herrn Kohl richtig verstehen, dann geht er davon aus, daß Sie auf die CDU schießen und nicht auf den gemeinsamen Gegner.
STRAUSS: Wenn"s knallt und bei Herbert Wehner einschlägt -- der hat ja am empfindlichsten reagiert
dann ist es vielleicht einfach eine verständliche Falschreaktion, die mich nicht weiter aufregt und die ich auch niemandem übelnehme, wenn der, der den Knall vernimmt, meint, auf ihn werde geschossen.
SPIEGEL: Es gibt Nachrichten, die besagen, die CSU werde zwar nicht selber im Revier der CDU antreten, dafür aber eine nationalliberal oder rechts orientierte Partei, ähnlich der ehemaligen DP, finanziell und mittels Listenverbindungen stützen, um 1980 einer Koalition CDU/CSU/DP die absolute Mehrheit zu verschaffen.
STRAUSS: Man soll untergegangene Namen nicht mehr beleben, aber ...
SPIEGEL: Nennen wir die Partei einfach X.
STRAUSS: Ich habe immer erklärt, daß meine Freunde und ich weder einen Tempel zerschlagen wollen, den wir gemeinsam aufgebaut haben, daß wir aber jeder Lösung zustimmen, mit der man hinter den Fahnen der Union alle die versammeln kann, die für eine Änderung der Regierungsverhältnisse in Bonn eintreten. Das erfordert vielleicht auch innerhalb der CDU mehr Flexibilität, mehr Mobilität, mehr Variabilität. Ich will doch nicht eine CSU in Braunschweig. Mein Ehrgeiz besteht doch nicht darin, Bundesvorsitzender einer Vierten Partei zu werden. Das ist ja Courths-Mahler-Romantik aufs Politische umgequält.
SPIEGEL: Noch einmal gefragt: Wenn sich in Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg und Niedersachsen eine Partei fände, die der Union zusätzlich Stimmen zuführen könnte, würde sie dann die Unterstützung der CSU finden?
STRAUSS: Ich hoffe, daß der Konkurrenzkampf zweier Unionsparteien, die in ihren Regionen durchaus bleiben sollen, beide veranlassen wird, sich noch mehr anzustrengen.
SPIEGEL: Nun hat Ihr altruistischer Beschluß von Wildbad Kreuth bei dem Fraktionspartner CDU und ihrem Vorsitzenden Kohl nicht die rechte Gegenliebe gefunden. Kohl hat der CSU ein Ultimatum gestellt, sie müsse in ihre Satzung einen Passus aufnehmen, der es ihr verbiete, über Bayern hinauszugehen. Beugen Sie sich diesem Ultimatum?
STRAUSS: Ultimaten stellen nur Kidnapper, und Herr Kohl ist kein Kidnapper.
SPIEGEL: Herr Kohl und sein Parteivorstand haben gesagt, wenn die CSU einen solchen Beschluß nicht fasse, dann werde die CDU einen Landesverband in Bayern gründen.
STRAUSS: Manchmal ist es Silber zu reden und Gold zu schweigen. Der Goldpreis ist auf dem Weltmarkt höher als der Silberpreis. Die CSU ist für Ultimaten keine geeignete Adresse.
SPIEGEL: Würde sich die CSU in einem solchen Fall bundesweit ausbreiten?
STRAUSS: In welchem Fall?
SPIEGEL: Wenn die CDU in München einen Landesverband der CDU gründet.
STRAUSS: Selbstverständlich. Ich kann nur die CDU vor diesem Schritt warnen, aber von uns ist er weder provoziert noch gewünscht noch veranlaßt.
SPIEGEL: Wären Sie nicht eher der Geschädigte einer solchen Entwicklung? Hat Herr Kohl nicht größere Chancen, eine stärkere CDU in Bayern zu gründen als Sie CSU-Landesverbände im übrigen Bundesgebiet?
STRAUSS: Vielleicht unterhalten wir uns über den Nutzen oder Schaden des Baues von Kernkraftwerken?
SPIEGEL: Der Beschluß der CSU-Landesgruppe, im Bundestag einen eigenen Weg zu gehen, ist in Ihrer eigenen Partei umstritten. Die Franken sind nicht Ihrer Meinung, die Schwaben offensichtlich auch nicht. Schlägt der Beschluß nicht auf Sie zurück?
STRAUSS: Ich bin in meinem Leben nie von Nutzen oder Schaden, von Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit ausgegangen, sonst hätte ich mir vieles leichter machen können. Ich gehe von dem aus, was ich politisch für richtig und für notwendig halte. Und ich kann für die nunmehr fast 15 1/2 jährige Geschichte der CSU unter meiner Führung ohne Überheblichkeit, ohne Stolz und nur mit der Zuverlässigkeit meines Erinnerungsvermögens feststellen, daß immer dann, wenn ich nach kurzen oder längeren Kämpfen meine strategische Auffassung durchgesetzt habe, die CSU der Nutznießer war. Würde mir die CSU auf diesem Wege nicht folgen. wäre nicht Franz Josef Strauß der Geschädigte, der sehr gut ohne Politik leben kann, dann wäre die CSU am Ende der Erfolgsbahn, die ich ihr maßgebend eröffnet habe.
SPIEGEL: Haben Sie denn nicht mit dieser harschen Reaktion gerechnet?
STRAUSS: Wenn ich immer über alles nachdenken würde, womit ich rechne oder nicht rechne, dann müßte ich das Rechnen lernen.
SPIEGEL: Halten Sie es nicht auch für möglich, daß, wenn man im Bundestag getrennte Wege geht, eines Tages die von der CSU befreite CDU mit der SPD koaliert und die CSU draußen vor der Tür bleibt?
STRAUSS: Wenn die CDU in einer CDU/SPD-Koalition der Seniorpartner wäre und damit der Dauerzustand, daß der Schwanz immer mit dem Hunde wedelt -- das heißt, daß die FDP entweder die SPD in babylonischer Gefangenschaft hält oder mit der CDU droht -- beendet würde, wäre das sicherlich auch eine wertvolle Bereicherung des Spektrums der parlamentarischen Demokratie und ihrer Funktionsfähigkeit. Ich habe ja nie gesagt, ich will Kanzler werden, ich habe nie gesagt, ich muß Vizekanzler werden, und ich sage heute auch wieder, ich muß überhaupt nichts werden. Und es gibt mir eine Sicherheit des Urteils, eine Ruhe meiner Seelenhaltung und eine Gelassenheit in der Beobachtung der politischen Landschaft, die denen, die was werden wollen, offenkundig nicht zuteil geworden ist.
SPIEGEL: Sie halten es also durchaus für möglich, daß die Belebung der Parteienlandschaft auch zu Ihren Ungunsten ...
STRAUSS: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich, denn ich bin ja, und alle meine Freunde sind es, jederzeit bereit, eine bindende Verpflichtung einzugehen, daß beide Unionsparteien nur miteinander Koalitionsverhandlungen einleiten und führen und nur miteinander in eine Regierung eintreten oder nicht eintreten.
SPIEGEL: Wie muß man sich denn ein solches gemeinsames Dach zwischen den nun getrennten CDU- und CSU-Fraktionen im Bundestag vorstellen?
STRAUSS: Ein Koordinierungsausschuß, der mindestens erfolgreicher arbeitet als die Zusammenarbeit zwischen SPD und FDP ist. Und ich kann nur ironisch sagen, der Fehler, daß sich SPD und FDP nicht zu einer Partei zusammengeschlossen haben und damit durch Einheit ihre Unwiderstehlichkeit bewiesen haben, hat Gott sei Dank verhindert, daß Willy Brandt Kanzler geworden ist und Helmut Schmidt sein Nachfolger.
SPIEGEL: Die beiden künftigen Oppositionsführer im Bundestag gehen von total unterschiedlichen Strategien aus. Kohl möchte die Möglichkeit einer Koalition mit der FDP nicht ausschließen, kann mithin die von Ihnen angestrebte stärkere Konfrontation nicht billigen. Sie, Herr Strauß, gehen davon aus, daß die FDP auf unabsehbare Zeit an die Seite der SPD geschmiedet ist, die Unionsparteien mithin die absolute Mehrheit benötigen.
STRAUSS: Die Frage, wie man die Aussicht einer Strategie beurteilt, muß man völlig trennen von der Frage der Wünschbarkeit des Erfolges. Wir wünschen Helmut Kohl jeden, aber jeden Erfolg, lassen ihn auch nicht allein, sondern werden ihn unterstützen. Sie werden sicherlich noch in Erinnerung haben, daß ich auf die Frage eines Berufskollegen von Ihnen, ob nicht ich als der mögliche Stellvertreter eines Bundeskanzlers Kohl die FDP hindere, in eine solche Koalition einzutreten, damals erklärt habe, im Falle einer Koalition CDU/FDP, nunmehr also CDU und CSU und FDP, verzichte ich für meine Person auf diese wichtige Position, die gerade beim Führungsstil Helmut Kohls eine wichtige Aufgabe der täglichen Beratung, der täglichen Abstimmung, der täglichen Zusammenarbeit mit sich bringt, zugunsten des Spitzenkandidaten der FDP. Weiter kann ich nicht gehen.
SPIEGEL: Gilt dieses Angebot weiter?
STRAUSS: Dieses Angebot gilt unvermindert weiter ...
SPIEGEL: ... obwohl die von Ihnen angestrebten größeren Artikulationsmöglichkeiten der CSU im Bundestag zweifellos nicht in Richtung auf eine Annäherung an die FDP zu verstehen sind, ein solches Bündnis also unwahrscheinlicher machen.
STRAUSS: Ich glaube, die FDP wird man weder gewinnen durch Anbiederung noch durch Druck. Wenn die FDP davon überzeugt ist, daß ihre politische Zukunft und ihr politischer Zukunftserfolg durch Wechsel des Koalitionspartners besser gewährleistet sind, wird sie diesen Wechsel vollziehen, wenn sie kann.
SPIEGEL: Bei Ihnen stehen 1978 Landtagswahlen bevor. Hat der Kreuther Beschluß Ihre Stellung in Bayern gefestigt oder geschwächt?
STRAUSS: Ich folge immer meinem Gewissen, meiner Erfahrung, meinem Instinkt gegenüber dem, was ich den kategorischen Imperativ nenne, auch wenn dieser Begriff von dem Preußen Kant stammt.
SPIEGEL: Wollen Sie bayrischer Ministerpräsident und über Ihre dann starke Stellung im Bundesrat der eigentliche Oppositionsführer in Bonn werden?
STRAUSS: Sie sind beinahe so flexibel wie ich. Zuerst gehen Sie von meiner geschwächten Stellung aus, und dann gehen Sie von der gestärkten Stellung aus, daß ich mit der kommenden Landtagswahl oder vielleicht schon vorher Ministerpräsident in Bayern werde. Ich betrachte den Bundesrat nicht als ein Parlament im Sinne einer zweiten Kammer mit gleichen Rechten und Pflichten. Aber ich bin auch der Meinung, daß keine von der CDU oder CSU geführte Landesregierung in den Fragen, wo es um die Grundprinzipien unserer staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung geht, aus landespolitischen Gesichtspunkten heraus vor dem Wähler die eigene Mehrheit verraten, verleugnen und verhängnisvollen Lösungen zum Durchbruch verhelfen kann.
SPIEGEL: Dann brauchen Sie sich nicht vor CDU/FDP-Koalitionen an der Saar und in Niedersachsen zu fürchten.
STRAUSS: Ich habe mich ja nicht gegen diese Koalitionen ausgesprochen. Im Gegenteil, nur wünsche ich, daß diese Koalitionen nicht nur Alibi-Lockerungsübungen darstellen zur Befestigung der Bonner Regierung, sondern daß sie zu einer Auflockerung des verkrusteten Verhältnisses SPD/FDP oder besser gesagt FDP/SPD im Laufe der Zeit führen. Das kann Herr Albrecht um so leichter tun und Herr Röder um so unbeschwerter, als ein zwangloses Nebeneinander, aber auch Miteinander Schulter an Schulter von CDU und CSU besteht.
SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß Herr Röder und Herr Albrecht im Bundesrat alsbald einen Ministerpräsidentenkollegen Strauß haben"?
STRAUSS: Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn ich in diesem Bunde als Dritter akzeptiert würde. Wie hat der Tyrann gesagt? "Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte."
SPIEGEL: Herr Strauß, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 49/1976
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DER SPIEGEL 49/1976
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