29.11.1976

AFFÄRENSchwerer Fall

Jahrelang sahen die Berliner Behörden zu, wie sich der Abschreibungsakrobat Friedrich Brante mit Staatszuschüssen eindeckte.
Seine Schiffe, darunter ein Massengutfrachter von 38 350 Tonnen, kreuzten die Weltmeere, seine Hotels standen an spanischer Küste und im deutschen Grenzgebiet. Seine mit Altstars wie David Niven und Glatzkopf Telly Savalas besetzten Spielfilme sollten gar den Weltmarkt erobern.
Das ging jahrelang gut. Unangefochten baute der frühere Büromaschinenhändler an seinem Imperium zu Lande und zu Wasser und -- mit reichlich Luft. Er dinierte mit den Größen der Berliner Politik und hatte gelegentlich einen leibhaftigen Bundesminister zu Gast. Und bei Geschäftsfreunden und Kapitalgebern aus Westdeutschland legte Friedrich Brante, 54, Unternehmer aus West-Berlin, Wert auf den Eindruck, er sei der Saubermann der deutschen Abschreibungsbranche.
Erst der wegen Betrugsverdachts erlassene Haftbefehl des Amtsgerichts Tiergarten ließ "Friedrich den Größten" (Branchenjargon) kleinlaut werden. Sechs Millionen staatliche Subsidien, so der Haftgrund, soll der Herr über siebzig Unternehmen zu Unrecht kassiert haben. Als die Staatsanwälte den Haftbefehl vollstrecken wollten, hatte er sich ins Ausland abgesetzt.
Noch einmal meldete er sich aus dem Irgendwo. Er verlangte "freies Geleit" (was abgelehnt wurde) und ließ den Mitarbeitern ausrichten, das Weihnachtsgeld sei gesichert.
Seit der vergangenen Woche ist auch das überaus fraglich, denn am letzten Mittwoch schlugen die Fahnder ein zweites Mal zu. Auf Anzeige der Berliner Finanzbehörden konfiszierten sie 50 Leitz-Ordner und leiteten ein weiteres, separat geführtes Ermittlungsverfahren ein. Diesmal lautet der Verdacht auf Steuervergehen im Zusammenhang mit Brantes Hotelaktivitäten in Spanien und seinen Reeder-Geschäften. Tatwert: mindestens 60 bis 80 Millionen Mark.
Ärgerlich für die Steuerzahler, peinlich für die Finanzbehörden. Allzu leichtfertig, das stellt sich im Fall Brante einmal mehr heraus, bedienten die Beamten jene Finanzakrobaten, die Bonns Subventionsgesetze bis an die Grenzen des Mißbrauchs ausnutzten.
Das Grundmuster blieb stets das gleiche: Die Regisseure der Abschreibungsbranche dachten sich ein mehr oder weniger sinnvolles Geschäft aus, warben bei steuermüden Großverdienern mit hohen Verlustzuweisungen und zweigten bis zu 25 Prozent des einfließenden Kapitals als Provision und Aufgeld ab. Danach hatten sie ausgesorgt: Selbst bei einem vollständigen Zusammenbruch der Firma hatte sich das Ganze für die Drahtzieher gelohnt.
Zwar schwemmten die als Anreiz für ein Engagement in Berlin gedachten Vergünstigungen und Investitionszulagen das erwünschte private Kapital in die Stadt -- doch die Glücksritter schwammen mit.
Findige Spekulanten wurden zum Mißbrauch der staatlichen Berliner Wirtschaftsförderung geradezu herausgefordert. Wurden zum Beispiel von einer Abschreibungsgesellschaft Maschinen oder Werkshallen gekauft, so genügte dem Finanzamt auch die Vorlage eines dubiosen Wechsels. Die Beamten genehmigten dann zügig die ausgelobte Investitionszulage (zehn oder 25 Prozent) und zahlten sie bar aus.
Ausgestattet mit diesen staatlichen Vorleistungen, umwarben die Abschreiber dann westdeutsche Anleger. Und die überwiesen den vielen GmbH und Co. KGs Million um Million.
Rund 300 Millionen Eigenkapital stecken heute in Brantes wirrem Imperium, sechs- bis siebentausend Kommanditisten müssen seit seiner Flucht um ihr Geld bangen.
Brante kam 1964 nach West-Berlin, um zu beweisen, daß die "Ausnutzung VOn Steuervorteilen zum Zwecke der Vermögensbildung sinnvoll und richtig ist" (aus der Eigenwerbung). Zielstrebig baute er sich innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Firmengruppe aus mindestens 70 Gesellschaften, die sich vor allem als Inkassostelle für neue Mittel aus dem Subventionstopf zu bewähren hatten.
In Berlin zog Brante -- nach eigenem Urteil eine "Unternehmerpersönlichkeit", ein "Motor und Ideenträger" -- Geschäftsbauten und Eigentumswohnungen hoch, über die General Leasing KG vermietete er Autos und Fernseher und versuchte sich schließlich auch im Textilgeschäft (Lenox Textil KG).
Bald schon wurde es dem Ideenträger in West-Berlin zu eng. Von der Zentrale in der Berliner Bundesallee zog es ihn mit dem Geld seiner Kommanditisten überall dorthin, wo Steuermillionen lockten: ins Zonenrandgebiet (Hotels), in den Schiffsbau, ins Filmgeschäft (Maclean, Admiral-Film) und nach Spanien.
Seit vergangenem Jahr verfolgt die Berliner Staatsanwaltschaft Brantes Spuren und stieß rasch auf Verdächtiges. "Durch drei selbständige Handlungen" in "einem besonders schweren Fall" -- so steht es im Haftbefehl -- habe Brante den Fiskus 1971 und 1972 um sechs Millionen Mark betrogen.
Die Fahnder hatten ein Karussell entdeckt, einen scheinbar ziellosen Geldverkehr zwischen Brante-Gesellschaften, bei dem der erste Zahler am Ende auch der Empfänger war.
So beantragten Anfang 1972 die Brante-Gesellschaften Lenotex, Lenox und General Leasing Investitionszulagen nach dem Berlinförderungsgesetz. Sie hatten angeblich der Brante-Firma Dora-Maschinenhandel KG Anzahlungen auf Investitionsgüter geleistet.
Die Finanzbehörden hatten keine Bedenken, als sich das Karussell zu drehen begann: Die General Leasing kassierte 900 000 Mark vom Staat für eine angebliche Anzahlung an die Dora-Maschinenhandel in Höhe von neun Millionen Mark. Den Ermittlungen zufolge legte die General Leasing fünf Wechsel über insgesamt neun Millionen Mark vor, die Brante-Hausbank Adca diskontierte die Wechsel und schrieb der Dora 8 878 750 Mark als Diskonterlös gut.
So gestärkt, überwies die Dora 900 000 Mark an die Friedrich Brante Ravenna KG, die der General Leasing am Fälligkeitstag der Wechsel 8,8 Millionen als Darlehen zur Verfügung stellte. Für Brante hatte sieh der Kreislauf gelohnt: Unabhängig von realen Geschäften waren 900 000 Mark vereinnahmt worden.
Die Kommanditisten allerdings sahen von Brantes Einnahmen keinen Pfennig. Und als sie im August 1976 für vier seiner Firmen eine Gesellschafterversammlung veranstalten wollten, war es offenbar zu spät. Brante sagte ab.
In dieser Woche wollen die Gesellschafter einen neuen Versuch wagen. Auf einer Kommanditisten-Konferen, soll der flüchtige Firmenchef abgesetzt werden, weil laut Dieter Schultze-Zeu von der Schutzvereinigung für Berliner Kommanditbesitz "sonst alles zusammenbricht".
Brante selbst wird kaum eingreifen. Denn auch sein Anwalt Gerd-Joachim Roos ist skeptisch: "Ich gehe davon aus, daß sich mein Mandant eines Tages bei mir melden wird, um die Sache aufzuklären."

DER SPIEGEL 49/1976
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