29.11.1976

„So gut müßte man immer verdienen“

Tausende von Libanesen, die seit Monaten als Flüchtlinge im Ausland leben, wollen dem Frieden trauen und wieder zurück in die Heimat. Doch das ist nicht leicht.
Denn der libanesischen Fluggesellschaft MEA stehen nur vier Maschinen zur Verfügung -- die restlichen sind auf Monate vermietet, fliegen Pilger von Westafrika nach Mekka. Und von den ausländischen Gesellschaften wagt sich bislang nur die "Air France" wieder in das von 19 Monaten Bürgerkrieg zerstörte Beirut.
So warten denn auf dem Hof der Taxizentrale in Syriens Hauptstadt Damaskus Libanon-Flüchtlinge sechs Stunden und länger, um in vollgepferchten Limousinen nach Haus zu fahren. "So gut müßte man immer verdienen", freut sich ein syrischer Chauffeur, der den Heimkehrern 25 Pfund statt der bisher üblichen sieben Pfund abnimmt.
An der Grenze verlangen syrische Paßbeamte von allen libanesischen Rückkehrern eine Sondererlaubnis, eine syrische, versteht sich. Ausländische Journalisten brauchen für ihre Arbeit im Libanon eine Bescheinigung des syrischen Informationsministeriums. Libanesische Zöllner gibt es auch wieder, doch die sind Statisten.
Die 80 Kilometer lange Fahrt von der Grenze nach Beirut führt durch einstige Einflußgebiete von Palästinensern, Moslems und Christen. Jetzt aber ist weit und breit kein Palästinenser und kein libanesischer Milizionär zu sehen. Das Land beherrschen syrische Einheiten der arabischen Friedenstruppe mit Panzern, Mercedes-Lastern und Geländewagen.
Im ehemaligen Palästinenser-Stützpunkt B?hamdun, in den Bergorten Aley, Dschamhur und Kahhale sind zahlreiche Häuser zerstört. Hier und da Reste hastig beiseite geräumter Straßensperren.
Die Hetzparolen und Durchhalteaufrufe der libanesischen Bürgerkriegsparteien sind überpinselt, dafür kleben an jedem Telegraphenmast fahnengeschmückte Zettel mit der Aufschrift: "Die Unabhängigkeit von 1943 wird erst jetzt Wirklichkeit" und Porträts des syrischen Staatschefs Hafis el-Assad.
Am Rondell vor der zerschossenen Fassade der Zeitung "El-Anwar", sozusagen am östlichen Stadttor Beiruts, trennen sich die Fahrgäste. Moslems fahren nach West-Beirut weiter. Christen steigen in Taxis in die östlichen Stadtviertel um. "Das wird wohl immer so bleiben", fürchtet Aschraf Sunbul, aus Damaskus zurückkehrender Rechtsanwalt.
Getrennt arbeiten die Post, die Müllabfuhr, die wiedergeöffneten Schulen -- aber immerhin: sie arbeiten. Christliche Elektriker im Osten, Moslems im Westen haben Beiruts zerstörtes Stromnetz repariert, und Elektrizität wird den einzelnen Stadtteilen stundenweise zugeteilt.
Trotz der Anwesenheit syrischer Truppen -- Sudanesen, Saudis und andere Mitglieder der arabischen Friedenstruppe sind kaum mehr als ein Symbol -- trauen die Libanesen dem Frieden nicht. Noch immer wechseln die meisten Beirutis am stark bewachten Museumskontrollpunkt (Beiruts "Checkpoint Charlie") ins andere Viertel. Die anderen jetzt geöffneten Übergänge sind vielen noch suspekt.
Syrer eskortieren christliche Flugpassagiere zum Flughafen im moslemischen West-Beirut. Verwandte und Bekannte besuchen einander schon mal zur Mittagszeit. Doch abends ist Beirut wieder geteilt.
Geteilt sind noch die Verwaltungen. Die christliche Falange-Polizei und die Sicherheitsorgane der Moslems arbeiten jedoch bereits mit der arabischen Ordnungsstreitmacht zusammen, die dafür sorgen soll, daß keine Waffen mehr getragen werden. Die fremden Friedenssoldaten greifen drakonisch durch.
Selbst Dani Chamoun, Sohn des rechtsextremistischen marxistischen Expräsidenten Camille Chamoun und Anführer der gefürchteten "Tiger"-Mihz, wurde samt Gefolgschaft auf offener Straße von Syrern entwaffnet und vorübergehend verhaftet.
"Sicherheit ist wichtiger als Brot", erklärt Präsident Sarkis. Wie wahr: Im Gegensatz zur Sicherheit hat es im Li-
* Nach traditionellem Willkommensgruß werfen die Beiruter Reiskörner auf die syrischen Soldaten.
banon eigentlich immer Brot gegeben. Jetzt plötzlich werden sogar wieder dänischer Schinken, chinesische Bambusspitzen und die neuesten französischen Schallplatten angeboten.
Dafür sind die Preise in schwindelnde Höhen geklettert. Ein Kilo Fleisch, das früher für acht Mark zu haben war, kostet heute das Doppelte. Um 100 Prozent teurer sind auch Reis. Mehl, Obst und Gemüse. Der Laib Brot stieg von zehn Piaster auf 25 Piaster. Der Benzinpreis schnellte von 35 Pfennig für den Liter Super auf 80 Pfennig. Taxen kosten das Vier- bis Fünffache. Die öffentlichen Verkehrsmittel verkehren noch nicht wieder. Billig dagegen sind Whisky (acht Mark die Flasche) und Zigaretten (die 20er-Packung zu 33 Pfennig).
Für die Heimkehrer ist der billige Whisky ein schwacher Trost; denn fast alle erleben böse Überraschungen: Leerstehende Wohnungen wurden geplündert oder von den Bürgerkriegsparteien an Obdachlose "vermietet". Hausbesitzer sitzen genauso auf der Straße wie Mieter.
Und Arbeit gibt es kaum. "90 Prozent der Libanesen sind arbeitslos", schimpft ein Mitarbeiter von Präsident Sarkis. "Fast schon ein Wunder, daß die Leute überleben."
Jetzt bewährt sich arabische Sippensolidarität. Begüterte Verwandte helfen mittellosen Familienmitgliedern mit Geld und Nahrungsmitteln. Auch zahlen Beiruts Stadtverwaltung, die Regierung und einige Firmen seit Monaten einen Teil des Monatsgehaltes weiter in der Hoffnung. daß der Friede bald einziehen und einen neuen Boom auslösen wird.
Andere Unternehmer, wie der Inhaber des Konfektionshauses Charles Jakub, haben einen Teil der Angestellten mit ins Ausland genommen -- bis nach Paris. Auch sie wollen sobald wie möglich zurück nach Beirut.
Dort fürchtet man, daß das ins Ausland abgeflossene Kapital und die ausgesiedelten Firmen nicht schnell genug in den Libanon zurückkehren. Denn nur dann könnten Tausende Familien überleben. Noch haben die Auslandsfirmen ihre Niederlassungen geschlossen. Von den rund 1500 Deutschen sind höchstens 150 geblieben.
So herrscht denn trotz allgemeiner Erleichterung über den Waffenstillstand und das Ende der Kanonennächte allenthalben Bedrückung und Angst vor der Zukunft. "Wir wollen kein syrisches Mandat", steht an Häusermauern im christlichen Beirut, und die linksextreme "Volksfront zur Befreiung Palästinas" fordert: "Ja zu einem neuen Vietnam."
Aber zum erstenmal seit einem Jahrzehnt sind solche Parolen das einzige Zeichen für die Anwesenheit der Palästinenser im Straßenbild der libanesischen Hauptstadt.
Von Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 49/1976
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