29.11.1976

MÜNCHENKeiner will

Am Amt des Münchner Oberbürgermeisters besteht kein sonderliches Interesse. Der Job gilt als Martyrium.
Noch In den sechziger Jahren, so erinnert sich der damalige Münchner Oberbürgermeister Hans Jochen Vogel gerne, gehörte es zum Reglement der Gemütlichkeits-Metropole an der Isar, "daß alle den Bürgermeister persönlich kennen und daß der Bürgermeister seinerseits alle Bürger persönlich kennt".
Auf seinem "abgeschabten Bürosessel" hinter der neugotischen Fassade des Rathauses sah der OB "schräg hinüber zum alten Peter" und hinab auf die Mariensäule. Vormittags um elf ertönte das Glockenspiel vor dem Fenster, und abends um neun rief der Nachtwächter. Kurzum: Das Amt, mit rund 10 000 Mark im Monat obendrein wohldotiert, hatte "einen besonderen Reiz", war "eine großartige Sache".
Das Glockenspiel ertönt zwar immer noch, aber die Gemütlichkeit ist längst dahin. Seit die olympischen Flammen erloschen sind, die der Stadt an der Isar noch einmal Glanz verliehen hatten, sinken die Einwohnerzahlen (derzeit: 1,3 Millionen) und wachsen die Schulden (derzeit: 1,4 Milliarden Mark). Das Regiment über die 40 000 Stadtbediensteten und eine Fläche von 300 Quadratkilometern ist längst, so scheint es, zum Martyrium geworden.
Die CSU, die einst ihre populärsten Haudegen wie Josef "Ochsensepp" Müller vergebens in die Schlacht um München schickte, kann nun, da ihre Wahlchancen durch den jahrelangen Zwist in der SPD entscheidend gewachsen sind, keinen geeigneten Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt mehr aufbieten.
Der oberbayrische Regierungspräsident Raimund Ebene, der in seiner Freizeit gerne Opern-Arien singt und von seiner Statur her durchaus geeignet schien, hat die Offerte vorletzte Woche dankend abgelehnt. Der bayrische Innenstaatssekretär Erich Kiesl (Wahl-Slogan: "I bin der Kiesl von der Au, da is der Himmi weiß und blau"), Chef der Münchner CSU, weigerte sich bislang standhaft, diesen "Schierlingsbecher zu trinken" (so ein Parteifreund).
Für so bewegend hielt Parteichef Strauß letzte Woche den Kandidaten-Handel und -Wandel in der Landeshauptstadt, daß er mit dem Hinweis auf die "Passionsspiele um das Oberbürgermeisteramt" von seinen eigenen Problemen abzulenken suchte. Doch nicht nur die Parteifreunde von der Christen-Union kamen bei der Suche nach geeigneten Kandidaten in Verlegenheit, sondern nun auch die Genossen von der SPD, die seit 1948 ununterbrochen den Oberbürgermeister und die Mehrheit im Rathaus der Bayernmetropole stellten.
Der amtierende OB Georg Kronawitter will nicht mehr. Der rechte Sozialdemokrat, ursprünglich Agrarexperte im bayrischen Landtag und ohnedies nicht gerade für das Amt des Großstadtchefs prädestiniert, sieht sich seit Amtsantritt 1972 von den Linken gepiesackt und verspricht sich offenkundig nichts Besseres für die Zukunft.
Die Münchner Linke, längst fest im Sattel, möchte das Rathaus an die kurze Leine nehmen. Die Rechte widersetzt sich, so gut sie noch kann, und schart sich um den selber verunsicherten Stadtchef, der sich mittlerweile mit all der Sturheit, deren ein Bayer fähig ist, jeglicher Kooperation mit dem Unterbezirk der Partei entzogen hat.
Dafür gelang es den Linken, das Rathaus zu infiltrieren -- so gründlich, daß unversehens zu Kronawitters Stadtkämmerer der linke Münchner Parteivorsitzende Max von Heckel wurde. Solchem Druck glaubte Kronawitter schließlich nur noch im Kollektiv widerstehen zu können. Zur Neuwahl im übernächsten Jahr, so ließ er die Genossen wissen, wolle er jedenfalls nur antreten, wenn er seine beiden Stellvertreter, die Bürgermeister Helmut Gittel und Eckhart Müller-Heydenreich, mitbringen dürfe.
Doch der eine zeichnet sich nach Ansicht des Gesamtvorstands durch zu wenige "typische SPD-Kennzeichen" aus, der andere ist von aufmerksamen Genossen gar schon "in der Münchner Schickeria" gesichtet worden -- die Münchner SPD-Vorsteher lehnten Kronawitters "personalpolitische Nötigungen" kurzerhand ab.
Nun werfen ihm führende Genossen vor, er habe bewußt sein Amt an den Nagel gehängt und nur deshalb bis zuletzt Interesse vorgetäuscht, um seiner Pension nicht verlustig zu gehen. Kronawitter-Gegner verweisen auf Artikel 123 des "Gesetzes über kommunale Wahlbeamte", wonach die Ruhestandsbezüge des OB bis "zur Vollendung des zweiundsechzigsten Lebensjahres" zurückgestellt werden können, wenn er sich "ohne wichtigen Grund nicht zur Wiederwahl für sein Amt" stellt.
Mit anderen Worten: Kronawitter, 48, kann trotz allen Ungemachs nicht einfach die Flinte ins Korn werfen, wenn er nicht den Verlust seiner Pension von monatlich rund 6000 Mark riskieren und Gefahr laufen will, in Kürze seinen Beruf als Landwirtschaftslehrer wieder aufnehmen zu müssen.
Gerade die lautstarke Nachtsitzung mit den Linken hat dem OB möglicherweise den laut Gesetz nötigen "wichtigen Grund" geliefert. Denn "unüberbrückbare ideologische Gegensätze" gelten nach einem Geheimbeschluß des Münchner Stadtrats als ausreichend zur Sicherung der Ruhestandsbezüge -und zwar schon seit 1972.
Kronawitter-Vorgänger Hans Jochen Vogel hat das, seinerzeit mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert, bereits durchgeboxt.
* Mit seinen Stellvertretern Müller-Heydenreich (l.) und Gittel.

DER SPIEGEL 49/1976
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