29.11.1976

USANeue Hackordnung

Die Hauptstadt wartet auf den Einzug des neuen Präsidenten. Die Lobbyisten bangen, die Diener der alten Administration schreiben Bewerbungen.
Jimmy Carter kommt mit der Erdnuß-Brigade aus Georgia -- und nichts stimmt mehr in Washington. Jedenfalls nicht für jene, die bislang immer glaubten, daß sie etwas galten in der Hauptstadt.
Denn mit dem Neuen kommt, wußte "Newsweek", auch eine "neue Hackordnung" -- viel einschneidender als bei früheren Machtwechseln.
Die Kennedys, die Johnsons, die Nixons und Fords hatten vor dem Einzug ins Weiße Haus immerhin schon ihr halbes Leben am Potomac zugebracht.
Carter dagegen hat nie in der Hauptstadt gewohnt, seinen Wahlkampf sogar gegen "die da" in Washington geführt. Und so sorgen sich nun die Bürokraten, ob sie Carters Reorganisation der Bürokratie überleben werden, sorgen sich jene, die sich bislang für einflußreich hielten, ob Carter sie auch dann noch übergehen wird, wenn er erst einmal in Washington ist, sorgen sich die Gastgeber der Society von gestern, ob sie morgen überhaupt noch Gäste haben werden.
Richtig optimistisch scheint niemand. Zu tief verwurzelt ist das Mißtrauen, die Arroganz gegenüber den vermeintlich ungeschliffenen Kohorten, die nun aus dem Süden einfallen.
Trägt nicht deren Chef, obwohl inzwischen zum Präsidenten gewählt, immer noch seinen Kleidersack selbst aus dem Flugzeug? "Ich hoffe, er hört damit auf", empörte sich eine angestaubte republikanische Lady, "er ist doch kein Hotelbursche. Ein solches Benehmen ist die Schande für das Amt."
Und Carters rechte Hand, Hamilton Jordan, hat schließlich, wenn auch im Scherz, schon gedroht·. "Wir werden unsere Wohnwagen auf dem Rasen hinter dem Weißen Haus aufstellen und dort unsere Barbecues veranstalten."
In Georgia rüsten unterdes Hunderte zum Aufbruch in die Hauptstadt. "Das lauteste Geräusch", so der farbige Georgia-Parlamentarier Julian Bon, "ist das Klicken der Schlösser an Tausenden von Koffern, die für den großen Exodus gepackt werden."
In Washington sieht man ungewöhnlich viele Menschen, die den Gepäckanhänger der Fluggesellschaft mit den magischen Buchstaben ATL (Atlanta) ungewöhnlich lange an ihrem Handköfferchen lassen -- zum Nachweis der Tatsache, daß sie bereits im neuen Mekka der USA waren und nun dazugehören.
Bestand haben wird auf jeden Fall der neue Salon von Smith und Vicki Bagley, er millionenschwerer Erbe des Reynolds-Tabakkonzerns aus dem Südstaat North Carolina" sie eine patente Grundstücksmaklerin, beide waren schon für Carter, als Washington noch fragte: "Jimmy who?"
Für 300 Dollar pro Tag mietete sieh Jimmy für seinen Kurzurlaub gleich nach der Wahl das Anwesen der Bagleys auf der Georgia-Insel St. Simons, Für 650 000 Dollar kauften sie sich inzwischen in Georgetown ein: Prominenz von morgen, die zuvor bei einem Großen von gestern logierte, Edward Kennedy.
Zuversicht herrscht auch bei denen, die bisher noch bei jedem Machtwechsel ihr Geschäft machten, den Maklern des raren Washingtoner Grund und Bodens. Am Morgen nach der Wahl bereits, Schlag acht Uhr, bat einer telephonisch im Weißen Haus um eine Liste der republikanischen Abgänger. Andere warben in den Zeitungen von Georgia um südliche Ankömmlinge.
Die erwartet allerdings, nach den Worten eines Maklers, ein "Kulturschock". Denn "ein Vier-Zimmer-Haus, das in Atlanta 40 000 Dollar kostet", entsetzte sich Carters Chef-Programmatiker Stuart Eizenstat, "kostet hier 80 000".
Seinem Kollegen Jack Watson, der das Büro für den Übergang von Ford zu Carter leitet, wurde in Georgetown gar ein Kleinsthaus mit Schrankküche und Minibad für 104 000 Dollar angeboten. Watson verzichtete, und auch Jody Powell, Carters Pressesprecher, mochte bei solchen Preisen nicht kaufen: Er zog zur Miete an den Rand von Georgetown.
Denn wenn auch die Regierungen kommen und gehen -- die Häuser werden in Washington immer knapper. weil außer den Spitzen der Behörden nur wenige wieder abwandern. Das "Potomac-Fieber" bindet sie an die Hauptstadt -- so auch Fords alten Freund und Anwaltspartner Philip Buchen, einen der eifrigsten Party-Besucher.
Er will sich mit einem anderen Ford-Berater als Anwalt in Washington niederlassen. Geflügeltes Wort all derer, die auf eine neue Administration ihrer Couleur warten: "Von hier aus kann man einfach nicht zurück nach Pocatello" -- der Name steht für irgendein Kaff, aus dem man einst kam.
Und schließlich bleibt auch, trotz aller Widrigkeiten, die Heerschar der Lobbyisten in der Stadt, schon vor dem Amtsantritt des neuen Präsidenten bemüht, die richtigen Fäden zu ziehen.
"Die großen Firmen", so beschreibt der Anwalt Joseph L. Rauh, Führer der liberalen Gruppe "Amerikaner für demokratische Aktion", die gängige Methode, "zeigen nun eben statt ihres Republikaners ihren Demokraten vor. Wenn sie einen Demokraten aus dem Süden haben, werden sie ihn stärker in den Vordergrund rücken. Und wenn sie gar einen aus Georgia haben -- um so besser."
Ob diese Methoden aber beim sauberen Jimmy verfangen? Jody Powell antwortet lakonisch: "Wenn Joe Rauh ins Weiße Haus kommen will, muß er die Besichtigungstour für Touristen mitmachen."
Die Lobby von Auto und Öl hat bereits ihre erste Niederlage einstecken müssen. Dankend, aber entschieden lehnten die jungen Männer, die Jimmys Amtseinführung vorbereiten, das Angebot ab, Leihlimousinen und Treibstoff für das große Fest der Amtseinführung am 20. Januar kostenlos entgegenzunehmen -- wie es Richard Nixon zweimal getan hatte. Kosten allein des Benzins, das gespendet werden sollte: über 25 000 Dollar.
"Gesellschaftliche Prominenz in Washington", erkannte die Gesellschaftsjournalistin Sally Quinn, die sich schon früh im Wahlkampf gut mit Jimmy stellte, "ist gleichbedeutend mit Macht. Wer Macht hat, ist in, wer keine hat, ist out."
Donald Rumsfeld zum Beispiel, als Verteidigungsminister einst heller Stern am republikanischen Himmel, bemüht sich derzeit um einen lukrativen Job in der Privatindustrie und wartet bereits auf die Packer.
Henry Kissinger, so heißt es immer noch, könne Nahost-Sonderbotschafter werden. Seinen Nachfolger als AA-Chef will Carter im Einverständnis mit dem Außen-Ausschuß des Senats finden -- das wäre total neu.
Niedere Chargen der Ford-Regierung haben es jetzt schwer. "Hier arbeiten nur noch ein halbes Dutzend Leute", lästert etwa ein Karrierebeamter im Budgetbüro des Präsidenten. "Der Rest hat sich eingeschlossen und schreibt Bewerbungen. Die Xerox-Maschinen sind schon auf Stunden im voraus ausgebucht -- zum Photokopieren von Lebensläufen."
Aber Washington, das Jimmy Carter am 2. November mehr als 80 Prozent der Stimmen gab, nimmt genüßlich Rache für acht Jahre republikanischer Herrschaft. "Diese Maschine", verkündet eine Photokopie im Schaufenster eines Photokopier-Instituts in der Innenstadt, "photokopiert keine republikanischen Lebensläufe."

DER SPIEGEL 49/1976
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