29.11.1976

HÜHNERHinter dem Komma

Unter Hühnerforschern ist wieder einmal Streit über die rechte Hennenhaltung ausgebrochen. Bonn finanziert einen umstrittenen Großversuch mit neuen Käfig-Batterien.
Am letzten Dienstag wanderten 3328 weiße Hennen der als friedfertig geschätzten Rasse "Leghorn" in die Käfige der Lehr- und Versuchsanstalt für Geflügelwirtschaft und Kleintierzucht in Krefeld-Großhüttenhof. Auf ihnen lastet schwere Verantwortung.
Wie sie gackern und wie sie legen, wie sie sich plustern und bewegen, entscheidet über das Schicksal ihrer rund 35 Millionen Leidensgefährtinnen in den Käfig-Batterien der westdeutschen Eierfabriken.
"Veranlaßt durch die Besorgnis zahlreicher Tierfreunde" nämlich hat sich das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft der Hühnerfrage wissenschaftlich angenommen. In einem mit 1,5 Millionen Mark Steuergeld subventionierten Großversuch will Bonn klären lassen, ob die "neuzeitlichen Haltungssysteme" dem Tierschutzgesetz entsprechen oder ob etwa der ehemalige Widerstandskämpfer und Kirchenpräsident Martin Niemöller recht hat. Schon vor Jahren hatte der Kirchenmann seinen "ersten Eindruck" von einer Hühnerfabrik so beschrieben: "Das muß für die armen Tiere ja schlimmer sein, als was wir im Konzentrationslager die Jahre hindurch haben ausstehen müssen!"
Die Krefelder Versuchshühner sollen drei Käfigtypen testen, die ausnahmslos den Lebensraum des Federviehs arg beschneiden: Eine Stehfläche im Format einer Schreibmaschinenseite, mehr ist für keine Henne drin. Nur die Anordnung ist unterschiedlich: Hintereinander, nebeneinander oder übereinander drängeln sich die Tiere.
Das Übereinander steht im Ruf besonderer Fortschrittlichkeit. Denn in diesem "Get-away" genannten Drahtgefängnis können sich die Hennen zu drei Sitzstangen emporschwingen -- falls die 16 bis 20 Käfiggenossinnen Platz machen.
Versuchsleiterin Rose-Marie Wegner, Professorin für Kleintierzucht, wird zusammen mit einem Dutzend anderer Hühnerprofessoren und Verhaltensforscher "mindestens fünf Jahre" das Treiben in den Käfigen begutachten. "Reproduzierbar und repräsentativ" wird zum Beispiel die Dauer des Gackerns vor dem Eierlegen gemessen
allzu lange Unruhe der fast zur Bewegungslosigkeit verurteilten Hennen gilt als Zeichen des Unbehagens.
Seit zehn Jahren schon untersuchen Sachverständigen-Gremien im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums die "tierschutzgerechte Haltung von Nutzgeflügel". Bislang legten sie zwei Gutachten vor. Das erste wurde 1972 vom neuen Tierschutzgesetz überholt. Beim zweiten konnten sich die Professoren nicht über die interdisziplinäre Hackordnung einigen. Die Verhaltensforscher widersprachen in ihrem Minderheitsvotum den Erkenntnissen der Agrarier.
Auch diesmal "ist keinesfalls sicher, daß die Ergebnisse verwertbare Äußerungen hergeben", dämpft Hennen-Forscherin Wegner vorwitzige Hoffnungen. "Vielleicht müssen wir noch 10, 20, 30, 100 Käfigtypen ausprobieren."
Verhaltensforscher Paul Leyhausen. von den Geflügel-Kapazitäten als "Katzen-Fachmann" diffamiert, hält die Versuche ohnehin "für reine Schaumsehlägerei". Denn "bis zu welcher Stelle hinter dem Komma" der Mittelwert bei der Käfigunruhe gehe, "nützt dem praktischen Zweck des Ministeriums, eine
Durchführungsverordnung zum Tierschutzgesetz erlassen zu können, überhaupt nicht".
Der Professor vermutet, die Krefelder Versuchsserie sei lediglich eine "Verschleppungstaktik" der Geflügelwirtschaft. Nach Differenzen mit Josef Ertls Beamten legte er Ende letzten Jahres den Vorsitz im Sachverständigen-Gremium nieder.
Seither sind die Käfighalter guter Dinge. "Wir können uns nicht vorstellen", räsoniert etwa Herbert Mißler von der Lohmann Tierzucht GmbH in Cuxhaven über den Ernstfall, "daß man die Käfighaltung verbietet."
Auch die vor Tierliebe gelegentlich fast blinden Hühnerschützer bauen nicht länger auf ein generelles Verbot. Sie versuchen deshalb, die Verbraucher durch Broschüren" Flugblätter und Aufkleber vom Kauf der Käfighennen-Eier abzuhalten. Ihre Alternative: "gute Bodenhaltung".
Die glücklichen Hennen der Bodenhalter können, wirbt etwa die niederrheinische Hühnerfarm Möllenhof, "noch scharren und sandbaden", wenn auch nur zu Tausenden in einen Stall gesperrt. Immerhin: Sie können sich darin frei bewegen und haben dreimal mehr Lebensraum als die Käfighennen.
Selbst diese kleine Freiheit hat ihren Preis. Wegen des höheren Futterverbrauchs verlangen die Bodenhalter pro Ei zwei bis fünf Pfennig mehr -- und können sich dennoch über flaue Nachfrage nicht beklagen.
Eher schon müssen sie sich um Nachschub sorgen. Der Münchner Frischei-Händler Werner Fischer-Weppler zum Beispiel, der mehrere Ladenketten beliefert, holt sich seine "Nesteier" aus der Bretagne.

DER SPIEGEL 49/1976
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