29.11.1976

KAPITALBeinahe unvorstellbar

Die USA sind das neue Investitionsparadies für Europas Unternehmer und Privatanleger. Amerika gilt als letzte sichere Bastion des Kapitalismus.
Zwei Jahrzehnte lang fürchteten die Europäer den Ausverkauf ihrer Industrien an die Amerikaner. Hunderte von US-Firmen überschwemmten mit Milliarden Dollar den alten Kontinent, kauften europäische Unternehmen auf und gründeten neue Tochtergesellschaften.
Jetzt registrieren die Amerikaner eine "überwältigende Umkehr" (US-Wirtschaftsmagazin "Business Week") des Kapitalstroms, eine "neue Einwanderungsbewegung -- mit Geld" (Nachrichtenmagazin "Newsweek").
In der Tat: Europas Firmen, private Anleger, aber auch den Geldadel drängt es wie nie zuvor in das, wie ihnen scheint, letzte Dorado des Kapitalismus.
Ausländische Unternehmer investierten allein im letzten Jahr 4,3 Milliarden Dollar (elf Milliarden Mark) in Fabriken in USA -- fast 20 Prozent mehr als 1974. Weitere fünf Milliarden Dollar, schätzen Wallstreet-Experten, kommen in diesem Jahr hinzu. Und bis Ende dieses Jahrzehnts, erwarten Analysten der Beratungsfirma Arthur D. Little, werden die Direktinvestitionen der Ausländer -- vor allem Westeuropäer und Japaner in den USA auf 50 Milliarden Dollar steigen.
Für den Run auf Amerika hat David de Rothschild, Direktor bei der Pariser Banken-Holding des französischen Clans, vor allem eine Erklärung: "Wenn Sie das Gefühl haben, in Europa könnte die Linke an die Macht kommen, und Sie sich dann in der Welt umsehen, werden Sie feststellen, daß es neben den USA und Kanada kaum Länder gibt, in denen die langfristigen Risiken noch akzeptabel sind."
"Amerika ist das liberalste Land der Welt", begründet auch Michel Collas, Generaldirektor des französischen Stahlkonzerns Creusot-Loire, den Drang der Europäer nach Übersee. "Wenn ich persönlich Geld anzulegen hätte", bekennt VW-Chef Toni Schmücker, "würde ich das in den USA tun."
Was lockt -- aber von Managern und Privatanlegern nur selten zugegeben wird -, ist die Finanzfestung Amerika. nicht bedroht von Sozialisten und Kommunisten, ein Land ohne Mitbestimmung und staatlichen Wirtschaftsdirigismus, ohne immer drückender werdende Steuerlast, eine Nation der noch immer unbegrenzten Möglichkeiten, zumindest für die Reichen.
So kaufte sich Westdeutschlands Friedrich Karl Flick mit Geldern aus dem Verkauf seiner Daimler-Aktien beim US-Chemiekonzern W. R. Grace & Co. ein -- für 250 Millionen Mark. Baron Edmond de Rothschild erwarb für 23 Millionen Dollar eine 25-Prozent-Beteiligung an der BanCal Tri-State Corp., Holdinggesellschaft der Bank of California. Italiens reichster Mann, Fiat-Chef Giovanni Agnelli, favorisiert gleichfalls, behaupten Insider, Vermögensanlagen in USA.
"Es ist beinahe unvorstellbar", weiß ein Pariser Bankier, "wie viele Leute sich heute auf der anderen Seite des Atlantiks rückversichern."
Allerdings sind Kommunisten-Furcht, Unbehagen an wachsender Gewerkschaftsmacht und allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen Kurs nicht
Tatsächlich wurde für viele Unternehmer erst mit dem Kursverfall des Dollar, gegenüber der Mark beispielsweise seit 1971 um über 25 Prozent, ein US-Engagement erschwinglich.
Gleichzeitig verteuerten sich durch den Kaufkraftverlust der US-Währung Amerikas Einfuhren aus Europa -- verstärkt noch durch den rapiden Anstieg der westeuropäischen Lohnkosten. So stiegen in den USA die Lohnstückkosten von 1970 bis 1975 um 34 Prozent; in der Bundesrepublik hingegen kletterten sie um 44 Prozent, in Frankreich erhöhten sie sieh um 76 Prozent, in England um 91 Prozent.
Damit wurde es für manche Firmen günstiger, in den USA zu produzieren als etwa in Westdeutschland oder Frankreich. Die hohen US-Renditen lockten schließlich immer mehr Unternehmen über den Atlantik.
Die Liste der Auslandsinvestoren" die sieh in Amerika drängeln, liest sich denn auch längst wie ein "Who is Who" der europäischen Großindustrie.
Die Chemieriesen Bayer, BASF und Hoechst etwa engagierten sich stärker als die Konzerne aller anderen Branchen in den USA. Die großen Drei pumpten allein in den letzten zehn Jahren 3,5 Milliarden Mark für den Aufkauf von Firmen und den Bau von Fabriken nach Amerika.
Und künftig wollen Deutschlands Chemiefirmen mehr noch als bisher mit Investitionen jenseits des Atlantiks in die vollen gehen: die BASF zum Beispiel bis 1979 mit 900 Millionen Mark.
Andere Unternehmen ziehen mit massiven US-Investitionen nach: VW etwa mit 500 Millionen Mark, Korf Stahl (200 Millionen Mark), Degussa (250 Millionen Mark).
Innerhalb nur eines Jahres ist die Zahl deutscher Firmen mit Tochtergesellschaften oder Beteiligungen in Amerika um 25 Prozent auf 506 Unternehmen gestiegen. Bis zur Jahresmitte hatten westdeutsche Unternehmen insgesamt fast fünf Milliarden Mark in den USA investiert.
Aber auch die Konkurrenten aus Frankreich, Italien. Großbritannien und Schweden zogen mit nach drüben. "Die neuen Emigranten heißen Saint-Gobain-Pont-à-Mousson, Michelin, Creusot-Loire und Thomson, aber auch Téfal, Rossignol und Bongrain", verkündete das Pariser Wirrschaftsmagazin "L?Expansion". Und: "Zweifellos sind unsere Manager von der Solidität des sozioökonomischen US-Gebäudes tief beeindruckt."
Frankreichs Reifengigant Michelin beispielsweise legte 300 Millionen Dollar für Reifenfabriken in USA an, weitere 300 Millionen Dollar sollen alsbald folgen. Rossignol stellt sich ein Werk in die USA, das 240 000 Paar Ski pro Jahr produzieren kann.
In England sprangen Konzerne wie Imperial Chemical Industries, Maschinenbauer Babcock & Wilcox, Lebensmittelkonzern Cavenham und der Flugzeugproduzent Hawker Siddeley mit Millionen-Beträgen auf den Transatlantik-Dampfer.
Ob aus Westdeutschland, Frankreich oder Britannien -- die meisten Investment-Banker der Walistreet sind sich einig, daß der Einwanderungsstrom westeuropäischer Unternehmen in die USA noch viel stärker ist. Denn viele Privatfirmen vermeiden jede Publizität.
Das gilt neuerdings auch für private Geldanleger, die von Amerika magisch angezogen werden. Dabei sind Grundstücke, Farmen und Eigentumswohnungen bevorzugte Anlageobjekte.
Allein die Kölner Europäische Treuhand verkaufte innerhalb eines Jahres für 100 Millionen Mark Farmen. Zu den Kunden zählte unter anderen Verleger Franz Burda.
Der Friedrich Flick KG gehört die Hauseigentümergesellschaft Mercure Company, die im texanischen Houston für 40 Millionen Dollar das Entex-Building kaufte. Die Luxus-Appartements (ab 200 000 Dollar) im Olympic-Tower an New Yorks Fifth Avenue wurden zum Hit für Europäer -- allen voran Italiener.
So groß ist der Ausländer-Boom bei Immobilien in USA, daß sogar das renommierte Londoner Kunstauktionsbaus Sotheby in das Geschäft einstieg. "Wir wurden immer häufiger von Kunden gefragt", begründet Charles H. Seilheimer jr., Präsident der Sotheby Parke-Bernet International Realty Corporation, den Schritt, "ob wir mit den Kunstwerken für die Wände nicht auch die Wände selber besorgen könnten."
Sotheby verkauft nur Luxusbauten von 200 000 Dollar aufwärts. Ländereien mit stattlichen Herrensitzen kosten die europäischen Sotheby-Kunden zwischen 300 000 und 1,5 Millionen Dollar.
Der Treck der Unternehmer und Privatanleger nach USA, meint Seilheimer, ist durchaus plausibel: "Wenn sie die turbulenten Veränderungen sehen, die sich in letzter Zeit in Europa abgespielt haben, zieht es sie in ein stabiles Klima.

DER SPIEGEL 49/1976
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