29.11.1976

BANKENJahrelang gehamstert

Mit einem durchaus bankunüblichen Manöver brachte sich die Frankfurter Adca-Bank ins Gerede. Der Börsenvorstand der Bank hantierte auf undurchsichtige Weise mit einem Paket Verlagsaktien.
Das gehört sich einfach nicht", schimpft Karl Felder, Vorstand des Bibliographischen Instituts (BI). Auch Aufsichtsrat Professor Peter Mittelstaedt war erbost: "Übelste Irreführung der Öffentlichkeit."
Der Unmut der Büchermacher (Meyers Lexikon, Duden) aus der Mannheimer Dudenstraße gilt ihrer alten Hausbank, der Allgemeinen Deutschen Credit-Anstalt (Adca) in Frankfurt. Die Adca nämlich, berichtete unlängst ein Informationsdienst, habe die Option auf ein Bündel Aktien der Lexikonfabrik an den Münchner Multiverleger Herbert Fleissner (Langen-Müller, Herbig) abgetreten. Diese Nachricht reichte den Verlagsobcrew Empört sagten sie ein für vorletzten Mittwoch, Buß- und Bettag, angesetztes Kollegengespräch mit Fleissner ab.
"Vor allem die Art und Weise der Transaktien" (Felder) hatte die Mannheimer verärgert. Obwohl nämlich die Adca ("Eine Bank, die sich ständig für Sie bemüht") noch im Sommer bei der 150-Jahr-Feier des Duden-Verlages die herzliche Verbundenheit der beiden aus Leipzig vertriebenen Unternehmen wortreich gefeiert hatte, verloren die Banker bis zuletzt über ihren Aktiencoup keine Silbe.
Zwar nimmt Klaus Rittershaus, seit Oktober neuer Vorstandsvorsitzer der Adca, arglos an: "Selbstverständlich ist doch wohl mit dem Bibliographischen Institut x-mal darüber gesprochen worden" -- aber so war es wohl nicht.
Erst aus der Zeitung erfuhren die BI-Manager. was zuvor -- von der Adca bestätigt -- der "Platow"-Informationsdienst als "Sensation für das deutsche Verlagsgewerbe" gemeldet hatte. Herbert Fleissner gedenke die "absolute Mehrheit" zu erwerben, hieß es da, und werde sich demnächst schon einmal "in Mannheim umschauen".
Da fehlt nur eine Kleinigkeit. Denn mehr als die Hälfte der BI-Namensaktien sind fest in Händen der Erben des Firmengründers Joseph Meyer, rund zehn Prozent liegen bei der französischen Bank Paribas. Adca-Vorstand Botho F. Heinrich brachte es lediglich auf ein Päckchen von 14 Prozent obgleich er jahrelang jedes frei werdende BI-Papier hamsterte.
Bertelsmann und Brockhaus zeigten sich interessiert, zuletzt hatte noch Georg von Holtzbrinck (Droemer-Knaur) angeklopft. Adca-Heinrich: "Nachgefragt wurde schon immer mal" -- aber das BI-Paket blieb im Tresor.
So kam das Angebot für den Münchner Herbert Fleissner wohl überraschend, doch durchaus gelegen. Bankier Heinrich nämlich hatte den Verleger ("Wir sind alte Bekannte") aufgefordert, er solle sich doch einmal das Mannheimer Institut "genau angucken". Heinrich: "Reiner Zufall, das ergab sich so."
Weil er aber "nicht als unbezahlter Ratgeber" in Mannheim tätig sein wollte, erzählt Fleissner, habe er sich von Freund Heinrich als Gegenleistung die Option auf die lange und sorgsam gehüteten Verlagsaktien ausgebeten. Heinrich war einverstanden: "Ich denke, da tut man was Gutes."
Der Münchner war als "kleiner Außenseiter" (Fleissner über Fleissner) ins Verlagsgeschäft gekommen und hatte sich zunächst mit allerlei Vertriebenenpostillen ("Deutscher Anzeiger für ein freies und ungeteiltes Deutschland", "Wehr und Heimat") einen Namen zugezogen. Als Herr über respektable Verlagshäuser wie Langen-Müller und Herbig gehört Fleissner heute zu den etablierten Buch-Machern.
Fleissners Buchprogramm reicht von Fernau ("Cäsar läßt grüßen") und Kishon, Hamsun und Wedekind bis zu Ostfriesenwitzen. Die Übernahme der renommierten Verlagstitel, mit denen das Bibliographische Institut jährlich mehr als 30 Millionen Mark umsetzt, wäre ganz nach seinem Geschmack.
Nur braucht er, um bei Dudens Erben, die despektierlich auf seinen "literarischen Laden" herabblicken" mitreden zu können, einige Punkte mehr als die 14 Prozent, die ihm Adcas Börsen-Vorstand Heinrich zuschob.
Mit der "Platow"-"Sensation" wurde deshalb ein durchsichtiges Börsenmanöver eingeleitet. Statt 720, bei denen der Bl-Kurs festlag, zahle der gar nicht knauserige Herbert Fleissner jetzt stolze 800, hieß es da, "das ist ein schöner Preis".
Allerdings: "Wer da Interesse daran hat, weiß ich nicht", rätselte Adca-Chef Klaus Rittershaus in der vergangenen Woche.
Börsenfachmann Heinrich könnte ihn aufklären: Mit solchen Offerten pflegen Stimmenfänger, wenn sie ein Unternehmen unter ihre Kontrolle bringen wollen, Wertpapierbesitzer zu motivieren, sich von ihrem Papierkram zu trennen.
Die ersten Mitläufer haben sich bereits auf die Socken gemacht, freut sich in München Herbert Fleissner: "Es melden sich schon Kleinaktionäre, die verkaufen wollen. Andere fragen, ob man nicht zusammen stimmen könne."
Er habe nicht mitmanipuliert, rechtfertigt sich derweil der "Platow"-Chefredakteur Gerhard Czerwensky. Das wünschte er in Mannheim dem Verleger Meyer ("Bitte ans Telephon") persönlich zu sagen.
Das Gespräch kam nicht zustande: Meyer ist seit über 100 Jahren tot.

DER SPIEGEL 49/1976
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