29.11.1976

RENTEN1.1, 1.4, 1.5.2.1

Vom Jahreswechsel an wird nicht mehr „geklebt": Die Rentenversicherungen schaffen -- nach 85 Jahren -- die Beitragsmarken ab. Experten befürchten Verwirrung unter den Versicherten.
Seit Wochen registriert die Landesversicherungsanstalt (LVA) in Münster, wie Rentenverwaltungen anderswo, "reichlich Anfragen". Denn, so LVA-Sprecherin Ursula Böhm, "ein Teil der Versicherten ist jetzt mit Sicherheit verunsichert".
Anlaß zur Verwirrung bieten rotgeränderte Anschläge in Westdeutschlands Postämtern, auf denen -- unter der Schlagzeile "ACHTUNG" -- Umwälzendes verkündet wird: "Alle Beitragsmarken der Rentenversicherungen werden abgeschafft."
Entschwinden wird, am ersten Ersten nächsten Jahres, was seit Generationen für Millionen ein Symbol sozialer Sicherheit gewesen ist: jene Karten aus lindgrünem oder gelbbraunem Karton, die, beklebt mit Beitragsmarken, Alten und Erwerbsunfähigen Rentenzahlung garantierten -- seit 1891, nachdem Otto von Bismarck die Invalidenversicherung eingeführt hatte.
"Kleben" für den Lebensabend freilich mußte in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten nur mehr eine Minderheit: Im Jahre 1942 hatten die Arbeitgeber begonnen, die Pflichtbeiträge ihrer Bediensteten im "Lohnabzugsverfahren" abzuführen. Betroffen von der jüngsten Neuerung ist aber immerhin noch eine Million Bundesbürger.
Freiwillig Versicherte und pflichtversicherte Selbständige -- darunter Hausfrauen und Hebammen, Komiker und Küstenfischer -- erfahren in diesen Tagen in den Postämtern per Plakat, daß sie dort demnächst keine Marken mehr bekommen werden, sie ihre Beiträge vielmehr "unmittelbar an den zuständigen Träger der Rentenversicherung" entrichten müssen; möglichst bargeldlos.
Wer Genaueres wissen will, soll sich eines Verfahrens bedienen, das, wie Sachbearbeiter Alfred Weber von der Landesversicherungsanstalt Westfalen einräumt, schon etwas "komisch" anmutet: Für Ratlose halten die Postämter nicht etwa Merkblätter bereit, sondern lediglich Postkarten ("Gebühr zahlt Empfänger"), mit denen bei den Anstalten der Arbeiter- oder Angestelltenversicherung "Informationsmaterial über die neue Art der Beitragsentrichtung" angefordert werden kann.
Die Anstalten wiederum versenden auf Anfrage ein höfliches Anschreiben ("Sehr geehrter Versicherter"), blaßgelbe "Anmeldevordrucke" ("um die späteren Geldeingänge ordnungsgemäß verbuchen zu können") sowie ein acht Seiten starkes "Merkblatt" ("Für die Höherversicherung gelten die Ausführungen unter Ziff. 1.1, 1.4, 1.5.2.1, 1.6.1, 1.6.2, 1.6.3, 1.8.1, 1.8.3, 1.8.4 und 1.11 entsprechend"). Die Merkblatt-Lektüre, urteilt Karl Hussmann von der LVA Rheinprovinz, erfordere "Zeit und gute Auffassungsgabe".
Freiwillig Versicherte, die künftig ihren Beitrag überweisen wollen, müssen auf dem Formular neben der zwölfstelligen Versicherungsnummer unter anderem den (frei zu wählenden) Verwendungszeitraum und die (selber festzusetzende) Zahlungshöhe vermerken -- Verrichtungen, die manch einem "zumindest zunächst Schwierigkeiten bereiten werden" (Abteilungsdirektor Wolfgang Oppenländer, LVA Württemberg).
Experten wie Günter Albrecht vom Frankfurter "Verband Deutscher Rentenversicherungsträger"" der die Umstellung vorbereitet hat, bleibt da nur zu "hoffen, daß es kein Tohuwabohu gibt" -- zumal die freiwillig Versicherten, die oft jahrelang keinen Beitrag abführen, bislang maschinell nirgendwo zentral erfaßt waren. Allein mit der Bestandsaufnahme dieser "anonymen Versicherten" kommt, weiß Oppenländer, "auf die Rentenversicherungsträger erhebliche zusätzliche Arbeit" zu.
In Schrecken versetzt die Rentenbürokraten jedoch vor allem der Gedanke, ein hoher Anteil der freiwillig Versicherten werde sich nicht auf die -- in den Merkblättern dringend empfohlene -- regelmäßige Kontenabbuchung einlassen, sondern für wechselnde Zeiträume, mit unvollständigen Absenderangaben zahlen: "Mit Meier" München, ohne jede Versicherungsnummer, können wir nix anfangen", sagt Helmut Groß von der LVA Oberbayern; so etwas könne "einen furchtbaren Verwaltungsaufwand" nach sich ziehen.
Im Endeffekt allerdings, darin stimmen die Fachleute überein, könne es zu einer spürbaren Verwaltungsvereinfachung kommen. Kurzfristig bereits winkt Entlastung der Post, vor deren Schaltern alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit Kleber-Kolonnen Schlange standen: Um Zinsgewinne mitzunehmen, verschoben Hunderttausende die Beitragszahlung jeweils bis zum Jahresende; fast 50 Prozent des Markenerlöses setzte die Bundespost alljährlich im Dezember um.
Auch für Versicherte bringt die Umstellung langfristig wohl eher Vorteile: Niemand müsse mehr, sagt Sachbearbeiter Weber von der LVA Westfalen, "wegen jedem Pfennig zur Post laufen". Und künftig ausgeschlossen seien "Pannen" mit gekauften, aber nicht geklebten Beitragsmarken: "Da kamen", erinnert sich Weber, "oft Karten mit losen Marken an, man wußte nicht wie und was -- und dann stand der Versicherte dumm da."
Kaum gescheiter allerdings wird sich vorerst manch einer wähnen, der ratlos vor Rentenmerkblättern und Fragebogen sitzt. "Viele Leute", kommentiert Reform-Organisator Albrecht die voraussehbaren Umstellungsschwierigkeiten für viele Bürger, "sind sich eben nicht bewußt, daß bei einem solchen Massenbetrieb nicht jeder mit Handschlag begrüßt werden kann."

DER SPIEGEL 49/1976
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